Startseite arrow Bernd Schmids Blog
Startseite
Bernd Schmids Blog
Professionelles
Fachveröffentlichungen
Literarisches
Privates
Bildbox
Blog-Abonnement
Blog 109: Großartige Auftritte - Von Bernd Schmid 09.04.2014 Drucken E-Mail

 

blog109.jpg

Wenn Sie diesen Blog in größerer Schrift lesen möchten, klicken Sie bitte hier.  

Großartig!
So lobte der eine Top-Speaker den anderen nach einer freundlich beklatschten Keynote vor ein paar hundert Kollegen.
 
Thema war sinngemäß:
Wie kann man durch Spektakuläres zu beruflichem Gelingen und dadurch zum verdienten Glück durchzustoßen?
„Großartig“ trifft genau das Positive wie auch das von etlichen Zuhörern artikulierte Unbehagen.
 
Das Positive: Da waren viele gute Beobachtungen, Einsichten, Lebenserfahrungen und Mahnungen an die Szene enthalten. Eingängig, mit Pointen gespickt und unterhaltsam, mit persönlichem Engagement vorgetragen. Von einem, dem man das für seine Person abnimmt, der es wohl nicht immer leicht hatte, sich aber durchgebissen hat.
 
Unbehagen zum ersten: Die Präsentation hatte was von einer Mahlzeit, die gut aussieht und auf Anhieb die Sinne verführt. Doch mit der Zeit oder im Nachgang sozusagen, schmeckt Künstliches vor, eher beigemischte Geschmacksverstärker als die Speise selbst. Und man weiß nicht, ob man was Gutes zu sich genommen hat.
 
Woran liegt das? Liegt es daran, dass die Inhalte nicht aktuell gespürt, gelebt werden, sondern eher aus Konserven zum jederzeitigen Konsum zusammengestellt werden? Im Prinzip ist Richtiges drin. Doch ist es substantiell gesund? Oder zu geklont und geschmacklich aufgepeppt? Wie sehr muss seelisch Bedeutsames frisch zubereitet werden? Ein Problem professioneller Speaker?
 
Im Unterschied dazu hatte ich zwei Tage davor Wolf Singer zum Thema Neurowissenschaften Dinge sagen hören, die auch er sicher schon oft gesagt hat, ich habe sie aber als seelisch frisch und substantiell empfunden. Sie waren spürbar nicht auf Publikumswirksamkeit getrimmt.
 
Woher kommt der Unterschied im Empfinden? Bin ich das? Ist das die Beziehung des Redners zum Thema? Singer sprach aus echter Besorgnis wegen der Neuro-Popp-Welle der Laien und wegen der Selbstüberschätzung der Profis oder wegen deren übermäßigem Schielen auf Quoten. Singer war ganz präsent, aber es ging um sein Herzensanliegen und nicht um ihn.
 
Unbehagen zum zweiten: Vielleicht liegt es an der Botschaft im Subtext, an den Haltungen. War da eine Titanen-Mentalität zu spüren? Dieser Mensch mit Drang nach Großem hat vielleicht tiefe Täler durchschritten und es beeindruckt, dass er trotz der Belastungen oder in Verarbeitung dieser nun persönlich viel Erfolg hat. Hut ab.
Aber ist vielleicht doch eine Fixierung auf zu bestätigende „Höherwertigkeit“ geblieben? Wäre verständlich! Doch macht es Sinn, wenn diese dann auch anderen empfohlen oder in Aussicht gestellt wird?
Ganz vorne mitspielen, klar, wünschen sich viele. Aber kommt’s darauf so an? Und bekommt nicht dann Vieles im Kontrast dazu einen Flair von Minderwertigkeit?
Und wie viel Platz ist auf den Siegertreppchen wirklich? Für alle? Für die meisten Zuhörer, wenn sie nur am Vortragenden Maß nehmen? Oder ist da ein Logikfehler drin?[1]
 
Klar darf man Sinn für Großes zeigen[2]. Der fehlt oft. Manche Trägheit und Selbstgenügsamkeit sind vielleicht zu überwinden. Aber wenn Herrenmenschen-Mentalität durchscheint!? Diese Abgründe kennen wir und sind lieber zu hellhörig als taub auf diesem Ohr. Und, dass jemand sich aus Untiefen von Misserfolg und Demütigung herausgearbeitet hat, macht ihn nicht unbedingt sensibel für andere. Dafür gibt es geschichtliche Beispiele genug.
 
Niemand soll schlechter Absichten verdächtigt werden. Und ich will nicht mit Steinen werfen, eher auch über mich nachdenken. Es geht um Verstrickungsgefahr. Gerade die mit Sinn für Großes können sich hier verirren. Solchen Verführungen sind zeitweilig auch schon große Geister erlegen, z.B. der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung oder der Philosoph Martin Heidegger im Dritten Reich. Vielleicht gerade aus ihrer Ergriffenheit von Höherem, dem sie gerne zu mehr Gültigkeit verhelfen wollten.
 
Peter Sloterdijk hat ja darauf hingewiesen, dass wir immer mehr im Zeitalter der Athleten zu leben scheinen[3]. Athleten bezüglich beruflicher Fitness und Erfolg, bezüglich eines gesunden und gestylten Körpers, bezüglich eines gelingenden Lebensstils usw. usw.
Doch wenn ich zu viel Athletentum spüre, sehe ich durch Anabolika entstellte Spitzensportler vor mir. Ist das gesund? Auch die Seele kann durch Doping für mentales und spirituelles Athletentum entstellt werden.
 
Wollen wir wirklich zu einer solchen Leistungskultur beitragen?

[1] Audio:  319 Besser! Schneller! Schlanker! Effizienzfallen für Professionelle - Bernd Schmid  Text: 319 Chancen für Innovationen - B. Schmid 2007
[2] Blog 104: Dialog mit Großen - Von Bernd Schmid 20.11.2013
[3] http://www.suhrkamp.de/buecher/du_musst_dein_leben_aendern-peter_sloterdijk_41995.html

 

• Wenn Sie diesen Blog kommentieren möchten schreiben Sie an Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
• Wenn Sie frühere Blogs oder Anderes von Bernd Schmid lesen wollen:
www.bernd-schmid.com.
• Wenn Sie diesen Blog abonnieren wollen:


• Wenn Sie das ISB-Wiesloch kennenlernen bzw. News aus dem ISB einsehen oder abonnieren wollen: www.isb-w.eu.
• Wenn Sie das forum humanum kennenlernen oder News des forum humanum abonnieren wollen:
http://www.forum-humanum.eu


Kommentare zu diesem Blog:

Frau Martina Weber


Lieber Bernd Schmid,

Sie haben mein Unbehagen an der Szene sehr schön vorsichtig formuliert und mir Wörter für eine Beobachtung geschenkt. Mein ganzes Umfeld sucht Erfolgsformeln, Glücksrezepte, Inspiration um jeden Preis, erfolgreiche Verhaltensvorbilder. Jeder kann Erfolg haben - wenn er sich nur endlich aufrafft, richtiges Marketing betreibt und so weiter... den verschiedenen Speakern geht meist mehr um Selbstdarstellung und ihrer Botschaft ist oft banal. Sie verkaufen und lehren verkaufen. Und es ist natürlich auch Wahrheit drin - wenn ich etwas hilfreiches beizusteuern habe, nutzt es nichts, wenn niemand davon weiß. Und trotzdem sind die Glücksversprechen nicht segensreich in ihrer Wirkung. Zumindest kann ich es nicht in der mich umgebenden Realität beobachten. Vielen Dank.


Frau Sonja Schwarz-Bücherl


Lieber Bernd,

auch ich habe beim gleichen Anlass besagten Redner gehört und treffender hättest du meine erst sehr gemischten, dann aber absolut eindeutigen Empfindungen dabei nicht beschreiben können. Ja, unterhaltsam war es und ob jemand mit solch vor sich hergetragenem Selbstbewusstsein zu bewundern sei, hmmm. Vielleicht im ersten Moment, wenn man selbst gerade mal wieder vor einem Akquisegespräch aufgeregt ist, oder all die tollen Präsentationen anderer potentiellen Konkurrenten im Web z.B. sieht.
Eindeutig aber dennoch, denn sowohl ich als auch die um mich herum Sitzenden und danach gesprochenen Besucher warteten auf Substantielleres, auf einen "ehrlichen" Impuls, den man als Kollegenzuhörer konstruktiv mitnehmen konnte. Es kann ja nicht im Sinne der Veranstalter gewesen sein, dass sein Weg, der unbesttritten als ein Beispiel für "Kämpfertum",  als Vorbild proklamiert werden sollte.. Und überhaupt, wer definiert das schon: Verkaufszahlen, Öffentlichkeit oder nachhaltige Wirksamkeit?
Ja, ich bin raus gegangen, als wäre ich im falschen Film gewesen und habe diese Art noch nicht auf dieser Veranstaltung erlebt.
 
Im Gegenzug dazu die "seelischen Bilder, die Suche nach dem Funken für berufliche Profesionalität, ...für mich stimt es, wenn...gegeben ist". Da wurden die Teilnehmer angesprochen, illustriert mit einigen persönlichen Beispielen und man kam gar nicht drumherum, ob man wollte oder nicht, bewusst oder unbewusst , sich auf diese Spuren zu begeben und es wirkt immer noch.
 
Gut, ich bin ISBlerin, aber auch andere, die z.B. eher aus der NLP-Ecke kamen, sich etwas "anders"präsentieren, waren sehr angetan,  be-rührt und erkundigten sich nun schon über die Ausbildung am ISB, ob das nur bei Dir so sei oder ob die Lehrtrainer auch in dieser Qualität arbeiten würden.
 
Frau Ute Reiner

Nur kurz, lieber Bernd Schmid,
aber diesmal sprechen Sie mir wirklich aus dem Herzen! Mir bereitet
dieser Optimierungsdrang und -zwang in jeder Hinsicht schon seit
geraumer Zeit großes Unbehagen. Da ich aber zu den eher "kleinen" (:-)
;-) ) Supervisorinnen gehöre, habe ich bis jetzt bloß wenig Plattform
gefunden oder erfunden, um mich darüber konstruktiv auszutauschen. ...
Mal sehn, was demnächst passiert?!

Auf jeden Fall: herzlichen Dank für Ihren Beitrag!!


Herr Dr. Klaus Schenck


Lieber Bernd,

fast hätte ich, dem ersten Impuls folgend, Deinen Text kommentiert mit: Großartig!
Aber was ich damit in einem Wort sagen wollte, könnte mit mehreren Worten heißen: Der Text hat mir gut gefallen, mich zum Nachdenken eingeladen, und er wird vermutlich noch eine Weile nachwirken.
Danke dafür!

Herr Holger Balderhaar
 
Lieber Herr Schmid,
 
vielen Dank für Ihren Blog zum Thema "Großartige Auftritte". Auch wenn ich den von Ihnen beschriebenen Vortrag nicht selbst erlebt habe, kenne ich doch aus Zuhörer-Perspektive verschiedenste Vorträge von professionellen Speakern. Ich kann Ihre ambivalenten Gefühle gut nachvollziehen und erinnere mich an Selbst-Reflexionen, die ich in meiner Trainer-Tätigkeit vollzogen habe. Vielleicht sind diese eine hilfreiche Ergänzung oder Erklärung für das von Ihnen beschriebene, und von vielen Kommentatoren geteilte Phänomen.
 
Als Trainer und Moderator bin ich es gewohnt, vor Gruppen von bis zu 30 Menschen zu stehen. Es ist eine kleine Bühne, die ich dort als Trainer betrete, ausfülle, "bespiele" und dann auch gerne den Teilnehmern überlasse für Ihren Lern- und Übungsprozess. Und doch, wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, nährt mich diese Bühnensituation auch persönlich und ich ziehe Energie daraus - fühle mich nach mehrtägigen Trainings etwas "high". Ich frage mich dann genauer: Welcher Teil von mir wird da genährt, wenn ich anderen praktische Methoden, wertvolle Haltungen und schlaue Gedanken zum Thema vermittele? Ist es das "grandiose Selbst", dass sich in narzisstisch-selbstverliebter Weise gut gefällt auf der Bühne und sich nährt von den Bestätigungen der Teilnehmer? Oder ist es das "wahre Selbst", dass einfach dankbar die Verantwortung annimmt, anderen Mit-Menschen ein tradiertes, von meinen Lehrern übernommenes und ergänzt mit selbst erworbenem Wissen weiterzugeben? Beides ist der Fall, wobei sich ersteres anfühlt wie "Fast Food", nicht wirklich sättigt und dessen Wirkung schnell verfliegt. Letzteres nährt mich und hält lange an, stärkt mein Wahres-Selbst-Vertrauen und gibt mir Sinn.
 
Zum Glück immer mehr:  Je mehr ich von der wert-vollen Nahrung zu mir nehme, desto weniger brauche ich das Fast-Food und desto seltener lässt sich das narzisstische Selbst dazu verführen, die Bühne für seine Zwecke zu nutzen bzw. zu missbrauchen. Rollo May hat es in seinem Buch über den narzisstischen Persönlichkeitsstil in ein schönes Bild gefasst: Der Narzisst muss das "falsche Selbst" so großartig erscheinen lassen und blenden, um von dem leider mickrig-gebliebenen wahren Selbst abzulenken, welches in seiner bisherigen Entwicklung nicht genügend Nahrung erhalten hat. Auf Ihren Blog und Ihre konkrete Erfahrung mit dem Redner bezogen meine ich, dass die Bühnensituation eines Speakers noch sehr viel mehr als in einer Trainingssituation dazu (ver-)führen kann, dass sich das großartige, "falsche" Selbst in den Vordergrund rückt und aus seinem Bedürfnis heraus (blenden, ablenken, fast food,…) immer wieder diese Situationen zu suchen und zu reproduzieren. Wohltuend und berührend erlebe ich als Zuhörer die Redner, die obwohl so verführerisch, die große Bühne nicht dem falschen sondern dem wahren Selbst zur Verfügung stellen und von da und innen heraus - Sie würden vielleicht formulieren: aus der Seele heraus - wirken, scheinen, berühren und inspirieren. Insofern kann ich Ihr Unbehagen in der beschriebenen Situation gut nachvollziehen, auch wenn ich sie nicht selbst erlebt habe. Oft wirken mir Reden zu einstudiert, geübt und auf Pointen hin berechnet. Dies kann einiges an Eindruck machen, schmeckt aber, und den Eindruck teile ich, schnell fade.
 
Nachhaltig beeindruckend sind für mich auch eher die ungeschliffenen und authentischen Reden. Sehr zu empfehlen ist hier z.B. der österreichische Schuhfabrikant Heinrich "Heini" Staudinger, dessen Vorträge auf Youtube zu genießen sind.
 
Soweit erst einmal von mir - ein nachvollziehbarer Gedankengang? Über eine Reaktion würde ich mich sehr freuen…

Antwort von Bernd Schmid

 
Lieber Holger Balderhaar!
Ich finde Ihre Analyse sehr feinsinnig und aufrichtig. Vielen Dank.

 
<< Anfang < Vorherige 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Nächste > Ende >>

Ergebnisse 31 - 36 von 139
ISB Schwäne