Blog 67: Freiheit lernen - Von Bernd Schmid 03.06.2011
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Es ist leicht das Leben schwer zu nehmen und es ist schwer, das Leben leicht zu nehmen.
Erich Kästner
Der Garten ist neu angelegt. Uns besuchen Enten und Reiher und inspizieren den neuen Teich. Eine Bachstelze trippelt den Kiesrand entlang. Amseln, Krähen, Tauben und die in der Tanne nebenan wohnenden Elstern kommen baden. Alles ist so bequem und übersichtlich. Libellen, Molche, Feuersalamander haben sich wie selbstverständlich wieder eingefunden. Solche Freuden verscheuchen kritische Gedanken, die sich vielleicht zu oft in mir regen. Dann werde ich ganz mild und will allem seine Freiheit und der Zeit ihren ungezwungenen Lauf lassen.
Doch auch heute gibt es eine to-do-Liste. Ich habe wieder übernommen unseren Männerurlaub im November organisieren. Sonne, Meer, ungezwungenes Beisammensein, vertrauensvolle Gespräche, inspirierende Provokationen.
Eigentlich passt die Aussicht auf Novembertage heute nicht so recht ins Gemüt. Aber „wat mutt dat mutt!“. Ich schränke meine nahe Freiheit ein, um einer gemeinsamen und ferneren willen.
Apropos Männerurlaub und Freiheit. Gerald Hüthers neues Buch muss jetzt gerade erschienen sein[1]. Er hat es auf unserer Männerurlaubssonnenterasse über dem Meer fertig geschrieben, sein Genusspfeifchen schmauchend. Ich wollte davon ein Foto machen. Da blickt er auf und fragt: Wie ist das mit der Freiheit? Erzähl mir das mal! Warum haben so viele Menschen Angst vor der Freiheit?
Einfach so aus der Hüfte? Haben sich nicht schon Klügere darüber die Köpfe zerbrochen, Schiller und der Deutsche Idealismus und so?
Ok, ich probier’s, was mir halt einfällt: Weil Freiheit nur die eine Seite der Medaille ist. Menschen brauchen auch Sicherheit. Deshalb bleiben sie gerne in vertrauten Rahmen, auch wenn diese manchmal eng scheinen. Unwägbare Freiheit wird als riskant erlebt und verunsichert. Oder sie probieren’s hopplahopp, setzen sich über die Rahmen hinweg. Da können sich dann neue Wege auftun, auf denen sie vorankommen. Doch oft genug fallen Sie nur auf der anderen Seite vom Pferd, haben nicht bedacht, was dabei verloren gehen kann. Dann schrecken sie zurück und suchen erst recht in alten Rahmen Zuflucht, nach dem Motto: Ich hab`s einmal probiert, ..... Manche pendeln lebenslang zwischen Rebellion und Opportunismus. In Sachen Freiheit nichts gelernt.
Doch Freiheit will gelernt sein. Freiheit ist ein Kulturgut und eine persönliche Lebenskunst: Unterscheiden, würdigen, abwägen, auch mutig sein, sich und anderen was zumuten. Aber auch eine Sache der Balance: man sollte sich und andere nicht überfordern. Freiheit darf nicht zu viel Identitäts- und Orientierungsverlust verlangen, wenn sich Menschen dauerhaft mit ihr anfreunden sollen. Also: Freiheit ist auch eine Frage des Könnens.
Gerald: Warum reden Menschen dauernd von Freiheit und suchen dann Menschen, die sie verantwortlich machen können, dass sie sie nicht haben? Wegen der Verantwortung, die sie dann hätten? Vielleicht besänftigen sie damit Angst, aber auch Schuldgefühle. Angst vor den Unwägbarkeiten und dass sie etwas schuldig bleiben, wenn sie nicht genug wagen. Da rechtfertigt man sich halt mit Behinderungen. Wenn ich über Potentialentfaltung schreibe, muss ich was zur Debatte um den freien Willen sagen. Und warum das zu Zeit so Konjunktur hat, dass einige Hirnforscher eine Freiheit des Willens zu verneinen.[2]Nun ja, das entlastet. Wenn das im Gehirn gar nicht vorgesehen ist, hab sie sich nichts vorzuwerfen. Gleichzeitig spüren sie doch einen Hunger nach mehr Leben, eine Sehnsucht danach, weiter zu wachsen.
Doch solange sie nicht wissen wie, erleben sie Schuld am Versäumnis und nehmen jeden Strohhalm, der sich ihnen zur Rechtfertigung bietet?! Auf jeden Fall wäre hilfreich, wenn Erfahrene ihnen helfen, hier zu unterscheiden. Man erwartet von sich auch zu viel oder das Falsche. Auch bei Partnerschaften. Statt Treue zu Berechenbarkeiten oder Hoffnungen, sollte man Treue zum aufrichtigen und vertrauensvollen Umgang miteinander versprechen, was immer dann zu bewältigen ist!
Aber sind wir da nicht bei sehr deutschen Themen? Das kann wohl sein, denn auch die Diskussion über Freiheit wird gerade hier so heftig geführt. Woanders, z.B. in den USA geht man das leichter an.
Plopp! bin ich wieder zurück. Ein Eichelhäher badet im Teich. Der war noch nie da. Was für ein frischer Sommermorgen. Freiheit? Wenn ich´s recht bedenke, ist keiner der gefiederten Gäste am Teich völlig frei und unbefangen. Mit welcher Umsicht sie sich annähern. Mit welch kurzem Vergnügen sie sich begnügen. Man will ja nicht gefressen werden. Also doch Nietzsches Freiheit? „In Ketten tanzen!“
Bei Gelegenheit will ich lesen, was Gerald in seinem Buch dann eigentlich geschrieben hat.
[1]Gerald Hüther: Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher. Verlag Fischer S.
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Kommentare zum Blog:
Herr Markus Brause
Lieber Herr Schmidt,
es ist nicht immer der Fall, dass ich Ihre Beiträge lese. Manche sortiere ich auch einfach weg.
Und dann sind da wieder andere - ich hatte Ihnen schon mal aufgrund eines solchen geschrieben -
die geben mir etwas. Etwas einziges, some art (im Englischen Sinne) und etwas zum Spielen für meinen Geist.
Ein wenig wie Kinder Überraschung.
Und diese Beiträge wertschätze ich umso mehr. Vielleicht bin ich derentwegen immer noch Blogleser, weil ich immer
wieder diese kleinen, wundervollen (=voller Wunder) Perlen dabei sind.
Wie es denn nun auch sein mag: Ich danke Ihnen für Ihre Worte. Wieder mal klingt da etwas an in mir.
Vielleicht ja etwas freies, das sich in mir sicher fühlt?
Herr Kai Ruffmann
Lieber Bernd, Du ewiger Blogschreiber,
Um uns explodiert die Welt, und der Ruf nach Freiheit erscheint aus Gegenden, wo wir das nicht erwartet hätten. Die Bewohner Arabiens hätte ich mir bislang immer als Opfer einer perfekten Gehirnwäsche (Islamisten) gedacht. Jetzt sind das die "Wutbürger“, und unter dem Einsatz ihres Lebens verlangen sie, frei zu sein. Das fordert auf zu tiefem Respekt. Man könnte aufstehen und eine Schweigeminute einlegen.
Und hier also wir in unserer heilen Welt. Und wir verwalten unser bisschen Freiheit, jede/jeder für sich, und geben acht, dass das Bankkonto nicht überzogen ist. Nun soll man das eine gegen das andere gewiß nicht aufwiegen. Zur Freiheit gehört Mut, auch bei meinen Mini-Entscheidungen. Und weiter gehört dazu, dass ich mich ernst nehme. Dann bin ich in der Lage, Kassensturz zu machen, als Grundlage für Entscheidungen.
Kennst Du das Gefühl, dass Vertrautes nicht mehr passt? Ein bisschen so, wie wenn früher als Junge die Hose zu kurz geworden ist. Ich war gewachsen; es war sinnlos, dies zu leugnen. Dann kommen Entscheidungen. Eine Frage der Ehrlichkeit. Und häufig genug sind die schwer für mich selbst, und schwerer noch für die, die mich lieben und mit mir leben.
Freiheit - Du stehst auf und gehst. Neu anfangen. (" Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen … "). Und zurück bleibt Schuld . Der qualvolle Gedanke, ob die Zurückgelassenen wohl leben können mit meinem Neuanfang …
Freiheit - Entscheidung - Schuld : Unauflösbar!
So Du Lieber, jetzt kommt mein nächster Patient.
Herr Heinz Stöcher
Lieber Bernd,
Du wirst nicht umhin kommen, den Karren selbst zu ziehen. - So wie jeder andere auch. - Eben nur seinen und keinen fremden. (Wenn man seinen gefunden hat, macht es richtig Spaß)
Seit meiner Teilnahme an der Tagung "Viele sind wir" erhalte ich Deine Briefe. Danke dafür!
Was mich besonders berührt: Deine Traurigkeit . in Wort und Bild.
Mir hat Bioenergetik und zuletzt eine einfache (wenn auch anfangs nicht leichte) Übung aus dem Buch "Eselsweisheit" von Mirsakarim Norbekov geholfen. Ein freudiges, lebensbejahendes Lächeln bis in meine Zehenspitzen zu bringen.
dazu Bernd Schmid
Lieber Heinz!
Das mit einer Traurigkeit hat auch was. Ich habe vor 10 Jahren meine geliebten Sohn 17jährig verloren. Lebensbejahung trotzdem, sonst würde ich mich nicht so einsetzen. Freude gerne, doch gibt es auch es etwas wie glückselige Naivität. Humanistischer Biedermeier der Privilegierten. Woher das Geld dafür kommt, und auf wessen Kosten das geht, wird oft ausgeblendet. Ob das der Evolution gut tut? Ich weiß ja nicht, welchen Karren Du ziehst, aber es gibt Karren, die kann keiner alleine ziehen kann. Es braucht viele in verteilten Rollen. Gestern hat Hochhut bei Harald Schmidt sogar zur Revotution aufgerufen, weil er keine andere Möglichkeit sieht, die notwendigen Umwälzungen zu schaffen.
dazu Heinz Stöcher
Lieber Bernd,
Ich habe in einem vorigen Text von Dir gelesen, daß Du einen Sohn verloren hast. Indem ich das schreibe denke ich: Wieso verloren?
Für mich - die Erfahrung fehlt mir - zählt es zu den schmerzhaftesten Erfahrungen, wenn das eigene Kind vor einem stribt. "Lebensbejahung >trotzdem<"? Trauer hat eine Funktion im Lösungsprozeß. Zehn Jahre scheint mir auch für den eigenen Sohn zu lange. Es ist sehr anspruchsvoll, den eigenen Schmerz zu opfern.
Bert Hellinger hat mir einmal auf einen Brief, in dem ich von einer tiefen Traurigkeit in mir geschrieben hatte, geantwortet: "Traurigkeit stellt sich ein, wenn man eine Hindwendung unterläßt". Das war vor 22 Jahren. Vor knapp zwei Monaten habe ich in einem Workshop bei Bert - nach wichtigen Lösungswegen in der Zwischenzeit - den vollendenden Schritt getan.
Mich läßt es auch traurig werden, wenn ich daran denke, welch hoch stehende Kultur im Zuge der Christianisierung Europas unter den Teppich gekehrt wurde (denn von dort kommt sie jetzt wieder hervor). Traurigkeit hat für mich stets auch etwas Archaisches an sich, was über viele Generationen Spuren in uns hinterlassen hat. - Je höher die Potenzierung, umso mächtiger.
Vor 30 Jahren habe ich bei 'Bert Hellinger an einem Primärkurs (Urschrei nach Arthur Janov) teilgenommen. Im Zuge dessen hat mir Bert gesagt, ich solle mich doch (es war im Keller seines Hauses in einem Raum ohne Fenster und mit ausgepolsterten Wänden) einmal gegen die Wand setzen und den Satz sagen: "Ich bin von Herzen ein glücklicher Mensch." Ich erwiderte, daß der Satz für mich nicht stimme. Bert meinte nur, daß er das wisse, doch ich solle den Satz einfach ein paar mal sagen. Ich sage den Satz und dachte: "Ein blöder Satz". Ich sage ihn noch einmal und dachte: "Ein komischer Satz." Ich sage ihn noch einmal und dache: "Ein eigenartiger Satz." Ich sagte ihn noch einmal und wußte, daß er stimmte. - bis heute.
Für mich hat Freude nichts mit 'humanistischem Biedermeier der Privilegierten' zu tun. Was ist überhaupt ein 'Pivilegierter'? Welchen Stellenwert hat das Geld überhaupt? (Ich bin betriebswirtschaftlich gebildet und weiß, daß Geld ein Ergebnis ist. Daher ist es eines der Verrücktesten in unserer Wirtschaftskultur, den Gewinn - insbesondere den materiellen - maximieren zu wollen!!!) Du fragst, ob etwas der Evolution gut tut? Die Evolution kümmter das doch einen feuchten Kehrricht. Die geht sowieso ihren Weg, genau so wie ein Löwenzahn durch den Asphalt bricht. (Du kannst den Asphalt nicht mit Deinen Händen bewegen, aber den Löwenzahn kannst Du mit zwei Fingern pflücken: Das ist Evolution pur.). Die Evolution schafft die notwendigen Umwälzungen spielend. Wir sollten uns ihr nicht in den Weg stellen. Wer das tut, fordert sie nur noch mehr heraus. Und wer ist Hochhut? Wenn Hochhut keine anderen Möglichkeiten sieht, ist das sein Problem. Der Papst hat seinen Hochhut (=TIARA) vor Jahren weggelegt. Äußerlich. Innerlich trägt er ihn noch immer. Und wer ist Harald Schmid bezogen auf die Evolution?
Nochmals zum Karren: Es kommt aus einer Einsicht ins Leben. Jeder Mensch hat seinen Karren zu ziehen - ich bevorzuge das Bild vom Rucksack, weil da die Hände frei sind. Wenn wir meinen, anderen helfen zu müssen, weil sie ihren Karren nicht ziehen oder ihren Rucksack nicht tragen können, gehen wir mit ihnen zugrunde. Es ist anmaßend und überfordernd zugleich. Wenn wir diese Menschen auf ihre Einladung hin darin unterstützen, selbst herauszufinden, was da alles drinnen ist, was ihnen gar nicht gehört und sie es zurückgeben können, wird der Karren/Rucksack leicht und unbeschwerlich. Für mich war es eine einschneidende Einsicht, zu erkennen, daß jeder Mensch einzig und allein auf sich gestellt ist. Wenn wir unsere Lebensangst hinter uns lassen können, sind wir frei für diese Einsicht - und wirklich frei. Vor Jahren hat ein Freund einen Kurs für helfende Berufe ausgeschrieben. Der Titel: "Ich geh kaputt - gehst Du mit?"
Dazu Bernd Schmid
Lieber Heinz!
Ich habe nun einen Eindruck von Deinen Ansichten bekommen und respektiere sie. Insbesondere wenn Deine Erfahrungen Dich froh machen, sei es Dir gegönnt. Vieles teile ich nicht. Bert, den ich sehr lange kenne, stehe ich kritisch gegenüber. Da scheint mir zu viel Totalitarismus durch. Ich möchte mich mit Deinen Ansichten nicht im Einzelnen auseinandersetzen, da ich meine Kraft derzeit für anderes brauche.
Ich wünsche Dir, dass Du weiterhin glücklich bist.
Herr Johannes Gröbel
Sehr geehrter Herr Schmid,
ich lese nun seit über einem Jahr mit Freuden Ihre Blogs und freue mich sehr darüber, das es noch Menschen mit wachem Geist, Willen und unabhängigen Gedanken gibt, die sich nicht um die modernen Konventionen scheren.
Bei Ihren Gedanken über die Freiheit, ist mir ein Satz eingefallen, den mir mein Vater mit auf den Weg gegeben hat und den ich versuche, meinen Kindern beizubringen. Er lautet:
Wir haben vollkommene Freiheit. Allerdings endet meine Freiheit da, wo ich die Freiheit des Anderen beginne einzuschränken.
Ich musste da schon als Jugendlicher und junger Erwachsener immer viel darüber nachdenken. Ich glaube, dass das der Schlüssel für absolute Freiheit ist – die freie Entscheidung, dass ich keinen Anderen einschränke, ansonsten darf ich alles tun. Ich finde das grandios.
Blog 66: Entwicklung und Zeit - Von Bernd Schmid 20.05.2011
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....Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.....(Rilke)
Vor 25 Jahren entwickelte ich Konzepte zur systemischen TA[1]. Naiverweise nahm ich an, dass sie mit Freuden aufgenommen und weiterentwickelt würden. Stattdessen reagierten viele TA-Kollegen auf mich als „Störenfried“ oder ignorierten mich einfach. Fanita Englisch, die mit ihren über neunzig Jahren auch heute noch geistig frisch ist und international lehrt, klärte mich auf und (ver-)tröstete mich: Bernd, wenn Du Spuren hinterlassen willst, musst Du Schüler haben und schreiben. Vergiss Deine Kollegen. Sie haben ihre Show beisammen und wollen nicht gestört sein. Daran habe ich mich gehalten, und tatsächlich trugen viele meiner Schüler die Konzepte in die Welt[2].
Heute nach 25 Jahren sind sie vielerorts selbstverständlich geworden.
Vieles bewegt sich träge, scheint still zu stehen oder sogar Rückschritte zu machen. Und dann ist, manchmal lange unbemerkt, doch was vorangegangen. Da braucht man einen langen Atem. Vielleicht ist mir deshalb folgende ZEN-Geschichte aus den 1970er Jahren im Gedächtnis geblieben: Ein Specht trifft im späten Frühjahr eine Schnecke, die sich anschickt auf einen Kirschbaum zu kriechen. Wo willst Du denn hin? fragte er sie. Kirschen ernten. gab sie zur Antwort. Der Specht: Aber es gibt noch keine Kirschen!Bis ich oben bin, wird es Kirschen geben! Sagte die Schnecke und kroch unverdrossen weiter.
Noch Beispiele: Seit ca. 7 Jahren kümmern wir uns um das Thema Demographie, Generationendialog, um Konzepte für Senior-Experten[3] und um Sinnerfüllung nach der Einkommensorientierten Lebensphase. Ein Thema, bei dem viele Menschen leicht zu berühren sind. Schulterklopfen reichlich, aber kaum Nachfrage für Qualifikation oder Projekte von Unternehmensseite. Anderen Anbietern geht es nicht anders und sie geraten in Nöte, wenn sie die Umsätze brauchen. Glücklich, wer mehrere Eisen im Feuer hat und nicht auf einzelne Fortschritte angewiesen ist. Haupthemmnis: Die Organisationen schaffen keine Experimentierfelder, in denen neue Rollengefüge und Modelle ausprobiert werden könnten. Man glaubt wohl das Holzmachen nicht unterbrechen zu können, um die Sägen zu schärfen. Ohne Resonanz in den Organisationen ist aber schwer was zu machen. Geredet wird indessen viel und gerne. Dennoch halten wir z.B. mit dem Arbeitskreis „Demographie mitdenken“[4] Segel gesetzt. Wenn eine ernsthafte gesellschaftliche Brise aufkommt, können wir vielleicht loslegen.
Auch Peer-learning und kollegiale Beratung[5], die arbeitsplatznahe enge Verzahnung von Lernen und Arbeiten wird im Prinzip begrüßt. Angesichts der Tatsache, dass das meiste Lernen eh im Leben und bei der Arbeit stattfindet, ist naheliegend, dass Bildungsspezialisten sich von ihren Lehrstühlen erheben, sich aus ihren Hochburgen der bildungsteiligen Gesellschaft bewegen[6] und konkrete Berufslebens- und Organisationsentwicklung vor Ort begleiten. Dies gelingt exemplarisch durchaus. Einer breiten Bewegung stehen jedoch Gewohnheiten, Privilegien, Rechtskonstruktionen und Finanzierungsmodelle entgegen. Sie sind durch Überzeugen schwer und derzeit bestenfalls in Zeitlupe zu bewegen. Die Samen der guten Ideen müssen schwer erträglich lange auf den Pflug des Umbruches warten.
Eine der notwendigen Umgestaltungen unserer Gesellschaft mündet in ein neues Zusammenspiel von freiwilligem und bezahltem Engagement[7], von ausgebildeter Professionalität und bürgerlichem Engagement. In der Theatermetapher gesprochen, sind Profi-Theater teuer und haben nicht genug Zuschauer, um einer gesellschaftlichen Verantwortung für alle gerecht zu werden. Intendanten, Drehbuchschreiber und Regisseure arbeiten vorzugsweise mit möglichst guten Ausstattungen und professionellen Spielern. Ja, gerne, für privilegierten Kunstgenuss.