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Blog 35: Herdentiere - Von Bernd Schmid 7.10.2009 Drucken E-Mail

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Zur klassischen Aufklärung gehört der Trend zum Individualismus.
Wenn jemand wiederkäut und blökt, was zurzeit alle blöken, dann meinen wir gerne, dass unabhängige kreative Gedanken, eigenständige Urteile dringend Not tun. Wer auf sich hält, will kein Herdentier sein, schon gar nicht zu den legendären Lemmingen gehören, die verblendet mit Hurra gemeinsam dem Abgrund zustreben.

Jeder will/soll wer ganz eigenes sein. Doch ist das nicht oft auch ganz schön anstrengend? Da werden wir aufgefordert, Alleinstellungsmerkmale zu nennen. Könnten wir sagen: „Ich bin wie viele andere, aber halt gerade da!“? Undenkbar!
Der Anspruch bleibt. Entlastung bieten uns Wirtschaftszweige, die uns Individualität von der Stange verkaufen. Die eigene Fahrzeugausstattung zusammenzustellen, ist ja auch schon was. Oder?

Dieser Tage habe ich eine berührende Szene in einem Tierfilm gesehen: Eine Zebra-Herde wird von einer Meute Hyänen aufgescheucht. Ein Zebra verstaucht sich ein Bein und bleibt zurück. Eine einzelne Hyäne könnte es abwehren, doch schnell versammelt sich die Meute. Das war’s dann! Nein! Doch nicht. Denn schließlich kapieren die anderen Zebras die Situation, kommen zurück und nehmen das lahmende Tier in ihre Mitte. Heute kein Jagdglück für die Hyänen!

 

Haben wir nicht zum 20sten Jahrestag des Mauerfalls ähnlich berührende Bilder gesehen? Menschen gehen zusammen,  halten zusammen, lassen sich nicht isolieren, sondern schützen und umsorgen sich gegenseitig.  Einzeln hätte das keiner leisten können. Wenn die Organe des Unrechtsstaats Chancen gesehen hätten, durch Jagd auf Einzelne die Flut einzudämmen, sie hätten nicht gezögert. Also! Gar nicht so schlecht, dass wir auch Herdentiere sind. Oder?

Dazu fallen mir noch zwei Science -- Fiktion – Hörspiele aus meiner Jugend ein.

1.) Ein Raumschiff landete zwecks Kolonialisierung auf einem fremden Planeten. Gefahrencheck: keine höhere Organisationsform! Nur unzählige winzige metallene „Fliegen“. Umso überraschender der verheerende Angriff eines schwer identifizierbaren Gegenübers. Es stellte sich heraus, dass sich diese Winzlinge situativ zu hochkomplexen Organismen zusammenschließen konnten. So konnten sie Gewaltiges  bewirken und sich sofort wieder zerstreuen. Die Kolonisatoren mussten letztlich aufgeben.
2.) Ein Forschungs-Raumschiff landete auf einem Planeten, um nach intelligenten Lebensformen zu forschen. Da gab es eine Art Hund, der sich von „Kohlköpfen“ ernährte. Der Hund wurde als höhere Lebensform angesehen, erwies sich aber als nicht intelligent. Schließlich wurde klar, dass die Kohlköpfe die Intelligenten waren. Die einzelnen Köpfe hatten Selbstbewusstsein und konnten kommunizieren. Aus  einem unterirdischen Wurzelgeflecht wuchsen neue Kohlköpfe, wenn welche gefressen wurden. Auf die Frage, warum sie sich nicht gegen den Verzehr durch die „Hunde“, einer weniger intelligenten Lebensform, zur Wehr setzten, antwortete ein solcher Kopf: „Dafür gibt es keine Notwendigkeit.“

Ganz schön auf den Kopf gestellt, die Verhältnisse, oder? Und sicher weit weg von uns! Aber, auf gute Weise Herden-, Schwarm- oder Hordentiere zu sein, könnte auch zu den Kompetenzen und Selbstverständnissen einer neuen humanen Aufklärung gehören.

Obwohl: Hyänen sind ja auch Rudeltiere. Was machen wir denn damit?

  

 

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    Kommentare:

    Frau Nicole Weis:

    .... ob das Eigene anstrengend ist? Das hängt von der Absicht dahinter ab würde ich sagen:

    Geht es mir bei dem Ausdruck des Eigenen darum die Aufmerksamkeit bzw. das Gefallen von anderen auf mich zu ziehen. Oder geht es mir bei der Darstellung von Alleinstellungsmer.., also meines USP darum, besser als andere zu sein. Oder geht es mir beim Marathonlauf darum unbedingt als erste oder in einer bestimmten Zeit durchs Ziel zu laufen – ja, dann ist bzw. wird das Eigene mit der Zeit anstrengend.

    Geht es mir beim Ausdruck des Eigenen darum, das zu zeigen, was ich am liebsten mache und wie ich wirklich bin. Oder stellt mein USP das dar, wozu ich mich berufen fühle und daran auch schon ganz schön gefeilt habe (nicht immer nur durch Erfolge). Geht es mir beim Marathonlauf um die Freude an der stundenlangen, fließenden Bewegung – dann ist das Eigene eine Freude. Und all das kann ich sowohl alleine als auch mit gleichgesinnten und ergänzenden PartnerInnen tun. Auch unabhängig von Vertretern der ersten Sorte.

    Gerald Hüther würde den Unterschied wahrscheinlich mit Ressourcen(aus)nutzung vs. Potentialentfaltung beschreiben. Im NLP nennen wir den Unterschied Schutz- vs. Wachstumsmodus.

    Wahrscheinlich fährt ja deswegen auch bisher kein BMW oder Mercedes im Zebra-Look herum. Obwohl die Hyänen auch dort schon warten und dann kann sich auch das ändern….

    Und ganz ehrlich: manchmal vermischen sich bei mir die Unterschiede und dann macht’s auch gleich viel weniger Spaß und meist kommt auch nicht sehr viel dabei heraus…..

    liebe Grüße

    Nicole 

     
    Herr Philipp Rausch

    Lieber Bernd,

    mit großem Interesse habe ich deine erneute Einschätzung zur "Lage der Welt" gelesen und kann deine Vorschläge nur unterstützen. Allerdings frage ich mich, ob du angesichts der katastrophalen "Verarbeitung" der Finanzkrise nicht einen ineffizienten Scheinwerfer verwendest. Die Bürger haben doch ganz offenbar beschlossen, dass man die Paradoxien, welche unser immer durchdrehenderes Wirtschaftssystem hervorbringt, am besten durch Verdrängung "löst" - Finanzkrise, war was?
    Und die gesellschaftlichen Funktionssysteme tun ihr Bestes um sie dabei zu unterstützen. Politik, wie Medien ignorieren einfach das Grundproblem und die kleine Gruppe aus der Wissenschaft die es nicht tut ist bzw. wird marginalisiert.
    Wenn ich etwas bei euch gelernt habe, dann doch das, dass man Organisationen am Besten über die verhaltensprägenden Systeme verändert. Vorschläge wie bspw. die Reformierung des Zinssystems gibt es bereits - http://www.williweise-suedpfalz.de/index.html   (Video) - sie müssten "nur" noch durchgesetzt werden.

    Viele Grüße,

    Philipp

     

     
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