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Blog 76: Geben und Nehmen - Von Bernd Schmid 03.02.2012
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Ein Dilemma kommt selten allein.
Heute in den Nachrichten: Die Vertreter Griechenlands würden „in geradezu herrischer Weise“ mehr Hilfe durch die anderen europäischen Länder verlangen. Stirnrunzeln!
Ist es nicht so, dass von Griechenland wesentliche Zusagen nicht eingehalten werden? War nicht schon bei Griechenlands Aufnahme in die Solidarität der EU Betrug im Spiel? Wieso sollen es imperialistische Attitüden sein, wenn Geber verlangen, dass das Fass einen Boden bekommt? Wie kann es sein, dass die Reichen Griechenlands dort gescheffeltes Geld ins Ausland verschieben, während andere die hinterlassenen Löcher stopfen sollen?
Da regen sich Reaktionen, wie wir sie auch sonst aus Beziehungen kennen. Was im konkreten Fall Griechenlandhilfe als gerecht, vernünftig oder human angesehen werden muss, möchte ich offen lassen. Spannend finde ich, dass hier vielleicht ein Paradox zum Ausdruck kommt, das man auch bei Auseinandersetzungen um Anrechte, Ansprüche und Entgegenkommen in anderen Beziehungen beobachtet kann: Einige, die am wenigsten beitragen, wenn Suppe gekocht wird, beeilen sich, mit möglichst großen Tellern beim Austeilen derselben zur Stelle zu sein. Oft stellen die, die nicht wirklich reichlich beigetragen haben, die höchsten Ansprüche an das, was geworden ist bzw. an die anderen in der Gemeinschaft. Diese Ansprüche werden mit Verbissenheit vorgetragen und aus einer erstaunlichen Geschichtsschreibung abgeleitet. Abenteuerliche Rechnungen werden aufgemacht, bei denen die tatsächlichen Köche schlecht und die Suppenpiraten gut wegkommen. Das ruiniert auf Dauer Großzügigkeit und Friedfertigkeit der geduldigsten Köche. Statt dass sie ihre Beiträge gewürdigt sehen, werden ihnen Ausbeutung, Missbrauch oder gar Betrug unterstellt. Wird da nicht durch ein Haltet den Dieb! die Aufmerksamkeit fehlgelenkt?
Müsste der Vorteilnehmer nicht irgendwo wissen, wie ungerechtfertigt seine Haltung ist? Darf die Scham darüber nicht zu Bewusstsein kommen? Würde er sich erst recht erniedrigt fühlen? Er müsste sich die eigenen Mängel, die eigene Anmaßung und das Profitieren von anderen eingestehen. Wird hingegen die Großzügigkeit der Geber als (zumindest moralisches) Herrschaftsgebaren interpretiert, können sich die Nehmer mit dem eigenen Opferstatus und Ansprüchen auf Wiedergutmachung beschäftigen. Durch Lärm soll vermieden werden, dass all dies offensichtlich wird, und dass man es bei diesen Rahmensetzungen nicht auf Augenhöhe schafft. Stattdessen auch noch die Großmut der Geber anzuerkennen, würde den Gesichtsverlust - auch vor sich selbst- so verschärfen, dass man selbst viel Großmut brauchte, um dennoch gerecht zu bleiben. Kann dies -psychologisch betrachtet- in einer solchen Lage erwartet werden?
Bei den Gebern, könnte man denken, wäre die Lage komfortabel. Dies stimmt vielleicht bezüglich der materiellen Lage. Denn wer bisher gut Suppe kochen konnte, wird dies auch weiterhin können und tun, selbst wenn er viel abgibt. Doch wie ist die Seelenlage? „Was soll’s?“ könnten die Geber eigentlich sagen und der Sache ihren Lauf lassen. Doch will man diesem Treiben Vorschub leisten? Wer will sich schon übervorteilen lassen? Sollte man dem Einhalt gebieten, auch wenn dies ein heikles Unterfangen ist? Lohnt es, seine Kräfte dabei zu verzehren? Eigentlich nicht. Aber will man auch noch eine erlebte Imagebeschmutzung hinnehmen? Dann wird einem doppelt genommen. Aber, wie sich wehren, ohne die unfruchtbare Auseinandersetzung fortzusetzen und den Schaden noch zu vergrößern? Zwar hätte man zunächst gerechte Motive, doch müsste man den weiteren Schaden mitverantworten, weil man ja weiß, wohin das führt. Denn: „Im Rechthaben verharren führt zu Unrecht“[1] Eine loose-loose-Situation innerhalb der entstandenen Optionen und für beide Seiten, ein Dilemma[2].
Hätte man das verhindern können? Ein klarer Umgang mit dem Geldbeutel erhält die Freundschaft, sagt der Volksmund. Doch soll man wirklich in Freundschaftsbeziehungen rechnen? Muss denn alles kommerzialisiert werden? Eher nicht, doch wenn Geben und Nehmen nicht irgendwie ausgeglichen wird, gehen Freundschaften eben auch baden. Alles muss irgendwo seinen Ausgleich finden. Man kann guten Gewissens von Beziehungsökonomie sprechen. Wer das verteufelt, muss mal näher nachschauen, welche seiner „zwischenmenschlichen Geschäfte“ unter der Ladentheke abgewickelt werden sollen. Helm Stierlin spricht vom Verrechnungsnotstand[3]. Großzügigkeit allein ist keine Lösung, sondern ein Holzweg, den man leicht aus Bequemlichkeit, Überlegenheitsneigungen oder falsch verstandener Selbstlosigkeit zu gehen bereit ist. Also besser, man klärt frühzeitig mit sich und untereinander, wie es mit Geben und Nehmen und mit der Augenhöhe steht. Dabei geht es nicht unbedingt um Kommerz. Neben Geld gibt es viele Maßeinheiten, in denen gerechnet werden kann, und viele Währungen, die dabei zählen. Man sollte sich verständigen, was für wen wie zählt, sonst stimmen die Rechnungen nicht und erst recht nicht überein. Währungen, für es die üblichen Preisschilder nicht gibt, sind z.B. Kreativität, Aufmerksamkeit, Hingabe, Würdigung, Solidarität, Treue, Engagement oder Mut. Ich jedenfalls, traue solchen, deren Rechnungen ich kenne und die meine kennen, mehr als solchen, die die Augen davor verschließen und vielleicht in untergründigen Buchhaltungen Gläubigerpositionen aufbauen. Stehe ich selbst zu dem, was ich aus der Beziehung nehmen will, dann können wir gemeinsam mit unseren Bilanzen umgehen und so einer Entgleisung der Beziehung vorbeugen. Manchmal gibt eine Beziehung auch weniger als erwartet, dann muss man auch damit umgehen. Sonst zahlen alle irgendwie drauf. Und das zerstört, was die Beziehung sein kann.
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