Startseite arrow Bernd Schmids Blog arrow Blog 43: Milieubegegnung - Von Bernd Schmid 18.03.2010
Startseite
Bernd Schmids Blog
Professionelles
Fachveröffentlichungen
Literarisches
Privates
Bildbox
Blog-Abonnement
Blog 43: Milieubegegnung - Von Bernd Schmid 18.03.2010 Drucken E-Mail

Wenn Sie diesen Blog in größerer Schrift lesen möchten, klicken Sie bitte hier.

blog43.JPG

Sehnsucht führt uns kraftvoll, doch oft auch in die Irre.[1]

Zur Auseinandersetzung mit seinem Platz im Leben gehört auch die Auseinandersetzung mit Milieu.
Da sind Milieus, aus denen man stammt, die einem zugänglich oder verschlossen erscheinen, die einem vertraut sind oder eben auch fremd bleiben, selbst wenn man sich ganz gut in ihnen bewegen kann. Entgegen den offiziellen Ideologien ist oft weniger Mobilität möglich, als man sich vorgestellt hätte. Manches, was man dafür brauchte, ist nur schwer oder gar nicht mehr erlernbar oder kostet übermäßig seelische Kraft. Ich habe für Professionalität und Beratung darauf vor einiger Zeit hingewiesen.[2]

Wenn Menschen es miteinander versuchen, begegnen sich eben auch Milieus und Milieuunterschiede sind zu überbrücken. Dabei muss es sich nicht unbedingt um konkretes Mitagieren aus den Milieus handeln. Milieuprägungen, Milieuhoffnungen und andere innere Milieubezüge bedeuten schon Einfluss genug. Tabus und Kränkungspotential verhindern oft, uns der Milieufrage zu stellen. Berufliche Begegnungen, Partnerbeziehungen, auch Freundschaften oder Ehen aus der Milieu-Begegnungsperspektive zu betrachten, kann einiges auslösen.

Im Gespräch mit Wolfram Jokisch sind wir auf ein Beispiel eines  Ehe-Schicksals im Zusammenspiel mit Milieubegegnungen im Beruf und in der Gesellschaft einer Kleinstadt gestoßen:

Herr R. Jahrgang 1906 stammte aus bäuerlich-handwerklichen Verhältnissen. Begabt und strebsam wie er war, brachte er es im Laufe seines Berufslebens zum kaufmännischen Leiter in einem modernen mittelständischen technischen Unternehmen. Neben ihm gab es auch einen technischen Leiter, der aus der Familie der Unternehmensgründer und -eigner stammte.

Obwohl beide Leiter langjährig ganz gut zusammenarbeiteten, blieb immer eine Fremdheit zwischen ihnen. Sie beschränkten ihre Beziehungen ganz auf die beruflichen Dimensionen. Es schien immer ein Gefälle zu bleiben, wobei der technische Leiter als der Überlegene wirkte, obwohl der kaufmännische Bereich eher mehr Bedeutung gewonnen hatte. Dies hat wohl mit Identitäten und Milieuselbstverständlichkeiten zu tun. Milieuunterschiede drückten sich im Äußeren z.B. darin aus, dass der technische Leiter ein Haus im besseren Stadtteil in der Nähe der Unternehmerfamilie bezog, während Herr R. im Arbeiter- und Handwerkerviertel der Kleinstadt wohnen blieb.

Herrn R.`s Ehe war angespannt. Frau R. stammt aus einem Bildungsmilieu (zugezogene Lehrerfamilie). Sie selbst hatte das Milieu, aus dem sie kam, eher als trocken und verklemmt empfunden und war anfangs beeindruckt von der Bodenständigkeit, der Tüchtigkeit, der Freimütigkeit und dem unternehmerischen Ehrgeiz ihres Mannes. So genoss sie einerseits die wirtschaftlichen Privilegien, die der Familie dank der Tüchtigkeit des Mannes zuwuchsen, sie blieb jedoch enttäuscht von ihrer gesellschaftlichen Stellung. Sie wurde durch seine berufliche Stellung nicht in den besseren Schichten der Kleinstadt verankert, sondern durch seine Abgrenzung gegenüber diesen Welten eher in ihren eigenen Bemühungen dort Fuß zu fassen, behindert. Als Folge hatte sie ihn zunehmend wegen seines Milieu-Habitus kritisiert und ließ es zuletzt deutlich an der Achtung für ihren Mann fehlen. Umgekehrt hatte ursprünglich Herr R. die feine Art seiner Frau geschätzt. Er fühlte sich durch sie erhoben und hatte die diffuse Hoffnung, sie könne ihm das Hineinwachsen in Milieus, in denen zu bewegen ihm schwer fiel, bescheren. Doch blieb ihm trotz Kompetenz und Erfolg in beruflicher Hinsicht seine Unbeholfenheit im Wege. Diese konnte er sich nicht eingestehen und auch keine Hilfe annehmen. Stattdessen verübelte er seiner Frau zunehmend deren Wünsche, zumal diese in Forderungen, Vorwürfe und Schmähungen umschlugen.

Wie es auch sonst häufig geschieht, hatten diese Partner ihre Enttäuschungen gegeneinander gerichtet, anstatt durch Kombination ihrer Stärken gemeinsame Sache zu machen und Schwierigkeiten zu ertragen. Insofern ist die „Migrationspartnerschaft“ gescheitert. Herr R. begann zu trinken und verstärkte dadurch die negativen Zirkel.

In Partnerschaften können viele andere Faktoren neben Milieu bedeutsam sein, doch habe ich zur Verdeutlichung die Milieuperspektive hervorgehoben. Nun könnten weiterführende Gedankenspiele angestellt werden, z.B. welche Auswirkungen diese Vorgeschichte auf das Selbstverständnis und die eigene Milieu-Beheimatung eines Enkels haben kann. Wie könnte dieser in einem zumindest internen Generationen- und Milieu- übergreifenden Dialog die Spannungen in der eigenen Herkunft bearbeiten? Welchen Gewinn könnte er für seine eigene Beweglichkeit bezüglich heutiger Milieus beziehungsweise bezüglich seiner seelischen Verfasstheit bezogen auf Milieuzugehörigkeiten ziehen?

Natürlich kann man auch erst mal den eigenen Milieu-Fragen nachgehen.

 

[1]Originalton Bernd Schmid – Sprüche aus dem ISB http://www.systemische-professionalitaet.de/isbweb/content/view/183/233/
[2]Vom Tellerwäscher zu Millionär – ein Mythos? http://perspektive-blau.de/artikel/0708a/0708a.htm

 

• Wenn Sie diesen Blog kommentieren möchten schreiben Sie an Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können .
• Wenn Sie frühere Blogs oder anderes von Bernd Schmid lesen wollen: www.bernd-schmid.com.
Wenn Sie diesen Blog abonnieren wollen:


• Wenn Sie das ISB-Wiesloch kennenlernen bzw. News aus dem ISB einsehen oder abonnieren wollen: www.isb-w.de.
• Wenn Sie das forum humanum kennenlernen oder News des forum humanum abonnieren wollen:
http://www.forum-humanum.eu.

Kommentare zum Blog

Frau Brigitte Melzig

Lieber Bernd,
gut, dass es mal endlich jemand sagt. In unserer scheinbar nivellierten Gesellschaft ist der Begriff Milieu, noch schlimmer Gesellschaftsschicht, tabuisiert. Ich bin vor zweieinhalb Jahren aus einer bayerischen, München nahen, Studentenstadt in ein kleinbürgerliches Dorf in Österreich gezogen. Milieuunterschiede sind mir auf Grund meines Berufes und einer Unzahl von Reisen in Europa, Amerika und Asien vertraut. Anfängliche permanente Schockwellen in der Begegnung mit diesen anderen hier lösten sich ab mit depressiven Schüben. Milieu würgt. Die Depressionen waren ausgelöst dadurch hier niemanden ähnlichen zu finden und dadurch in eine extreme Einsamkeit katapultiert zu werden. Momentan lebe ich in einer friedlichen Koexistenz mit regelmäßigen Aufenthalten in anderen Welten. Nur so geht es. Meine Andersartigkeit anzusprechen ist nicht möglich. Es würde mir als typisch deutsche Überheblichkeit, Präpotenz, so sagt man hier, ausgelegt. Dies alles ist ein unerwartetes, großes Abenteuer und gleichzeitig eine kostenlose Fortbildung zum Thema: Umgang mit kulturellen Unterschieden.

Herr Fritz Horsthemke

Lieber Herr Schmid,

in unserer schnelllebigen Zeit überschätzen wir vielleicht unsere Entwicklungsmöglichkeiten. Im Normalfall dauert ein Aufstieg eben länger als ein Menschenleben. Eine Stellung zu haben und Karriere gemacht zu haben ist eben nur ein Teil. Das Leben mit Selbstverständlichkeit zu leben der andere Teil. So haben einige Menschen aus den oberen Schichten schon das Selbstbewußtsein gehabt, zur obersten Schicht zu gehören. Dies wird immer wieder deutlich, ob sie es wollen oder nicht. Sie betrachten vieles einfach als gegeben, wofür andere sich sehr anstrengen müssen.
Mich interessiert, wie beurteilen Sie die Möglichkeiten an andere Schichten anzudocken. Wie weit sind wir in der Lage schichtmobil zu werden?

dazu Bernd Schmid

Lieber Fritz Horsthemke!
 
Ich meine schon, dass das Andocken in vieler Hinsicht möglich ist. Da hat jeder seine Neigungen und Talente. Viele sind ja eh in unterschiedlichen Milieus sozialisiert, z.B. handwerkliches Milieu zuhause und Beamtenmilieu im Gymnasium. Oder sie sind eh Milieu-Migranten. Dann sucht die Seele ja auch Bilder, die ein Milieu-Interesse repräsentieren, was wir bei der Arbeit mit seelischen Bildern immer wieder sehen. Oft gibt es solche "Milieubrücken" in der weitläufigen Verwandtschaft oder sonst in der Umgebung. Auch Literatur kann da helfen. Andere " riechen" ja auch die Milieumöglichkeiten eines Menschen und gehen wechselseitig nützliche oder bereichernde Verbindungen ein. Das geht schon bei der Wahl von Urlaubshotels los. War kann ich (mir) leisten ist die eine Frage. Und wo fühlt sich meine Seele richtig temperiert zwischen Vertrautheit und Anregung. Es ist ja auch ein anderes Thema in speziellen Dimensionen z.B. in einer professionellen Begegnung anzudocken als etwa bei größerem Milieu-Abstand zu heiraten.

 

 

 
< zurück   weiter >
ISB Schwäne