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Blog 41: Androgyne Kompetenz - Von Bernd Schmid 05.02.2010 Drucken E-Mail

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Männer zeichnen sich evolutionär gesehen durch ihre Entbehrlichkeit aus!
Das sagt der Neurobiologe Gerald Hüther [1] in seinem Buch „Männer – das schwache Geschlecht und sein Gehirn". Daher neigen sie zu Abenteurertum im Guten wie im Schlechten. Um ihre Überflüssigkeit zu überspielen, setzen sie auf riskante Unternehmungen und hegemoniale Attitüden.

Auch Filmszenen aus der Haiti-Hilfe geben zu denken: Lange Schlangen von Frauen. Jede bekommt einen Sack Reis auf den Kopf. Kommentar: Nur so sei eine Versorgung der Bedürftigen zu gewährleisten. Auch Kleinkredite kriegen bevorzugt Gruppen von Frauen, weil sie füreinander einstehen und gemeinsam Verantwortung tragen. Die Männer sind eher in anderen Filmszenen zu sehen.

Ist Männern da nichts zuzutrauen? Offenbar nicht allen und nicht ohne entsprechende Erziehung. Zu dieser Erziehung gehört Gewöhnung an Fürsorgearbeit. Das kann man vielerorts lernen, wenn man will, z.B. in der Familie. Es müssen ja nicht immer nur die Frauen sein, die Kinder umsorgen, Kranke und Alte pflegen. Kann man Männern da mehr zutrauen, zumuten? Den Frauen wird umgekehrt einiges zugetraut, zugemutet. In 17% der Familien verdienen sie das Geld. Oft notgedrungen!

Es gibt ungenutzte Spielräume und Kompetenzen auf beiden Seiten. Entscheidend scheinen Initialsituationen zu sein, z.B. die Aufgabenverteilung beim Berufs-Start oder die Geburt des ersten Kindes. Rollendifferenzierungen und Kompetenzverteilung, die sich da einspielen, werden schnell selbstverständlich und sind nur noch schwer zu korrigieren.


Ob Männer und Frauen bezüglich neuer Kooperation konkret werden, ist nicht nur eine Frage der persönlichen Bereitschaft, sondern auch der gesellschaftlichen Strukturen. Bessere Bezahlung von Frauen würden Verteilungsfreiheiten erhöhen. Auch familienpolitische Regelungen: In Norwegen werden 10 zusätzliche Wochen Babyzeit für Väter bei vollem Lohnausgleich gezahlt [2]. Das wird zu 90% wahrgenommen. Geht doch!

Und immerhin: Immer mehr Unternehmen wollen Führungskräfte, die sich nicht nur für Arbeit, Karriere und typische Männer-Hobbys interessieren. Führungskräfte sollen Empathie, Umsicht und Fürsorge lernen, damit weniger im „Rennfahrer-Modus“ ihre Kisten und Existenzen an die Wand fahren. Ob dieselben Unternehmen die dafür notwendigen Lernprozesse auch ernsthaft unterstützen, ist eine andere Frage.

Für Männer heißt androgyne Kompetenz mehr Spielräume lassen, auf Menschen achten und durch Umsicht Situationen, die „Helden“ brauchen, gar nicht erst entstehen lassen. Gerald Hüther hat Bilder der Gehirnaktivitäten von Fahrer und Beifahrer bezüglich Vielfalt und Vernetzung verglichen. Beim Fahrer: Intensiv ausgerichtet, aber wenig vielfältig! Beim Beifahrer umgekehrt! Um sicher und zügig voranzukommen, braucht es wohl beides in Kombination. In Partnerschaften, in Gremien und in der persönlichen Selbststeuerung.
Wenn ich sagen sollte, was mir neben systemischer Schulung am meisten geholfen hat, von einer „Hau-Ruck-Männlichkeit“ Abstand zu nehmen, dann waren es die Kinder auf meinem Arm.

Viele Frauen wollen weiterhin Männer, die hauptsächlich als Ernährer fungieren. Warum nicht? Viele wären aber auch zu neuen Rollenverteilungen bereit. Doch dafür ist auch einiges im Bereich Professionalität und Organisationen zu tun. Zwei Drittel der Männer, die bei uns Babyzeit beantragen, scheitern an „Unabkömmlichkeit“ im Betrieb. Lippenbekenntnisse?

Aber auch dort, wo von mehr ausgegangen werden kann, geht das offenbar nicht so isoliert, sondern erfordert weitergehende Veränderungen in Unternehmen. Es ist kein Zufall, dass Männer in Führungspositionen nur zu 2% in Teilzeit tätig sind (Frauen 16%). Gibt es da ernsthafte Bemühungen? Schon dringlichere Themen wie z.B. der demographische Wandel werden konkret kaum angegangen. Und natürlich sucht und findet auch nicht jeder Mann seine Erfüllung als Familienfürsorger.

Doch in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft bedeutet Fürsorglichkeit nicht nur Beitrag zum Betriebsklima, sondern eben auch Wettbewerbsvorteil. Sie darf  also in vielen Berufsverständnissen künftig nicht fehlen. Also doch androgyne Kompetenzen! Oder lassen wir das den Frauen?
Frauen sind ohnehin auf dem Vormarsch, was uns Männer der Entbehrlichkeit näher bringt. Machos, helft uns! Behindert weiterhin solche kulturelle Entwicklungen!

Noch dominieren die Männer ja in den meisten Elitegremien. Wie viele weibliche Dax-Vorstände gibt es? Zwar gibt es in einigen Chefetagen auch Frauen, doch meinen Fachleute, dass sie vereinzelt über eine Funktion als Vorzeigefrau oder Männerklon kaum hinauskommen. Damit sie zusammen mit ihren männlichen Kollegen wirklich androgyne Kompetenz repräsentieren, brauchte es Quote. 

Ist das der richtige Weg? Oder gibt es so etwas wie natürliche Bestimmung? Irgendwie fällt auf, dass zwar bei Fischen und bei Vögeln z.B. Arbeitsteilung oder gar Rollentausch bei der Brutpflege durchaus vorkommen, nicht jedoch bei Säugetieren. Entarten wir also? Oder sind wir auf dem Weg zur Menschwerdung?
Die Psychologie von Carl Gustav Jung betonte schon lange, dass menschliche Reifung mit  Integration männlicher und weiblicher Seelenqualitäten zu tun hat [3]. Zumindest in der zweiten Lebenshälfte gelten Vollständigkeit der Lebenserfahrungen und androgyne Kompetenzen mehr als die Vervollkommnung von Einseitigkeiten.

Wie dem auch sei. Erstaunliche Vorteile hat Ergänzung  Richtung androgyne Kompetenzen nach einer kürzlich erschienen Studie allemal: Väter, die intensiver in Fürsorge für Kinder involviert sind und Mütter, die sich auch beruflich entwickeln, leben deutlich länger. Das ist doch was. Vielleicht gilt das ja auch für Organisationen.

 

 

[1] Gerald Hüther: Männer – das schwache Geschlecht und sein Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009       http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/lesart/1106553/?drucken  http://www.br-online.de/bayern2/theologik/gerald-huether-theologik-audio-ID1263904080208.xml

[2] SWR2 Forum: Wann darf Papi endlich wieder arbeiten? Das neue Selbstbild der Väter  http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/rueckschau/-/id=660194/nid=660194/did=5735778/ms8fms/index.html

[3]Siehe auch 039 Geschlechtsidentität - Eine seelische Perspektive - B. Schmid 1989 oder Audio: 632 Demo: Traumarbeit zur Geschlechtsidentität - Bernd Schmid

 

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Kommentare:

Herr Ludwig Kannicht

Lieber Bernd,

schöner Blog-Post, finde ich. Anregend, einfach, und schön knapp geschrieben.

Noch ein Gedanke dazu:
Bei meiner Zeit in den USA hatte ich mit einer Gruppe von Queers zu tun, Leute die sich in der klassischen Sexualität unserer Gesellschaft nicht wieder finden. Teil einer Diskussion war, ob denn dieser Dipol von Mann und Frau so sinnvoll sei. Folgt denn der Geist von Natur aus dem biologischen Geschlecht? — Oder gibt es viel eher Abstufungen zwischen Menschen in ihren Eigenschaften die wir dem   Merkmal "Mann" und "Frau" zuschreiben. Vielleicht vorwiegend, weil der Unterscheid äußerlich so salient ist.

Ich glaube die androgyne Kompetenz erwirbt man in seinem Umfeld, nicht mit seinem schwachen oder starken Geschlecht.

 

Herr Fritz Horsthemke

Lieber Herr Schmid,

das stimmt schon, wir brauchen mehr androgyne Kompetenzen in der Regel. Doch nicht nur, möchte ich ergänzen. Ich persönlich habe doch zunehmend den Wunsch danach, dass wir Männer und Frauen uns differenzieren, statt anzugleichen. Möglicherweise überinterpretiere ich Ihren Blog. Das hängt sicher mit der jeweiligen Sozialisation zusammen. Ich für meinen Teil musste jedoch einiges Lernen, um mehr zu meiner "Männlichkeit" zu stehen, da ich wahrscheinlich zu lange nur unter Frauen aufgewachsen bin.
Ich stimme Ihnen aber zu, dass wir in der Gesellschaft mehr Flexibilität brauchen, was Aufgabenteilung, Kindererziehung usw. anbetrifft. Das geht meines Erachtens aber auch, wenn man männlich bleibt und frau weiblich. Egal welche Rollen wir gerade einnehmen. Darüber hinaus hat ja jeder ein Verhaltensspektrum zur Verfügung, um sich innerhalb seiner Rolle flexibel bewegen zu können.
Frage mal, wie wäre die Hypothese, Männer machen sich überflüssig, zu Ende gedacht? Angeblich verkümmert das dritte Ästchen des Y-Chromosoms seit Jahrzehnten bei den Männern immer mehr (habe leider keine Quelle dazu). Die Autoren der Sendung stellten demzufolge ein genetisches Aussterben der Männer in den Raum.
 

 
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