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Blog 135: Kompromisse - Von Bernd Schmid 23.06.2016 Drucken E-Mail
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Man darf auch Kompromisse machen, solange man noch weiß, was man kompromittiert und wofür. (B. S.)

Eigentlich neige ich zu strengeren Lösungen, bei denen Prinzipien aufgestellt und eingehalten werden, damit Prozesse und Entwicklungen in geregelten Bahnen verlaufen. Nur ist mir schon früh aufgefallen, dass ich die meisten anderen Menschen dafür nicht so leicht gewinnen konnte. Insbesondere nicht, wenn ich sie darauf verpflichten wollte. Auch oft nicht, wenn ich sie überzeugt geglaubt hatte. Sie tickten irgendwie anders, ohne dass ich das vermutet oder verstanden hätte.

Zwar wurde mir selten widersprochen, wenn ich „überzeugend“ rüberkam und andere mit Argumenten „bezwungen“ hatte, besonders dann nicht, wenn ich eine tragende Rolle hatte oder mich an „Notwendigkeiten“ orientierte. Doch hatte ich dabei wirklich gewonnen? Selten! Oft merkte ich erst spät, dass die postulierten Prinzipien ignoriert oder unterlaufen wurden. Wenn ich dann enttäuscht mahnte, konfrontierte oder einforderte geriet ich schnell in eine „lästige“ Position und wurde oft genug subversiv ausgebremst, ja ohne Auseinandersetzung als unangenehm aus Beziehungen ausgegrenzt. In Bereichen, in denen es nicht so sehr um Leistungen oder wirkliche Fortschritte ankam, war das auch leichter zu rechtfertigen.

Natürlich war das ungerecht, wo doch auf einer Ebene Verbindlichkeit hergestellt war, wie ich zumindest meinte. Auf einer anderen Ebene musste ich lernen, dass Recht haben nichts nützt, wenn man den anderen nicht wirklich gewonnen hat. Vereinbarungen im sozialen Raum sind nur tragfähig, wenn es einen „seelischen Kontrakt“ für einen gemeinsamen Weg gibt. Die Beteiligten müssen in vielen, auch tieferen Schichten ihrer Persönlichkeit Ja gesagt haben und sich um dieses Ja herum immer wieder selbst organisieren. So war es auch irgendwie gerecht, dass ich scheiterte, wenn ich die anderen nicht gewinnen konnte oder mehr Anstrengungen meinerseits zur „Vergemeinschaftung“ für unnötig hielt.

Allerdings war es ohne aufrichtige Resonanzen der anderen auch nicht so leicht, meine Lektion zu lernen. Ich wäre ja lernbereit gewesen, aber vielleicht konnten auch viele meinen Lernbedarf nicht richtig erfassen. Oder es war „billiger“, sich davon zu stehlen. Man war dann die lästige Infragestellung der eigenen Vorlieben los. Da haben alle Beteiligten ihre Verantwortung. Am Ende bin ich dann doch weiter gekommen, wenn auch mit manchen unguten Gefühlen, die ich mir gerne erspart hätte.

Ich musste lernen, dass ich bei den meisten Prinzipien immer wieder Kompromisse [1] machen musste, wieder und wieder erklären, warum mehr Stringenz besser wäre und dass Strenge nicht gegen jemanden gerichtet werden soll, sondern der Sache und am Ende den Meisten wirklich dienen würde. Ich musste lernen, zu überzeugen, warum Klarheit und Konsequenz dem Leben dienen können, auch wenn Kompromisse notwendig und menschlich sind. Ich musste lernen, dienliche von windigen Kompromissen zu unterscheiden.

Da kommt mir wieder ein Spruch in den Sinn, den wir vor 35 Jahren einer Prüfungsordnung vorangestellt haben[2]. Diese Prüfungsordnung gibt es im Wesentlichen heute noch. Vielleicht wegen der Haltung, die sie gerahmt hat?

Der Sinn aller Ratio ist,
dem Nicht-Rationalen Lebensräume zu schaffen;
der Sinn jeder Ordnung,
dem nachwachsenden Leben
zu dienen.  (Karlfried Graf Dürckheim)

Das Vernünftige besteht eben nicht nur aus dem Rationalen. Zwingt man Wirklichkeit zu sehr in rationale Rahmen, kommen Zwangssysteme heraus, in denen sich die Menschen nicht wieder finden. Das ist dann eher „vernünfteln“ und es ist fraglich, wohin das trägt. Werden subversive Kräfte mobilisiert, geht der Schuss gerne nach hinten los. Dennoch kann man „Fünfe nicht gerade sein lassen“, wenn Kultur entstehen soll. Auch beim Irrationalen gibt es Gütekriterien und wir brauchen Rahmen, in denen wir uns darüber austauschen können, ja auch streiten müssen, ohne dass sich eine Seite durchsetzen muss. Was dient wirklich dem nachwachsenden Leben? Darüber gibt es Ansichten aller Art. Am Ende muss man entscheiden, wie viel Diversität man handhaben kann und wo sich Ausrichtungen durchsetzen müssen. Nicht weil sie die einzig richtigen sind, sondern weil mit vorhandenen Kräften anders keine Ordnung geschaffen werden kann.


[1]Kompromiss: com = zusammen, promittere = vorgehen lassen.
[2]Entwurf für eine deutsche Prüfungsordnung der Deutschen Gesellschaft für Transaktionsanalyse, die später von der europäischen Gesellschaft übernommen wurde.

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Kommentare zu diesem Blog:

Frau Heidrun Winderl-Schanz

Lieber Bernd,

danke schön – hast Du doch u.a. wunderbar für mich die beiden Seiten dargestellt – die eine Seite „ich möchte doch so gerne gewisse Prinzipien (und sie sind wichtig) durchtragen“ und „ich habe gelernt zu verstehen, dass man auch nach Durchsetzen der Prinzipien nicht unbedingt der Gewinner ist“.
Ich fühle mich an letzten Sonntag erinnert, wo mein Mann und ich einen solchen „es geht ums Prinzip“ – Wunsch ausgetragen haben. Ich habe das Gefühl, dass es meinem Mann gut getan haben könnte, wenn er Deinen Blog vorher gelesen hätte – aber vielleicht auch nicht, da er erst die Erfahrung mit den Konsequenzen zu „es geht ums Prinzip“ machen musste.
 
Ich werde Deine Zeilen ausdrucken – vielleicht ergibt sich daraus ein Gespräch mit meinem Mann..
 
Sonniger Gruß

 

 
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