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Blog 134: Ambitionen - Von Bernd Schmid 25.05.2016 Drucken E-Mail
 
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Ich erlebe immer wieder, das KollegInnen damit ringen, dass sie ihren Ambitionen nicht hinterher kommen, daran selbst diffus leiden, aber auch ihr Umfeld damit belasten. Ich empfinde es manchmal als tragisch, wenn jemand sich chronisch zu große oder falsche Schuhe anzieht, obwohl mit den passenden alle glücklich sein könnten. Manche suchen geradezu verbohrt Anerkennung in Bereichen oder auf eine Weise oder zu einer Zeit, die vom Umfeld nicht mit positiver Resonanz beantwortet wird. Störungen im Gleichgewicht von Geben und Nehmen[1] gehen häufig damit einher.

Wenn Ambitionen von anderen nicht als stimmig oder zumindest entwicklungsfähig erlebt werden, ist es schwer deren Unterstützung zu gewinnen. Wer will sich schon durch Leiden oder trotziger Selbstbehauptung was abnötigen lassen, das für ihn nicht stimmt. Als Befreiung aus dieser Bedrängnis, werden die positiven Anteile der spürbaren Ambitionen nicht gewürdigt, sondern erst mal „zurechtgestutzt“. Eskalation liegt dann nahe. Das ist gerecht und ungerecht zugleich. Selbst wenn man im Kern etwas Richtiges an sich verfolgt, muss man lernen, es so einzubringen, dass andere dafür gewonnen werden. Wir sind nun mal soziale Wesen und letztlich auf andere angewiesen. Daran, dass wir nicht zu ehrlicher Auseinandersetzung und befriedeten Verhältnissen gefunden haben, sind leider auch schon einige meiner beruflicher Freundschaften zerbrochen. Wenn Beurteilungs- und Gerechtigkeitsdebatten und Rechtfertigungen dominant werden, ist man sich vielleicht auch gegenseitig nicht mehr der rechte Partner. Will man dann nicht voneinander lassen, lauern Dilemmata auf allen Ebenen und zehren an der Kraft aller. Wie wohltuend für die Betroffenen selbst und für andere ist es hingegen, wenn sie durch Ambitionen angetrieben ihren Weg gehen, aber die dabei notwendigen Lernschritte akzeptieren und in gutem Rhythmus vorankommen. Zumindest in meinem Umfeld erlebe ich, dass dann auch gerne Unterstützung und Würdigung geboten werden. Auseinandersetzungen dürfen auch mal ungestüm verlaufen, solange man sich freimütig spiegeln kann und sie nicht zum Energiegrab werden. Das Thema ist vielschichtig und notwendig subjektiv eingefärbt.

Insgesamt finde ich Ambitionen toll, auch wenn sie weit über das direkt im Horizont liegende hinausgreifen. Jemand zum Jagen tragen zu müssen, erlebe ich als schwieriger. Ich habe keine Probleme damit, wenn mir ein Praktikant nach einigen Wochen erklärt, er wolle mal auf meinem Stuhl sitzen. Warum denn nicht? Größenphantasien[2] mag ich lieber als Tieffliegerei und Duckmäusertum. Wir brauchen dringend Menschen, die mehr und weiter tragen wollen als die meisten unserer Generation. Ich habe genug aus meinem Leben gemacht, um froh über jeden zu sein, der in meinem Feld etwas erfolgreich bewegt[3]. Natürlich wünsche ich mir, dass jemand aufgrund echter Verdienste vorankommt und nicht allein Modewellen und populistische Talente zu nutzen gelernt hat. Und wenn jemand an mir Maß nimmt, ehrt mich das. Dass er sich vielleicht zu einfach vorstellt, was dazugehört, meine Position zu erreichen, ja mich womöglich zu überflügeln, darf auch sein. Entscheidend ist eher, was dann passiert, wenn die Bergtour so jemandem dann doch mehr abverlangt als er sich das so vorgestellt hat.

Ich bin gerne Leitbild und gebe aus meinem Erfahrungshintergrund Orientierung. Klar muss am Ende jeder seinen eigenen Weg finden und ein übermächtiges Vorbild kann da wirklich im Weg sein. Daher der Spruch: Triffst Du den Buddha unterwegs, töte ihn! Man soll sich nicht durch unangemessenen Respekt für den eigenen Weg blenden lassen. Mein britischer Kollege Peter Hawkins[4] setzte noch einen drauf: ... and eat him!  Da ist was dran, denn diese Art von Kannibalismus bedeutet symbolisch, dass man sich durch Essen und Verdauen das am anderen Wertvolle einverleibt, zu etwas Eigenem macht. Den Rest sollte man ausscheiden, nicht unbedingt, weil er wertlos wäre, aber weil das eigene Aneignungssystem sich daraus nicht nähren kann. Will man mehr profitieren, kann man vielleicht z.B. durch eine Sanierung des eigenen Verdauungssystems etwas tun.

In meinem Umfeld tragen die besonders bei, die einerseits ihre eigene Musik finden und andererseits im Orchester spielen mögen. Wir brauchen jetzt Menschen, die integrieren, was schon da ist, und damit ihren Platz im Zusammenspiel vieler Leistungsträger finden wollen. Manche Räder sind wirklich schon erfunden. Ist das kreativitätsfeindlich? Missachten wir damit individuelle Originalität? Gleitet das nicht ins Überangepasste ab? Ich hoffe nicht, ich brauche keine Abziehbilder. Aber wir stehen nun mal in einer Tradition und brauchen keine Neuerungen, wo wir schon gut aufgestellt sind.  Eher Weiterentwicklungen dessen, was wir haben, insbesondere Feldentwicklung und Feldpflege. Dazu kann jeder in seiner unverwechselbaren Weise beitragen. Wer seinen ganz eigenen Garten bestellen will, wer einen ganz anderen Stil leben will, soll sich dafür ein eigenes Feld erschließen.

Doch wie war das bei mir selbst? Ich war wohl eher einer der Unangepassten. Ich hatte Mühe, mich an Traditionen anzuschließen, mich in die Orchestrierung anderer einzupassen. Allerdings musste ich auch den Preis dafür bezahlen, fühlte mich oft außen vor gelassen, mit meinen tollen Ideen missverstanden, ja geradezu dumpf sabotiert. Es waren auch meine Ambitionen und Geltungswünsche, als Kompensation für wer-weiß-was, die mich all die Anstrengung und viele Frustrationen auf mich nehmen ließen. Ich wollte nicht auf dem Feld anderer arbeiten, schon immer meinen eigenen Garten anlegen. Noch heute verwende ich meine Kraft meist lieber darauf, meinen sprudelnden Ideen Formen zu geben als die Welten anderer zu studieren. Und über die Jahrzehnte ist es dann auch gelungen, zunehmend in Gemeinschaft mit Menschen, die nicht so schwer einzupassen waren wie ich. Erst jetzt, da vieles gelungen ist, da die meisten Ambitionen gefriedigt sind, suche ich auch die Einpassung ins große Ganze.

Irgendwie bewegt sich Evolution nicht so ordentlich, wie ich das heute begrüßen würde.

[1] Blog 76: Geben und Nehmen - Von Bernd Schmid 03.02.2012
[2] Blog 69: Größenphantasien - Von Bernd Schmid 30.06.2011
[3] Blog 104: Dialog mit Großen - Von Bernd Schmid 20.11.2013
[4] INOC-Videos (englisch): http://isb-i.eu/inoc/interviews/ und http://isb-i.eu/inoc/2nd-inoc-meeting-2016/

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