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Das Älterwerden bringt wohl so mit sich, dass man immer öfter glaubt, sich schon auszukennen. Das hat ja auch etwas Beruhigendes. Man kann sich manchen Holzweg sparen, muss nicht mehr überall dabei sein. Und auf „des Kaisers neue Kleider“ hat man schon lange keine Lust mehr.
Aber öde wird es schon, wenn man sich auch nicht mehr so leicht berühren und begeistern lassen kann, z.B., wenn jüngere Menschen voller Stolz und Fortschrittsbeseeltheit etwas präsentieren. Mit fortschreitendem Alter wird wohl nicht nur der Körper etwas müde, sondern auch die Seele. Das ist frustrierend, für einen selbst und für die Jüngeren, die keinen abgestumpften sondern lebendigen Älteren begegnen wollen. Da muss man wohl was für tun. Denn mich strapaziert ja auch, wenn ältere Menschen (in diesem Falle 75+) glauben, alles schon zu kennen. Frustrierend, wenn sie meine Beiträge mehr als Stichwort für eine Konservenlieferung aus ihrem reichen Vorrat nutzen, anstatt mal nachzufragen, was mich dabei bewegt. Will ich so werden?
Und irgendwie ist das Gefühl nicht völlig unberechtigt, dass sich die Welt weiterdreht und unsere Zeit neue Fragen hat. Vielleicht nicht grundsätzlich, aber auch bekannte Fragen müssen neu beantwortet werden. Auf jeden Fall würde ich gerne auf Aufgeschlossenheit und lebendiges Interesse für Fortschrittliches stoßen.
Doch fällt es mir selbst schwer, konservative Sprüche und Kopfschütteln zu unterdrücken, wenn ich z.B. Radfahrer sehe, mit Rucksack, weil man ja keine Gepäckträger mehr hat, selbst nass bei Regen und wilde Fontänen sprühend, weil man ja keine Schutzbleche mehr hat oder einen durch Warnrufe aus nächster Nähe erschrecken, weil Fahrradklingeln offenbar out sind. Wo ist da der Fortschritt?
Zu Fortschritt fällt mir eine Begebenheit ein.
Es war in den 1960er Jahren. Eine 15 jährige fand ihre Zimmereinrichtung viel zu bürgerlich-konservativ. Etwas Fortschrittliches musste her. Weg mit dem Mief des Althergebrachten! Also erstmal das Sofa raus. Schließlich konnte man auf dem Boden viel besser sitzen. Nach einiger Zeit war das selbst für einen so jungen Körper ein bisschen zu hart. Also Matratzen! Zunächst auf den Boden, dann, weil man nicht nur frei sitzen wollte und die Wand doch auch hart und etwas kalt war, dann auch im Rücken. Das war es doch! Für eine ganze Zeit! Schließlich fand ich sie sinnend vor den Matratzen stehen: Wenn das Ganze jetzt einen halben Meter höher wäre, dann wäre es so richtig bequem.
Als älterer Mensch denkt man sich: Das hättest Du leichter haben können!
Doch wäre es das Gleiche gewesen? Ist nicht die eigene
Zivilisationseroberung der wichtige Teil, ja für jeden der eigentliche
Fortschritt? Andere müssen sich ja nicht selbst darüber begeistern,
sondern nur an der Fortschritts-Begeisterung Anteil nehmen. Aber das
missglückt dann doch leicht. Wenn man nicht die richtige Einstellung
aktiviert hat, lässt man sich schnell mal zu einer Killerphrase oder
-geste hinreißen oder demütigt den anderen durch irgend „ein
pädagogisches Getätschel.“
Nun, Unausgegorenheit und Unduldsamkeit sind eben keine Privilegien der
Jugend. Also möchte ich mich in Aufgeschlossenheit und Neugierde üben.
Dadurch bin ich ein angenehmerer Mitmensch und es ist vielleicht eine
gute Maßnahme gegen das eigene Verkrusten. Offenheit für Fortschritte,
zumindest für das Fortschritterleben anderer.
Und wenn ich mir einer positiven und aufgeschlossenen Haltung
einigermaßen gewiss bin, finde ich auch Wege, alte Hüte, die modisch
aufgepeppt daherkommen, auch als solche zu benennen. Man kann sich ja
auch keinen Maulkorb verpassen und sich für jede Naivität begeistern.
Mag dann auch mal frustrierend sein für den anderen, insbesondere, wenn
dessen Selbstgefühl den Kompetenzen noch weit vorauseilt. Manchmal ist
es auch eine gute Tat, wenn einem der „Kopf gewaschen wird“, auch wenn
man erstmal schluckt und eine Weile zu kauen hat.
Dazu fällt mir ein Erlebnis ein, das mir unter die Haut ging und dort
segensreich über die Jahre wirkte: Ich war jung, gerade aus Kalifornien
zurück und als Fan der Jungschen Psychologie von meinen an Symbolen
reichen Träumen geschmeichelt. Also schickte ich der berühmten
Jungianerin Marie Luise von Franz einen Traum, der mich in
Jesus-Sandalen am Stand wandelnd zeigte. Ein großartiges Selbstgefühl!
Nur ein Schwarzer -in Lederhose und Bergstiefeln- störte mit Pöbeleien
meine Kreise. Was hatte das zu bedeuten?
Die Reaktion der großen alten Dame: Ich wäre ein selbstverliebter
Gockel, der für seinen Lebensweg völlig ungeeignet ausgerüstet
herumstolziert. Ich solle mich mal mit dem Schwarzen ins Benehmen
setzen, denn dort fände ich Kraft und vor allem angemessenes Schuhwerk.
Dieses würde ich brauchen, denn ein menschlicher Entwicklungsweg würde
einer Bergwanderung sicher eher entsprechen als einem Spaziergang am
Strand.
Wie Recht sie doch hatte.
Also geht es mal wieder darum, das Rechte zur rechten Zeit zu tun.
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Kommentare
Herr Michael Weinrich
Lieber Herr Schmid,
durch "Zufall" landete ich heute auf Ihrer Seite und habe Ihren
Blog-Eintrag von gestern gelesen. Viele schöne Gedanken!
Ich möchte mich besonders herzlich bedanken, dass Sie Ihren Traum und
die Deutung der genialen Marie Louise von Franz mit uns geteilt haben.
Da musste ich angerührt schmunzeln und weiß doch, dass dies die für
mich beste Methode ist, nachhaltig zu lernen!
Ihr Blog habe ich nun abonniert und freue mich auf weitere Anregungen.
Pfarrer Gerhard Engelsberger
Lieber Bernd,
wieder einmal herzlichen Dank!
Vielleicht weiß du es: Die meisten „Holzwege“ (also die Wege, auf denen man früher mühsam Holz durch den Wald transportierte) sind die Straßen von heute. Nur ist das wenigen bewusst.
Frau Anna Matzenauer
Wunderbare Geschichte - die muss in Deine Biografie!!
"Dazu fällt mir ein Erlebnis ein, das mir unter die Haut ging und dort segensreich über die Jahre wirkte: Ich war jung, gerade aus Kalifornien zurück und als Fan der Jungschen Psychologie von meinen an Symbolen reichen Träumen geschmeichelt. Also schickte ich der berühmten Jungianerin Marie Luise von Franz einen Traum, der mich in Jesus-Sandalen am Stand wandelnd zeigte. Ein großartiges Selbstgefühl! Nur ein Schwarzer -in Lederhose und Bergstiefeln- störte mit Pöbeleien meine Kreise. Was hatte das zu bedeuten?
Die Reaktion der großen alten Dame: Ich wäre ein selbstverliebter Gockel, der für seinen Lebensweg völlig ungeeignet ausgerüstet herumstolziert. Ich solle mich mal mit dem Schwarzen ins Benehmen setzen, denn dort fände ich Kraft und vor allem angemessenes Schuhwerk. Dieses würde ich brauchen, denn ein menschlicher Entwicklungsweg würde einer Bergwanderung sicher eher entsprechen als einem Spaziergang am Strand."
Frau Mechthild Bäppler
Lieber Bernd Schmid,
ich lese immer wieder mit großer Bereicherung deinen Blog!
Vor ca. 23 Jahren besuchte ich einige Male systemische TA-Kurse bei dir und nahm eine Menge Denkanstöße zum Umgang mit Träumen mit. Inzwischen arbeite ich seit 14 Jahren in einer Gießener Erziehungsberatungsstelle, habe Familie und fotografiere nebenbei.
Vor ein paar Tagen habe ich nun meinen 50sten Geburtstag gefeiert und gewinne offenbar recht altersgerechte Erkenntnisse, die Anklänge zu deinen aktuellen Sätzen haben. Hab mich so manches Mal schon gefragt "wer hat denn gesagt, dass es einfach wird" sage mir hin und wieder aber auch wie du es schreibst "das hättest du einfacher haben können".
Über deine Worte zu deinem Sandalentraum musste ich herzhaft schmunzeln und grüße dich mit meinem "Grenzbild" ganz herzlich.