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Blog 121: Matthäus-Effekt - Von Bernd Schmid 13.03.2015 Drucken E-Mail

 

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„Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ (Mt 25,29)

oder auch „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“ [1]

Matthäus-Effekte?

Eigentlich hat mich zunächst das „Probono-Paradox“ beschäftigt. Doch dann zogen meine Gedanken größere Kreise und ich bin beim Matthäus-Effekt gelandet.

Doch der Reihe nach!

Auf Einladung der BMW-Stiftung durfte ich am Global Pro Bono Summit in Berlin teilnehmen. Sehr spannend. Auf der Suche nach Wegen zwischen kapitalistischer Wirtschaft und Gemeinwohlverantwortung entstehen weltweit Trampelpfade. Vieles im Pionierstadium, aber mit erstaunlich wachsendem Elan. Ein Bericht darüber und über das DBVC-Dialogforum „Coaching und gesellschaftliche Verantwortung“ im Haus des Stiftens in München ist hier[2] zu finden.

Die gute Botschaft: Weltweit gibt es eine enorme Bereitschaft zum Volunteering[3]. Private, Professionelle und Unternehmen wollen für das Gemeinwohl eigene Kräfte und Kompetenzen ohne Gewinnstreben einsetzen. Das zu lösende Problem: Wie daraus Gemeinwohl und nachhaltige Unterstützung für dort Engagierte machen? Da gibt es altehrwürdige Großorganisationen, die aber eher wie ein Teil des bekannten Systems und oft schwerfällig wirken. Da gibt es unendlich viele, meist lokale Initiativen, von der Vereinsarbeit über das Frauenhaus oder die Tafel zum social entrepreneurship-Startup. Soweit, so quirlig.

Zunehmend versuchen „Vermittler“ über solche „hands on-Aktivitäten“ hinaus, neue Ordnungen zu schaffen, wollen das Feld nachhaltiger organisieren und entwickeln. Die Schmid-Stiftung z.B. entwickelt Formate um das Knowhow des isb und seines Netzwerkes bei gut dosierbarer Belastung und reichlich spannenden Erfahrungen in diesen Bereich einzubringen.

Nun zum Paradox: Schrotschuss oder Selektion?

Probono-Dienstleistungen kann man entweder nach dem Schrotschuß-Prinzip zur Verfügung stellen. Dann ist der Nutzen fraglich. Wer hat sich nicht schon in Gutmenschentum geübt und ist bei schlechten Gefühlen gelandet? Oder man stellt nach dem Selektions-Prinzip Anforderungen an die Empfänger. Verlangt Augenhöhe oder will sie auch, um würdige Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Dann schaffen nur die fittesten, überhaupt was zu bekommen. Die Bedürftigsten gehen leer aus.

Klar, auch Geber suchen Verhältnisse, bei denen Hoffnung auf nutzbringenden Einsatz ihrer Mittel besteht. Sonst gießt man in ein Fass ohne Boden. Und fühlt sich missbraucht. Aber wie kann man, ohne übergriffig zu werden oder die Verantwortung anderer zu übernehmen, das Flicken solcher Fässer bewirken? Also Selektion? Definieren, unter welchen Bedingungen man gibt? Die auswählen, die der Gaben am würdigsten sind? Das ist z.B. meist die Dynamik von Wettbewerben. Die Sieger bekommen reichlich. Dem eigenen Selbstverständnis und Erscheinungsbild hilft es auch. Sind nun aber nicht die eh Privilegierten wieder unter sich? Die Mittel häufen sich bei den Reicheren und es ist fraglich, ob sie so gebraucht und gut eingesetzt werden. Und sie fehlen wo anders. Dabei hätten gerade die, die nicht fit genug waren, am meisten Unterstützung gebraucht.

Oder man will es nicht so genau wissen, um dem Paradox zu entgehen. Geber und sich etablierende Vermittler vermelden beeindruckende Volumina, emsige Aktivitäten und dankbare Empfänger. Volunteers z.B. aus großen Unternehmen werden mit ihrem Knowhow in den gemeinwohlorientierten Bereich vermittelt. Z.B. glaubt eine Schulinitiative eine Website zu brauchen und es findet sich jemand, der Website kann und gerne hilft. Neuerdings wird solches „Matching“ immer mehr über Internetplattformen geleistet. Jeder diagnostiziert sich dabei selbst. Aber auch kompetent? Was passiert konkret, wenn die Gematchten zusammentreffen? Fragt der Spender nach, was die Website eigentlich soll, merkt der Empfänger vielleicht, dass er ohne weitergehende Klärungen nichts zu antworten weiß. Mit solchen Klärungen fühlen sich dann vielleicht alle überfordert. Oder man bastelt was, was vielleicht auch schön aussieht, aber den Zweck vielleicht im Dunkeln lässt. Jemand hat das so ausgedrückt: Das ist wie das Angebot einer günstigen Internetapotheke. Jeder kann sich aufgrund seiner Selbstdiagnosen bedienen. Gut, dass wir all das im Profi-Bereich nicht kennen! (Achtung Satire!)

Und der Matthäuseffekt?

Jeder kennt ihn im eigenen Leben. Wer will nicht lieber mit den Reichen, Wichtigen, Begabten oder wenigstens Vorzeigbaren tun haben? Gute Gründe, die anderen mit Bedauern außen vor zu lassen finden sich. Oder man nimmt dann doch auf sich, sich den Bedürftigeren zuzuwenden, denen deren Hände nicht wissen, wie man zulangt und festhält. Manchmal geht das einfach und ist menschlich befriedigend. Doch schnell findet man sich in Paradoxien wieder. Sich blind engagieren ist genauso ungut wie sich frustriert zurückziehen. Also was tun? Im Konkreten zumindest Falschlösungen identifizieren und dennoch die Spanne derer, die man zu erreichen versucht ausdehnen. Dann kann man nicht so schnell und nicht massenhaft Lösungen reklamieren, kann nicht so leicht mit Erfolg beeindrucken, scheitert und zweifelt öfter, muss dies Mitstreitern zumuten. Ein Dilemma kommt selten allein[4]. Oft bräuchte es Dilemma-Kompetenz. Aber ist das nicht schon wieder eine zu hohe Anforderung?

Auch wir haben keine fertigen Lösungen, doch versuchen wir, den Paradoxien standzuhalten und dem Matthäus-Effekt entgegen zu wirken.

Auch das Griechenland-Thema lässt grüßen, fällt mir gerade auf.


[1] Quelle: Wikipedia
[2] Siehe Bericht http://www.systemische-professionalitaet.de/isbweb/content/view/584/543/
[3] interessanterweise gibt es auch Regionen, z.B. China, in denen das noch nicht so ist.
[4] 106 Zwickmühlen und der Dilemmazirkel - B. Schmid 1988, 034 Dilemmata, Ökonomie und Ökologie im Umfeld unserer Profession - B. Schmid 1993, 316 Verzweifeln - eine professionelle Kompetenz - B. Schmid 2005

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