Blog 39: Surreales Kaleidoskop -Von Bernd Schmid 15.12.2009
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Bald ist die große Bugwelle der Weihnachtshektik durch, und dann haben hoffentlich alle wieder etwas Ruhe, sich auf Hintergründiges, auf Wesentliches zu besinnen. In diesem Jahr sind wir besser davongekommen als zu befürchten war. Wohl eine Verschnaufpause, denn die großen Fragen sind ungelöst. Mein Hinweis: "The story of stuff!" Ein Video, das mir eindrücklich geblieben ist.( Link zum Video hier)
Seit Tagen schon gönne ich mir, frei von festen Terminen zu sein. Also Raum für Gedanken und Empfindungen, Begegnungen der anderen Art. Bilder ziehen vorbei wie die Wolken vor meinem Fenster. Meine Blicke folgen der Elster in der alten Birke. Vielleicht soll nach unserer Katze ein Rabe unser Haustier sein. Eine skurrile Idee, aber sie bereitet mir Vergnügen.
"Gegen jede Vernunft" ist eine Surrealismus-Ausstellung überschrieben, die wir dieser Tage in Ludwigshafen besucht haben. Nun, „gegen“ kann wohl kaum Gegnerschaft zu Vernunft heißen. Doch Vernunft braucht ein „Gegenstück“, zumal Banalitäten und Schablonen des „Vernünftelns“ gerne als Realismus daher kommen. Da tut Surreales als Auflockerung gut. 1
Träume sind oft solche surrealen Inszenierungen, auch Tagträume und Phantasien. Wie in einer Kollage werden Dinge zusammengefügt, die real nicht in eine Welt passen. Nicht die Herkunft der Gestaltungselemente entscheidet, sondern wie sie
zusammengefügt sind, frei über Zeit und Raum. Bei Tag betrachtet, schüttelt dann der Realist in uns verwundert den Kopf. Doch es ist unser Traum, alles darin ist auch in uns. Also sind wir auch Surrealisten, ja manchmal in Komposition und künstlerischem Ausdruck erstaunlich. Ich erinnere einen eigenen Traum von vor vielen Jahren. Ich löste mich gerade von übermäßiger Technikorientierung im Training.
Da ist im Garten hinter meinem Elternhaus wieder dieser Bunker. Dort liegt eine bewusstlose junge Frau wie in Frankensteins Labor, voll verdrahtet durch Apparate gesteuert. Schrilles Piepen! Ich bin auch da und mache mich voller Angst mit den
Worten „I fear I skill!“ an der Apparatur zu schaffen. Das System reagiert chaotisch, nicht mehr beherrschbar! In meiner Angst reiße ich mit bloße Händen alles Technische weg. Nach einem endlos erscheinenden Moment, holt sie tief Luft. Ihren warmen Atem spüre ich noch heute an meiner Wange.
Es dauerte Tage, bis ich mich über den seltsamen Satz zu wundern begann: I fear I skill! Gefühlt war ich davon ausgegangen, es heißt: I fear I die! Doch auch: I kill! Und dann noch: Skill!
Woher nehmen wir das? Woher nehmen Menschen soviel Ausdruckskunst, auch wenn sie bei Tag meinen, dass ihnen so was nicht einmal im Traum einfallen würde?
„Ich schlafe gut. Ich träume nie!“ so hatte sich ein Manager in einem Seminar eingeführt.
Und doch verdanke ich ihm eine berührende Traumserie zum Thema „Mann sein“. 2
Verena Kast 3 berichtet von neueren Ansichten, die davon ausgehen, dass wir Träume und innere Bilder brauchen, um unsere Erfahrungen im Gehirn zu vernetzen. Wir bringen sie zu anderen Erfahrungen und unseren Selbstverständnissen ins Verhältnis. Wird also ständig am hintergründigen Gesamtkunstwerk Persönlichkeit gearbeitet, ob das unser Ego interessiert oder nicht? Würden wir nicht hin und wieder gerne mehr davon mitkriegen? Dialog halten, wenn wir Orientierung suchen, Fragen aufwerfen, wenn sich drastische Bilder aufdrängen, Belebung erfahren, wenn wir austrocknen?
Dieser Tage ist dafür wieder etwas mehr Raum, uns auf die Inszenierungen, die Ausdruckweisen und Stile unserer inneren surrealen Bühnen einzulassen, vielleicht im Zwiegespräch mit Freunden. 4
Ich führe schon seit Jahrzehnten ein Traum- und Bildertagebuch. Dort halte ich fest, was mir sonst leicht im Bewusstsein
verlorengeht. In diesen Tagen intensiver, doch gibt es auch Pausen von Monaten und Jahren. Manche Bilder lassen heute Blaupausen erkennen, nach denen sich vieles auf meinem Weg inszeniert hat, lassen mich Zusammenhänge verstehen. Vielleicht ist es nicht wirklich wichtig, aber es macht mir Sinn.
Ich wünsche uns allen beseelte Tage
Ach, und wenn für Besinnlichkeit zum Jahresende Raum ist und gute Vorsätze drohen, regt es vielleicht an, zu den guten Wünschen für 2009 5 zurückzukehren oder überhaupt noch einmal in den Blogs dieses Jahres zu stöbern.
Wo sind wir fortgeschritten?
1 Das Wort „Surrealismus“ bedeutet wörtlich „über dem Realismus“ [ wikipedia ]. Etwas, das als surreal bezeichnet wird, wirkt traumhaft im Sinne von unwirklich.
2 Schrift Nr.39 - B. Schmid (1989): "Geschlechtsidentität – Eine seelische Perspektive" (Download).
3 Traumvorlesungen: http://www.auditorium-netzwerk.de
Suche nach: Verena Kast Traum
4 Siehe auch „Intuition & metaphorisches Arbeiten“, speziell Schrift Nr.99 "Träume im Coaching" (Download).
5Bernd Schmids Blog – Gute Wünsche 2009
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