Blog 36: Felix Helvetia - Von Bernd Schmid 26.10.2009
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Da wird in einer meiner Lieblingssendungen Sternstunden Philosophiezurzeit über
die Schweiz geredet.
Hat mich zunächst nicht besonders interessiert, bis ich gemerkt habe, wie wenig ich darüber weiß und wie sehr ich in wenigen Klischees hänge. Dass die Schweizergarde nicht wegen ihrer Kultiviertheit den Vatikan beschützt hat, sondern weil Schweizer Söldner für ihre kriegerische Härte gegen Geld bekannt waren, schwante mir schon irgendwie. In welchem Masse dieser paneuropäische Söldnerverleih als Exportschlager Wirtschaftsfaktor und Wohlstandsquelle war, hat mich dann doch erstaunt.
Nicht unbedingt edelste Grundlagen für Kulturentwicklung.
Besonders beschäftigt mich, wie es diesem kleinen Land gelungen ist,
einerseits die unterschiedlichsten Regionen zu einem Staatsgebilde
aneinanderzubinden und andererseits dabei eine Eigenständigkeit
inmitten der großen Kräfte in Europa zu wahren.
Da soll z.B. geholfen haben, dass die Spannungen der Reformation nicht
durch Gleichschaltung zu entscheiden waren. Man musste lernen, auch
diese Heterogenität auszuhalten. Dadurch konnte man sich aber auch nach
außen der Parteinahme in Glaubenskriegen entziehen. Denn man war ja
durch die Spannung im eigenen Land gebunden. Gleichzeitig musste man,
wollte man nicht aufgeteilt werden, zusammenrücken, ohne, dass die
Teile ihre Eigenständigkeit verlieren wollten. Offenbar hat man das
nicht in erster Linie mit Zentralismus und großen nationalen Ideen
versucht, sondern durch Bündnisse der Vernunft, die jedem das
Wirtschaften und die Entwicklung seiner regionalen und kulturellen
Eigenart entsprechend erlaubt haben.
So haben sich überzeugende Traditionen mit Spielraum für Frieden und
Wohlstand gebildet: Heterogenität und Selbstbestimmung mit mäßigem
Zentralismus kombiniert mit Toleranz aus Vernunft und
Integrationsfähigkeit.
Die Hauptressourcenfresser hat man gemieden, nämlich
• Kriege führen,
• Hof halten und
• Schulden bzw. Kreditkosten hinterherwirtschaften.
Der Spielraum wurde mit gehöriger Geschäftstüchtigkeit genutzt. Man
konnte anderen in der Welt gegen Entgelt Ressourcen und Schutzräume zur
Vefügung stellen und die eigene Bevölkerung (und Steuerimmigranten)
nur gering mit Steuern belasten. Ein sich schließlich selbst
stabilisierendes System, an dessen Erhaltung auch die großen Kräfte im
Umfeld interessiert sind, wenn auch nicht immer aus den edelsten
Motiven. Dabei ist die Schweiz eben auch ein Kulturraum geworden, aus
dem die Genfer Konvention, das Rote Kreuz und vieles andere an
humanitär Wertvollem entsprungen ist.
Nun will ich die Schweiz nicht idealisieren und das wurde in den
erwähnten Sendungen auch nicht getan, doch über einige ihrer
Erfolgsprinzipien könnten wir schon ernsthaft nachdenken, finde ich.
Sie könnten auch auf anderen Bühnen zu anderen Spielräumen und Kulturen
führen, oder?
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Kommentare:
Herr Ludgar Beckmann
Lieber Hr. Schmid!
Warum verlieren sie kein einziges Wort über die Banken in der Schweiz?
Kann das wahr sein, oder habe ich den Artikel nur unvollständig erhalten?
Würde die Schweiz vielleicht mittelfristig Bankrott gehen, wenn sie sich den Steuerregelungen der EU unterwerfen würde oder gar nur die internationalen Abkommen einhalten würde?
Warum haben die USA denn bislang (bis vor Obama) das nicht konsequenter verfolgt? Vielleicht etwa, weil es zu viele aus der ersten Reihe mit ihren Finanzmachenschaften erwischt hätte?
Im Gegensatz zu Ihnen meine ich, die von Ihnen so gelobten "Erfolgsprinzipien" der Schweiz müssen erst noch den Beweis erbringen, dass die Schweiz ökonomisch überlebensfähig ist, wenn sie nicht mehr von unrechtmäßigen Geldern leben würde. Anonyme Schwarzgelder-mit allem was dranhängt. Und vielleicht auch einige vergessene jüdische Konten?
Düstere - von Ihnen übergangene - Kapitel.
Ich liebe die Schweizer, ihre Berge, ihre Freidenke und lebe in einem Allgäuer Dorf mit 2 Kirchen, dass seit 45o Jahren (!) der Schweiz die religiöse Toleranz der Protestanten und Katholiken verdankt.
Soviel zum "System Schweiz" meinerseits.
Nachdenkliche Grüße
Ihr
L. Beckmann
dazu Bernd Schmid:
Lieber Herr Beckmann!
Sie richten den Scheinwerfer auf sehr bedenkenswerte Aspekte. Auch ich habe eher unserem ehemaligen Finanzminister Steinbrück zugestimmt.
Mein Thema war diesmal einfach ein anderes. Habe ja auch von den durchaus nicht unbedingt koscheren Motivationen mancher Schweizfreunde geschrieben.
Ob die Schweiz vielleicht nicht mal überlebensfähig wäre, ohne problematische Geldgeschichten, ist eine interessante Frage.
Herzlich
Ihr Bernd Schmid
dazu Herr Beckmann:
Lieber Hr. Schmid,
danke für Ihre geschätzte Antwort.
Ich glaube in der Tat, dass die erste Ökonomie Schweiz ohne diese dunkelste Seite der Geldgeschäfte zusammenklappen würde wie ein Kartenhaus.
Als ich 2002 (!) nach Japan flog - mit SWISS AIR gebucht - und die UBS sich weigerte diese zu stützen, d.h. vor dem Bankrott zu retten - titelte die renommierte und unverdächtige Neue ZÜRICHER Zeitung: "UBS - United Bandit System".