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Blog 103: Deutschsein - Von Bernd Schmid 30.10.2013 Drucken E-Mail
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Nun ist mit Vettel schon wieder ein Deutscher Formel 1-Weltmeister geworden, vorzeitig und schon zum 4. Mal. In den Medien wird hervorgehoben, dass dieser Sieg nicht allein mit Gründlichkeit und stetem Streben nach Perfektion verdient wurde, sondern auch durch Teamgeist, Bescheidenheit und Würdigung aller Mitwirkenden. Und nach dem Triumph? Statt großer Sause großer Dank an alle und Rückkehr in die Schweiz, wo Vettel mit seiner Freundin Hanna einen Bauernhof bewohnt. Ob das alles so stimmt, weiß ich nicht, und ob man die Formel 1 wirklich braucht auch nicht. Aber mir gefällt, wie hier von einem deutschen Könner berichtet wird. Eben nicht nur Perfektion, sondern auch sympathische Bezogenheit.
 
Neue Bilder auch beim deutschen Fußball, mehr brasilianisch als militärisch, fair play statt Sieg um jeden Preis und das alles deutsch. Beflügelt auch mich, obwohl ich kein großer Fußballfan bin. Vor kurzem mahnte John Kornblum[1], einer der großen Vertreter der USA in Deutschland uns Deutsche, wir sollten unsere Rolle in der Welt selbstbewusster spielen. Die Welt brauchte unsere Gründlichkeit, unser strategisches Geschick und unsere Kompetenz im Lösen komplexer Probleme. Ob das vorrangig seinen deutschen Großeltern zu danken ist?

In einer BBC-Studie[2] wurde Deutschland zum „beliebtesten Land“ weltweit erkoren. 59 Prozent der mehr als 26.000 Befragten in 25 Ländern bewerteten demnach den Einfluss Deutschlands in der Welt als "vor allem positiv". Das hat mich verblüfft, und - bei etwas schlechtem Gewissen - gefreut. Manches Presseecho schien mir eher alles herunterspielen zu wollen. Und wenn ich mit zaghafter Genugtuung in meinem Umkreis davon erzählte, gab es auch hier Beschwichtigungen. Warum bloß überall diese Angst, uns Deutschen könnte Anerkennung zu Kopfe steigen? Muss Freude über uns selbst in Auftrumpfen münden und am Ende mit Schmach und Scham bezahlt werden?
 
Neulich saß ich mit einer holländischen Kollegin beim Frühstück. Sie erzählte begeistert, welche Resonanz unsere Konzepte in den Ländern finden, in denen sie als Managementberaterin arbeitet. Dann drückte sie ihre Verwunderung aus, dass wir Deutschen uns nicht trauten, stolz auf uns zu sein. In ihrem Land wäre das ganz anders. Das müsse mit unserer Geschichte zu tun haben. Naheliegend! Die negative Variante unserer deutschen Tugenden hat furchtbares Unglück über Millionen von Menschen gebracht. Und wie kann man wissen wie fruchtbar der Schoss noch ist, aus dem das kroch[3]? Doch deshalb ewig geduckt bleiben? In Deutschland scheint, wenn auch anfangs unter Druck, die Aufarbeitung unserer dunklen Geschichte einigermaßen gelungen und die Wachsamkeit entsprechend hoch zu sein. Das ist nicht überall so. Doch steht uns das Anprangern zu?
 
Aber die Wiederaneignung eines gesunden Stolzes steht uns vielleicht schon zu, zumal uns andere dies offenbar gerne zugestehen und durchaus in einen deutschen Beitrag zu globalen Entwicklungen vertrauen wollen. Klar gibt es auch hierzulande genug, was nicht glänzt, obwohl es sich als Gold ausgibt. Auch gibt es deutsche Überheblichkeit und Anmaßung. Doch ist das nicht auch die Rückseite der Medaille, deren Vorderseite unterdrücktes Stehen zu sich selbst darstellt? Ich habe das in internationalen Kontakten an mir selbst beobachtet. Aus falscher Bescheidenheit und Furcht als überheblich zu gelten, habe ich mich in meinen qualitativen Vorstellungen und Gestaltungsansprüchen zurückgenommen, um ja gemeinschaftsfähig zu sein. Wenn dann allerdings die Dinge weit hinter dem zurückblieben, was ich als möglich gesehen habe, dann drohten sich meine nicht aktiv gelebten Maßstäbe in Unzufriedenheit, ungute Dominanz oder Rückzug umzukehren.

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