Blog 38: Dogmatismus und Vergänglichkeit - Von Bernd Schmid 24.11.2009
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Worin unterscheiden sich sterbende von lebendigen Kulturen?
In sterbenden Kulturen ist alles festgeschrieben, aber der Geist verflüchtigt sich.
In lebendigen Kulturen lebt der Geist, und vieles ist offen. 1
Da besuchte mich neulich ein alter Bekannter, jenseits der 70.
Er hat eine Persönlichkeitstypologie entwickelt und wollte mich davon überzeugen, nicht etwa eine pragmatisch wertvolle Konzeption, sondern eine Art Naturgesetzlichkeit gefunden zu haben. Ich konnte mich dem nicht anschließen. Unter uns systemisch gebildeten Kollegen ist eigentlich selbstverständlich geworden, dass Wirklichkeit die des Beobachters ist. Konzepte jeder Art, erst recht im sozialwissenschaftlichen Bereich, stellen Anschauungen, vielleicht persönliche Gewissheiten dar, keinesfalls aber Wahrheiten.
Warum tat er sich so schwer damit, dass ich seine Ansicht nicht teilen wollte, ja eher seinen Kritikern recht gab? So nützlich ich seine Typologie fand, so konnte ich seine Neigung, daraus ein Dogma zu machen, nicht nachvollziehen. Hat es damit zu tun, dass er mit vielem, womit er im Leben Geltung erlangen wollte, nicht durch war und spürte, dass seine Kräfte versiegen?
Ich versuchte, ihn mit Würdigung des Erreichten zu trösten und wollte
ihn ermutigen, eher manches noch rund zu machen, anstatt mit einem
Wahrheitskonzept Anspruch auf Geltung zu erheben. Ich bin mir unsicher,
ob das Resonanz gefunden hat.
Mir jedenfalls ist das Thema noch eine Zeit lang geblieben. Z.B. in der
wundervollen Schillerbiographie von Rüdiger Safranski. Da fand ich auf
der Höhe Schillers Schaffenskraft und im Zusammenhang mit seinem
Studium der Kantschen Schriften Schillers klare konstruktivistische
Aussage, dass selbst Natur uns letztlich nur als Naturanschauung
begegnet. Und dann entwickelte derselbe Schiller später doch wieder
Vorstellungen vom Absolut Schönen. Und es gibt die Edlen, die einen
Sinn dafür haben und die Gemeinen, denen da was fehlt. Dieser „Rückfall
in Verabsolutierung“ überraschte mich und ich bekam das Gefühl, dass es
hier um Rechtfertigung sozialer Differenzierung ging. Selbsterhöhung
als Mittel gegen schwindende Kräfte?
Dann hörte ich (auch von Safranski) Nietzsche – Biographie seines
Denkens. Auch Nietzsche, rund hundert Jahre später enthob sich auf
beeindruckende Weise aus konfessioneller Verfangenheit. Und plante doch
am Ende ein Werk, das nicht mehr zustande kam, weil sein Leben in
jahrelange Psychiatrische Unterbringung abglitt. „Wirklichkeit als
Wille zur Macht“ sollte es heißen. Darin sollte dargelegt werden, dass
der Mensch sich seine Wirklichkeit so schafft, dass er maximale Macht
in ihr und über sie ausüben kann. Dieses Motiv als prima causa! Ein
interessanter Aspekt! Ja, wir alle suchen einen Platz und Wirksamkeit,
bzw. wir wollen nicht Wirklichkeiten ausgeliefert sein, auf die wir uns
keinen Reim machen, auf die wir keinen Einfluss ausüben können. Doch
warum jetzt alles über diesen Löffel balbieren? Warum musste der
alternde Sigmund Freud seine Sexualtheorie zum Dogma erheben? Warum
fallen auch hervorragende Geister mit dem Verfall ihrer Kräfte hinter
Vielschichtigkeit und Toleranz zurück, wollen etwas unabweisbar
überzeitlich Richtiges hinterlassen und die Welt darauf verpflichten?
Ist das die Angst vor dem eigenen Niedergang?
Paradoxerweise hätte dann Nietzsche gar nicht so unrecht, wenn auch das wohl nur ein Aspekt von vielen ist.
Gibt es Dogmatismus im Tierreich? Umberto Eco jedenfalls meint, dass
der Mensch das einzige Tier ist, das um seine Vergänglichkeit weiß und
das einzige, das humorvoll lächeln kann. Ich persönlich würde
Vergänglichkeit lieber mit Heiterkeit begegnen. Aber wer weiß das schon
vorher?
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Kommentare
Frau Patrizia Keitsch
Schon lange beschäftigt mich die Frage, wie weit unsere eigenen Weltanschauungen gehen können. Ist nicht der Konstruktivismus selbst eine Weltanschauung mit dogmatischem/allgemeinem Gültigkeitsanspruch?
Vor einiger Zeit stand ich mit meinem Lebensgefährten im Supermarkt an der Kasse. Wir umarmten uns und er drückte mir ein "bussi" auf die Wange - für uns eine völlig gesellschaftsfähige Geste ohne irgendwelche negativen Seiten. Hinter uns stand eine Frau türkischer Herkunft mit ihrer - ich vermute mal 7-jährigen Tochter - beide sehr "traditionell" verhüllt. Als Reaktion auf unsere Zuneigungshandlung brach sie in lautes Schimpfen aus, hielt ihrer Tochter die Augen zu, fragte uns, ob wir "denn kein Zuhause hätten" und schob sich vor uns in die Warteschlange. Völlig perplex reagierten wir zunächst nicht. Auf dem Heimweg ging das Schimpfen los "wie sie es wagen kann, in unserem toleranten Land uns so anzugehen" usw. Im interkulturellen Bereich beanspruchen wir "Toleranz" als höchstes Gut und erwarten gefälligst von unserem Gegenüber dasselbe. Was aber, wenn in ihrem Wertesystem nun eben diese Toleranz nicht gefragt ist? Und der Schutz ihrer Tochter ein allemal schützenswerteres Gut ist? Natürlich könnte man mit Kantschem kategorischem Imperativ argumentieren, dass im Zusammenleben vor allem Toleranz und so wenig gegenseitige Einschränkung wie möglich allgemeines Gesetz werden kann, um die Freiheiten eines Jeden so wenig wie möglich einzuschränken. Kann ich aber eben diese Toleranz immer von meinem Gegenüber erwarten? Bedeutet nicht Toleranz selbst, dass ich "toleriere", wenn jemand eine andere Auffassung hat und sei es von Toleranz selbst?
Wie verhält es sich da mit dem Konstruktivismus? Hat also in der Wirklichkeitskonstruktion ihres Bekannten eine Theorie allgemeingültigen Anspruch muss er nicht aus dieser Auffassung heraus unbedingt versuchen, Sie davon zu überzeugen? Können Sie verlagen, dass Konstruktivismus von jedem als allgemeingültige Anschauung geteilt wird? Heisst nicht konstruktivistisch zu denken, auch andere Anschauungen und sei es von einer dogmatischen Theorie, zuzulassen, da meines Weltsicht nicht die allgemeingültige Wahrheit oder Wirklichkeit ist?
Bei diesem Thema überschlagen sich bei mir die Gedanken und kein Ende ist in Sicht...:-) Über eine gedankliche Anregung würde ich mich sehr freuen!
MIt freundlichen Grüßen,
Patricia Keitsch
dazu Bernd Schmid
Liebe Patricia Keitsch!
Natürlich kann man den Konstruktivismus auch wieder relativieren. Doch wenn jemand seine Weltanschauung als Maßstab gegen andere einseitig und womöglich mit Gewalt durchsetzen will, haben wir ein Problem, das nicht im Diskurs, sondern durch Machtprozesse zu lösen ist. Die türkische Mutter muss sich wohl mit unseren Sitten und unserem Grundgesetz arrangieren, wenn sie bei uns leben will. Das kann man ihr auch ohne Übergriff zu verstehen geben. Ich selbst wollte den Kollegen ja nur gewinnen für meine Sichtweise, weil ich glaube, dass es ihm besser gehen könnte. Ich lasse ihn natürlich, doch kann ich dann auch nicht diesbezüglich eine Wirklichkeitsgemeinschaft mit ihm haben. Probleme mit Toleranz bekomme ich, wenn wir Intoleranz tolerieren sollen und in einer Gesellschaft gemeinsam leben oder z.B. Menschen aus irgendwelchen "magischen" Anschauungen oder reiner Ausbeutung irgendwo verstümmelt werden. Dafür habe ich keine Lösung. Mein Thema war auch nicht die politische Machtauseinandersetzung sondern Dogma als psychischer Schutz gegen Vergänglichkeit. Da bin ich dann wieder auf festem tolerantem Boden.
herzlich Bernd Schmid
dazu Patrizia Keitsch
Lieber Bernd Schmid!
[...]
An Ihrer Antwort konnte ich lesen, dass ich wohl mal wieder selbst etwas zu meinem Thema gemacht habe, was Sie eigentlich nicht wirklich angesprochen haben, tja meine Welt... :-) es betrübt mich einfach oft, dass uns im Handeln ungleich engere Grenzen als im Denken gesteckt sind. Wenn ich Toleranz oder Konstruktivismus als Wahrheitsanspruch konsequent zuende denke, müsste ich den Konstruktivismus selbst als nur eine Wirklichkeitskonstruktionsmöglichkeit sehen und Toleranz auch gegenüber Intoleranz Anderer walten lassen - zumindest in der Theorie. In der Praxis zeigen sich so schnell Handlungsbarrieren, wie z.B. Freiheiten Aller über Machtstrukturen sichern.
Liebe Grüße und eine vom Weihnachtsstress möglichst freibleibende Zeit!