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Blog 62: Des Kaisers Kleider - Von Bernd Schmid 24.03.2011

 

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„Man braucht doch kein Feuerwerk, um ein Herdfeuer zu entfachen!“
Das entfuhr mir spontan, nachdem ich die Einladung eines Konzerns näher geprüft hatte. Uns war die Mitwirkung an einem „strategischen Projekt“ angeboten worden. Ein „größeres Rad“ sollte gedreht werden. Wir wären in guter Gesellschaft. Mit Professoren internationaler Universitäten und renommierten Beratern wären bereits Gespräche geführt worden. Eine beeindruckende Präsentation sei geplant.

Nachdem ich die aufwändig produzierten Charts hinterfragt hatte, fand ich, dass da kleine Brötchen zu backen wären, eigentlich solide handwerkliche Entwicklungsarbeit. Vielleicht nicht einmal ein Projekt, eher die intelligente Weiterentwicklung vorhandener Regel-Prozesse. Bedeutsam, aber nicht Aufsehen erregend. Wozu man dafür prominente Professoren braucht, erschloss sich mir nicht. Sollten da erst mal Sterne-Köche zusammengetrommelt und Gewichtigkeit erzeugt werden? Eine Versuchung. Geld wäre da. Und wer sieht sich nicht gerne in illustrer Gesellschaft? Auch der Konzern hat einen Namen. Man könnte ja mal abwarten. Vielleicht wird wirklich etwas daraus. Da wäre man natürlich gerne dabei. Aber ist nicht viel wahrscheinlicher, dass da der Brei verdorben würde? Sollte man das nicht laut sagen? Wäre doch verantwortlich! Doch wenn man unkt, ist man leicht draußen.

Natürlich klingt „Synergieeffekte“ toll. Doch gerade „Hochkaräter“ bringen ihre eigenen Wirklichkeitsvorstellungen mit und wollen diesen auch zu Geltung verhelfen. Da ergibt eben 1+1+1+1 meist nicht 7 und wahrscheinlich auch nicht 4, sondern deutlich weniger, manchmal nicht einmal 1. Oft bloß babylonische Verwirrung der Ansätze. Man kann auch mit erlesenen Zutaten ein missratenes Menü zusammenstellen. Ich mag es lieber einfach, aber wirklich gut zubereitet. Synergien müssen auch erst erarbeitet werden und das lohnt nur, wenn dafür wirklich Bedarf, Motivation, Verantwortlichkeiten und Ressourcen vorhanden sind.
Die Bühne sollte vorab bereitet werden. Intendantenverantwortung, Regisseurqualitäten, Kompetenzen für das Schreiben sinnvoller Drehbücher sind gefragt, bevor man Primadonnen auf die Bühne holt. Doch stoße ich öfter auf die Ansicht, dass das nicht nötig ist, wenn man die Besten engagiert.
Falsch! Gerade die Besten brauchen nicht keine, sondern beste Führung!

Man wolle gleich mit Schwung und breitflächig loslegen, durch einen beeindruckenden Kick off in Cambridge Markierungen setzen.
Mein Vorschlag: Man solle eher mit einem Pilotprojekt anfangen, sehen, ob und für wen in welchem Rahmen bei welchem Ressourcenverbrauch man vorankommen könne. Dafür sei oft gut, nicht soviel Wind zu machen, weil kleine Feuerchen dabei leicht ausgepustet werden. Eher eine Alternative ausprobieren und alle davon profitieren lassen, wenn das funktioniert. Meist passen Lösungen nicht für alles und dann ist gut, wenn man nicht alles auf eine Karte gesetzt hat. Zögernde Zustimmung. Das scheint nicht so recht zu überzeugen.

Ok, ich beschränke mich darauf, uns für eine überschaubare und machbare Lösung anzubieten. Umsichtig Feuer machen, zunächst mit Spänen und Kleinholz. Wenn damit ein tauglicher Herd betrieben werden kann, kann das ausgebaut werden. Nachschub an Brennmaterial müsste gesichert sein. Ein internationales Symposion könnte man dann machen, wenn wirklich etwas vorzuzeigen ist. Ein solcher Ansatz würde also nicht viel Staub aufwirbeln, aber auch wenig kosten, außer Engagement, Umsicht und solide Alltagsarbeit der Verantwortlichen. Dafür kämen vermutlich Lösungen zustande, die in diesem Unternehmen realistisch sind, Chancen haben, nachhaltig im Tagesgeschäft übernommen zu werden.

Ich wurde freundlich verabschiedet. Dann war Funkstille. Es reichte nicht einmal zu verbindlicher Kommunikation. Wie ich später höre, ist auch dieses Vorhaben in der Versenkung verschwunden. Wird dort immer so gearbeitet? Wie ich höre, sind die Mitarbeiter in diesem Unternehmen häufig rettungslos überbelastet. Womit? Damit?

Ich kenne Unternehmen, in denen fast suchtartig jede Woche „eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird“. Wer auf diesem Jahrmarkt etwas gelten will, muss sich auf die Beteiligungen an solchen Auftrieben takten. Kein Wunder, wenn man mit dem Tagesgeschäft in die Enge kommt, die Verantwortung dafür wegschiebt. Mit der Zeit verliert man selbst die Maßstäbe für professionelle Leistung und realen wirtschaftlichen Mehrwert. Letztlich traut man sich nicht mehr, sich einer Bewertung außerhalb dieser Welten zu stellen. Es ist einfacher, weiterhin von "Politik" absorbiert zu sein. Menschliche und wirtschaftliche Vernunft geraten ins Abseits.

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Blog 61: Vollkasko-Mentalität - Von Bernd Schmid 04.03.2011
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Heute Morgen auf dem Weg zur Sporthalle sehe ich sie wieder auf dem Weg liegen – Süßigkeiten-Verpackungen! Jemand hat sie, voll fixiert auf die Droge darin, einfach fallen lassen. Ich bin empört. Bei uns ist selbstverständlich, dass man keinen Müll hinterlässt. Das Prinzip meiner Frau: Jeden Ort (und möglichst jeden Menschen) etwas besser hinterlassen als man ihn antrifft! Die ersten Papierchen hebe ich noch auf und entsorge sie, doch dann wird es mir auch zu blöd. Mich hatten eh schon die Zigarettenschachteln auf dem Parkplatz genervt. Und die Müllbeutel am Straßenrand lösen in mir empörte Nörgelei aus, wie ich sie von den nervigen alten Säcken meiner Kindheit kenne. Ich gefalle mir dann nicht. Aber irgendwas muss doch geschehen. Wie kann jemand ausblenden, dass andere oder gar er selbst am nächsten Tag mit diesem Dreck umgehen muss. Ich denke an das Riesenplakat an einer Mülldeponie neben der Innsbrucker Autobahn: „SO SIEHT MAN SICH WIEDER! Ihr Hausmüll.“

„Herr Doktor, mein Zucker spinnt!“ höre ich die wirklich ungesund dicke Frau sagen. Vom Schicksal getroffen? Oder gehört sie zu denen, die wir vor kalorientriefenden Eisbechern sitzen sehen („Man hat es ja!“), während meine Frau und ich zusammen 3 Kugeln ohne Sahne bestellen. Und wir sind nicht so schlank wie wirklich gesund wäre.
Da ist der Psychotherapie-Patient, der nicht wirklich an Fortschritten und erkennbarem Wohlergehen interessiert ist, weil er es auf die nächste Kur, den Behinderten-Ausweis oder die Frühpensionierung anlegt. Holzbein spielen, nennt man das in der TA (Was kann man schon von einem mit Holzbein erwarten?). Ich kenne einen, der wegen Rückenproblemen Mitte 40 vorzeitig in Rente ging und jetzt als Fitnesstrainer in einem Sportzentrum arbeitet. Auf die Idee, sich beruflich wieder zurückzumelden, käme er sicher nicht.

Da sind die Händler, die glauben, jede Unverbindlichkeit und Ausbeutung seitens ihrer Kunden tolerieren zu müssen. Es rechnet sich scheinbar, weil diese sonst zur Konkurrenz gehen, die „toleranter“ ist. Dass damit gewohnheitsmäßige Verantwortungsverschiebung gezüchtet wird, steht auf einem anderen Blatt.
Auch in unmittelbarer Nähe gibt es einiges zu entdecken. Da sind die Seminarteilnehmer, die selbstverständlich kostenloses Nachholen versäumter Seminare fordern, sich selbst aber nicht darum kümmern, ihren Platz rechtzeitig freizugeben, damit das Nachholen für andere organisiert werden kann. Oder sie erwarten, wegen Verhinderung, die allein bei ihnen liegt, kostenfrei aus einem Seminar entlassen zu werden. Man erwartet „Kulanz“ von anderen. Dass diese dann selbstverursachten Schaden ersatzweise tragen müssten, scheint vielen keine Probleme zu bereiten. Eine von uns vermittelte Seminarausfallversicherung wird selten in Anspruch genommen.

Nun haben wir es hier mit sympathischen und werteorientierten Menschen zu tun. Es ist also nicht allein eine persönliche Charakterfrage. Vielmehr haben sich überall schleichend gesellschaftliche Gewohnheiten entwickelt, die als systematische Verschiebung von Verantwortung bzw. Kosten nicht übernommener Verantwortung betrachtet werden müssen[1]. Wenn das toleriert wird, ist es nicht leicht, auf mögliche Vorteile aktiv zu verzichten. Zugegeben man hat uns hier – etwa im Unterschied zu den USA –geradezu dazu erzogen, im Staat und ersatzweise in Institutionen eine Art Versorgungseinrichtung zu sehen[2]. Die Selbstverständlichkeit in erster Linie seine Lebensbedingungen und sein Wirtschaften selbst zu verantworten, ist in erheblichem Maße verloren gegangen. Das werden wir wieder lernen müssen, weil die Sozialkassen wegen des demographischen Wandels klamm werden und Plünderungsmentalität nicht kompensieren können. Wie der Rückweg in ein selbstverantwortetes Leben als Normalfall aussehen soll, ist offen. Differenzierte Steuerungsinstrumente, die denen, die sich unnötig bedienen, kleinere Löffel zuteilen, damit für die wirklich Bedürftigen genug bleibt, scheinen nicht in Sicht.

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