Blog 37: Spinner und Funktionäre - Von Bernd Schmid 09.11.2009
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Da hören wir immer wieder neue begeisternde Ideen, wie wir gesellschaftliche Entwicklung voranbringen können.
Ja! So könnte es gehen. Lass uns anpacken!
Es gibt auch wirklich viele kompetente Menschen, die mehr in ihrem Leben tun wollen als sich wichtig machen und sich die Taschen voll stopfen.
Und doch gibt es letztlich wenige erfolgreiche und nachhaltige Projekte.
Visionäre Ideen und konkrete Inszenierungen scheinen nicht richtig zusammen zu kommen. Warum eigentlich? 1
Da haben wir die Visionäre, die von begeisternden Ideen entflammt, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen und immer neue Menschen berühren oder ans Staunen bringen. Sie tun sich schwer mit Praktikern, die Argumente der Schwerkraft konkreter Umsetzung bringen und mahnen „kleine Brötchen zu backen“.
Würde das die Luft aus den Flügeln nehmen? Sind diese Pragmatiker kleinmütig und in Gewohnheiten und „Sachzwängen“ verhaftet? „Das ist mir nicht genug nach den Sternen gegriffen“ sagt dann z.B. mein Freund Gerald Hüther und schwingt sich erneut zu weiten Horizonten auf.
Zerfällt nicht so die Welt in Visionäre und Funktionäre? Entschweben
die einen wie Heißluftballons, die unter ständiger Befeuerung mit
Begeisterung Höhe gewinnen um ihre Bahnen in den Drifts des Zeitgeistes
finden, während die anderen versuchen eine Karawane zu organisieren und
dennoch die Ballons nicht aus den Augen zu verlieren? Wer das Zeug dazu
hat, könnte versucht sein, sich den kometenhaften Himmelskörpern
anzuschließen.
Wer nicht kann oder will, dem bleibt die Arbeit am Boden und im
Hintergrund. Gehen da nicht oft gegenseitige Würdigung ja sogar
Funkkontakt verloren? Im negativen Fall stabilisieren sich entstehende
Einseitigkeiten durch Polarisierung gegenseitig. Aus Visionären werden
„Geltungssüchtige Spinner“ und aus Protagonisten konkreter
Inszenierungen, „macht- und profitsüchtige Funktionäre“, oder
„einfallslose Technokraten“. Aus potentiellen Partnern werden
„Pappkameraden“. Ich ballere auf sie, also bin ich!
Für eine Rückbesinnung können Metaphern aus Jungschen Psychologie
hilfreich sein. Wer für seinen Auftritt übermäßig Licht beansprucht,
drängt andere in den Schatten, aus dem heraus dann irritierende Mächte
wirken.
Ist nicht die Individuationsaufgabe, „den Traum der Seele zur
Wirklichkeit des Herzens zu machen“? Braucht man dazu Blendwerk am
Himmel, oder nicht eher Leuchten auf dem Weg? Klar, man soll den Kopf
über die Wolken bekommen, um klare Sicht auf weite Perspektiven zu
haben. Doch sollen gleichzeitig die Füße festen Grund fassen, denn es
heißt nicht zufällig Fortschritt.
Und wenn einer dafür nicht groß genug ist, müssen wir halt aufeinander
stehen. Doch gelingt diese Übung nur, wenn wir eng und vertrauensvoll
zusammenarbeiten. Das Bewusstsein notwendiger Kooperation hilft, uns
in den Gestaltungsprinzipien, im Rhythmus, im Inszenierungsstil, in der
Nutzung von Ressourcen auf Augenhöhe abzustimmen.
Nachhaltigkeit kann nur gemeinsam gelingen und allen steht Würdigung zu.
Und Würdigung müsste eigentlich in beliebiger Menge zur Verfügung
stehen. Würdigung können wir Umwelt- und Menschenfreundlich vermehren.
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Kommentare:
Frau Nicole Weis
Lieber Bernd,
mein Feedback zu Deinem letzten Blog ist, dass ich ihn herausfordernd, stellenweise provozierend, interessant und inspirierend finde!
Mein Kommentar lautet:
Damit Nachhaltigkeit gemeinsam gelingen kann, bedarf es m.E. einer inneren Erfahrung von Ganzheit im einzelnen Menschen. Wir Professionelle hätten also vor der Organisation der Karawane, die sich ja letztendlich selbstorganisiert (!) bewegen soll, die Frage zu klären‚ Wann Menschen freiwillig bereit sind, aber auch fähig sowohl Verantwortung für das eigene als auch das Soziale und Globale, also für das Wohlergehen des Ganzen zu übernehmen?
Viele Menschen, denen ich beruflich und auch privat begegne, werden sich zur Zeit ihrer inneren Spaltung bewusst. Sie erkennen wie stark ihre wirksamen Glaubensmuster sie in eine äußere Wirklichkeit ‚getrieben’ haben, die mit ihren inneren Bedürfnissen nicht übereinstimmen. Sie erkennen wieviel Energie sie in den letzten Jahren(-zehnten) aufgewendet haben, diese Trennung von ihrem wirklichen Selbst nicht wahrzunehmen. Dieses Erkennen wird häufig erzwungen durch psychosomatische Störungen oder Depressionen. Manchmal aber ist es auch ein friedvoller Ablöseprozess, den kürzlich ein Coachee beschrieben hat mit ‚ich bin mir jetzt gewiss, dass ich nicht mehr müssen muß und so werde ich jetzt auch leben….’.
Dem eigenen Selbst als innere Autorität der Lebensgestaltung vertrauen dürfen/können, ist aus meiner Sicht die treibende Kraft für die Entwicklung kultureller Nachhaltigkeit. Die Erfahrung, dass wir Menschen im Kern unseres Wesens die ganze Fülle von Wohlergehen bereits sind, dass Leben in seiner Essenz selbst diese Ganzheit ist, das gar kein weiteres Denken und Tun braucht (das höchstens dadurch verhindert oder blockiert werden kann), erzeugt ein tiefes Gefühl der Befreiung und des Gehaltenseins gleichzeitig. Und dieses Gewahrsein der Selbst-Befreiung und –Haltung auf der neuen Bewusstseinsebene dauert einfach seine Zeit. Um es mit den Worten von Virginia Satir auszudrücken, der ‚Topf des wahren Selbst-Bewusstseins muß sich erst mal füllen’, bis der Mensch sich mit dieser Ganz-/Einheits-Erfahrung in äußere Kontexte einbringen kann und will.
Aus der inneren Erfahrung des Lebensprinzips der Ganzheit erkennen wir dann in der äußeren Wirklichkeit ganz automatisch, was noch nicht /nicht mehr ganz ist und wo nur gemeinschaftliches Wirken die Kraft hat ein Ganzes zu gestalten. Dann erkennen z.B. die Visionäre selbst, dass die erdgebundenen Beiträge der Praktiker nicht nur Sinn machen, sondern ihnen sogar Zeit zum Nachtanken für die nächste noch wirkungsvollere Erleuchtungsrunde am Himmel verschaffen, ohne dabei zu verbrennen (!) Und die Praktiker freuen sich, weil sie j e t z t die Chance haben, ihre Ampel der Manifestierung endlich mal auf grün zu schalten. Die Pantoffeltierchen haben den Vorteil der zeitweisen energetischen Ergänzung ja schon seit Jahrmillionen verstanden, die kennen aber vermutlich auch keine Trennung vom Selbst…..
Da der Mensch jedoch stellenweise komplizierter strukturiert ist, muss bzw. darf er den Umweg über die Selbst-Erkenntnis gehen. Ein neues Bewusstsein für gesellschaftlich nachhaltiges Denken und Tun wird also (hoffentlich) nicht aus der Abhängigkeit und einem Mangelbewusstsein der vergangenen hunderttausend Jahre sondern aus einem Fülle-Bewusstsein des Selbst entstehen, das mit seiner vollen Herzenskraft Ganzheit auch im Außen verwirklicht, weil es auch dort sich erkennt.
einen lieben Gruß
Nicole
Herr Prof. Dr. Bernd Fittkau
Lieber Bernd,
Ich nehme Deinen letzten Blog 37 über "Spinner" und "Funktionäre" als Steilvorlage für "mein" Thema "Gesellschaftliches Werte-Management": Ich habe in meinem letzten Beitrag im forum humanum einen Beitrag zum "Werte- und Entwicklungs-Trapez" ergänzt. Das von Dir hier skizzierte Entscheidungs- und Konfliktfeld lässt sich in folgendem Werte-Trapez abbilden:
Damit "Pragmatiker" nicht in die Gefahr geraten, durch zu pragmatische Anpassung an "nun einmal bestehenden" Realitäten sich ihrer kreativen Veränderungspotentiale zu berauben und zu "opportunistischen Technokraten" zu missraten, brauchen sie Entwicklungsimpulse für ihr "kreativ-visionäres" Potential. Und entsprechend brauchen “Visionäre” mit der Tendenz, ihre Bodenhaftung zu verlieren, einen “Schuss Pragmatismus” – z.B. durch die Herausforderung, “machbare nächste Schritte” zu beschreiben. Nur ein Balance-Prozess zwischen den Gegenpolen hat Chance auf Nachhaltigkeit – so meine These. Und wohl auch Deine.