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Blog 133: Lebenswege - Von Bernd Schmid 20.04.2016 Drucken E-Mail

Bei uns stehen zwei interessante Tagungen an: Der "Biographie-Faktor-Kongress“, Anfang Mai.
Dann vor Pfingsten eine internationale Tagung (Englisch) „Organizational Coaching meets OD“ www.INOC-network.org In Vorbereitung dieser Tagungen habe ich u.a. Ed Schein (88) und Fanita English(99) in Kalifornien besucht und Dialoge geführt.
Die Videos unter folgenden Links: Fanita English https://youtu.be/nNoEk177UUc - Edgar Schein http://isb-i.eu/inoc/interviewing-edgar-schein/

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Wie sehr prägende Kindheitserfahrungen auch Entwicklungen im Berufsleben beeinflussen können, beschäftigt mich schon lange[1]. Frappierend z.B. die Geschichte von Carla und den Vipern. Carla del Ponte ist international als Jägerin von Kriegsverbrechern bekannt[2]. Zufall, dass sie schon als Kind leidenschaftlich Vipern fing und zur Serumgewinnung im Schuhkarton mit der Bahn in die nächste Stadt fuhr? Weniger dramatisch und doch berührend nun einige rote Fäden im Lebenslauf von Fanita English, meiner alten TA-Lehrerin.
 
Anfangs der 1980er Jahre tauchte die US-Lehrtrainerin für Transaktionsanalyse und Gestalttherapie Fanita English in meinem Gesichtsfeld auf und wurde eine meiner Lehrerinnen. Sie inspirierte mich außer durch originelle Theoriebeiträge[3], durch kritisches Bewusstsein und soziales Engagement, besonders aber durch ihre Persönlichkeit. Schon vor mehr als 25 Jahren führte ich mit ihr ein Interview zur Geschichte der Internationalen Gesellschaft für Transaktionsanalyse[4]. Dort war insbesondere interessant, wie sich Persönlichkeit und Biographie des Gründers Eric Berne noch Jahrzehnte nach dessen Tod in der Kultur der TA-Gemeinschaft spiegelten. Heute, fast 100jährig, ließ sich Fanita auf die Frage ein, wie es eigentlich dazu kam, dass sie in Ihrem 7. Lebensjahrzehnt ihr Institut in Philadelphia zu und sich aufmachte, als Lehrerin durch die Welt zu reisen.
 
Zu Deutschland baute sie eine besondere Beziehung auf, obwohl sie und ihre Familie als Juden nach den USA auswandern mussten. Fanita, die viele Sprachen spricht, meinte dazu: „In mir war schon lange ein Hang zur Zigeunerin.“. Und dann kamen Umstände zusammen, die sie die Leinen losmachen ließen. Sie gab Ende der 1970er Jahre in Esalen, Big Sur, Kalifornien (noch heute Wallfahrtsort für humanistische Psychologie) einen Workshop und schwamm mit einem Hilarion Petzold (später Mitbegründer des Fritz Perls Instituts[5]) zusammen im Pool. Als sie ihn Deutsch reden hörte, sprach sie ihn an, ob sie in den nächsten Tagen mit ihm ein wenig  Deutsch reden könnte. Leider war das nicht möglich, weil Hilarion abreisen musste, doch lud er sie ein, einen Kurs in einer deutschsprachigen Gestaltgruppe in Jugoslawien zu geben. So kam sie wieder in Kontakt mit Deutschen.
 
Warum aber zog sie das an? Wir stießen auf folgende Geschichte: Mit ca. 9 Jahren war sie, in Istanbul lebend, mit der Mutter in Österreich auf Urlaub. Die Mutter musste dort wegen einer Infektionskrankheit interniert werden. Fanita wurde für 6 Wochen in die Obhut einer Schwester gegeben, die nur Deutsch sprach. Zurück in Istanbul erkannte der Vater, dass sie Deutsch gelernt hatte. Damit sie dies behalten sollte, engagierte er eine Deutsche, die über Jahre einmal wöchentlich mit ihr Deutsch reden würde. Diese war als „Kommunistin“ aus dem Deutschland der 1930er Jahre geflohen und musste sich irgendwie durchschlagen. So konnte Fanita nicht nur ihr Deutsch halten, sondern erhielt von ihr die „Therapie“, die sie brauchte. Sie war ein einsames Kind gewesen, das nirgends angemessene Resonanz erhielt. Doch diese Frau hörte zu und vermittelte ihr damit eine Gesprächs- und Beziehungserfahrung, die sie als heilsam erlebte. Ganz nebenbei hat sie Ideen von Gerechtigkeit und sozialer Verantwortung Frau aufgenommen, die in ihrer großbürgerlichen Familie unüblich waren. So wurde ihr trotz Holocaust Deutschland ein Ort, der wertvolle Beziehungen versprach. Und solche habe sie dort auch gefunden.
 
Hätte das alles ausgereicht, ihre Psychoanalytische Praxis und ihr Weiterbildungsinstitut zu schließen und mit über 60 in die Welt zu ziehen? Da gaben noch andere Kräfte Schub. Ihr Sohn Brian war bei einem Badeunfall ums Leben gekommen. Unter dieser Belastung ging sie einen Gesellschaftsvertrag bezüglich ihres Instituts ein. Da Vertrag und Partnerin sich als äußert problematisch erwiesen und sich ein Rechtsstreit über Jahre hinzog, suspendierte sie ihr Engagement dort und war froh im internationalen Feld eine eigene Betätigung und neues Einkommen zu finden. Nach gewonnenem Prozess schloss sie ihr Institut und beließ es dabei, dass ihre Ehre wieder hergestellt war.
 
Und so begegneten wir uns. Sie ähnelte meiner Mutter, schien mir aber vieles zu haben, was ich vermisst hatte. Doch Übertragungsversuche durchkreuzte sie „erbarmungslos“: „ Oh no! I don’t want to be a mother!“ Dass sie ihren Sohn verloren hatte, wusste ich nicht. Er wäre heute so alt wie ich. So ließ ich die Übertragung los und blieb ihr als Schüler und Kollege freundschaftlich verbunden. Vielleicht war das die richtige Therapie für mich.
 
Soviel fügt sich zu zusammen. Leben und Entwicklung gehen zwischen Zufall und Bestimmung oft seltsame Wege. Und „Jeder erfindet irgendwann eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ (Max Frisch)


[1] "Persönliche Leitbilder und berufliche Lebenswege" - Hinweis:  Zweiseitenansicht einstellen.
[2] http://www.srf.ch/sendungen/sternstunde-philosophie/carla-del-ponte-die-frau-die-lachend-moerder-jagt
[3] http://www.fanita-english.com/bibliography/the-legacy-project.html#c1
[4] Dialog mit Fanita English - B. Schmid  
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Hilarion_Petzold

 

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