Blog 47: Vergänglichkeit - Von Bernd Schmid 10.05.2010
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Ein Weggenosse aus jüngeren Tagen ist gestorben. Noch nicht mal so alt wie ich. Hirntumor. Als ich die Nachricht am Telefon hörte, kam mir eines der Lieder in den Sinn, das er früher zur Gitarre gesungen hat: „ Das kann doch nicht alles gewesen sein ....“ [1](Wolf Biermann). Als ich das Lied jetzt bei youtube (s.u.) noch einmal hörte, gab es bei dieser Aufführung erstmal einen „Fehlstart in der Tonlage“, dann am Ende sagt Biermann: „Das Harmonium passt mir nicht. Lieber zur Gitarre! Das nächste mal....!“ Tja die Zufälle und was sie einem sagen können.[2]
Ich sag auch immer öfter: Im nächsten Leben .....! Nur glaub ich nicht an weitere Leben, zumindest nicht in den mir vorstellbaren Dimensionen. Es ist mehr eine Floskel, mit der ich bekenne, dass was nicht mehr geht, dass ich es nicht einmal mehr möchte, dass es aber doch schön gewesen wäre.
Gestern wieder mal eine Konfirmation in der Familie. Schön wegen des jungen, hoffnungsvollen und selbstbewussten Aufbruchs ins Leben. Und wegen der aufsteigenden Bilder zum so kurzen Leben unseres Sohns Peter, eben für uns auch schmerzlich! Bei einer Konfirmation im Kreis meiner Familie vor gut 10 Jahren sollten wir uns nach Alter aufstellen. Ich suchte meinen Platz in der Mitte, doch wollte man mir das nicht durchgehen lassen. Schließlich landete ich auf Platz 2 nach der Oma. Oma ist im Herbst gestorben.
Für die Konfirmandin gestern bin ich ein Großonkel. Wir haben in alten Familienalben geblättert. Ein Bild zeigt mich mit ihrem Vater in der Zeit seiner Konfirmation. Bald wird dieser 50. Der ältere Sohn der Familie wird jetzt in England auf eine gute Schule gehen und will dann Finanzwirtschaft studieren. Als ich spontan bemerkte: „Hoffentlich willst Du im Leben mehr als bloß reich werden!“, horchte etwas in ihm auf. Aber man will ja nicht als moralinssauer wahrgenommen werden.
Jetzt am Wochenende ist meine alte Freundin Angelika Glöckner von der deutschen TA-Gesellschaft geehrt worden „für ihr Lebenswerk“. Herzlichen Glückwunsch Angelika, Du hast es verdient! Und doch: So schnell geht es? Rückblick auf ein Lebenswerk. Und was jetzt noch?
Dieses und nächstes Jahr gestalten wir vieles am Schlosshof und Schulhof nocheinmal neu. Bis dahin wird auch der neue Garten fertig sein. Neu, lichter, pflegeleichter, mit der Statue[3] an der Stelle, wo unser Sohn gefunden wurde.
Wir erneuern Bühnen, auf denen wir zunehmend eher Nebenrollen spielen werden. Jetzt nutzen wir noch einmal den Schwung, hoffen, dass die Welle dann noch lange trägt. Die Maurer haben mit uns gescherzt: 1000 Jahre Garantie auf das Kunstwerk von Natursteinmauer! Meine Antwort: Werde ich überwachen!
Heute steht in der Zeitung, dass ein Forscher glaubt, das Altern aufhalten zu können bis fast an die Unsterblichkeit. Wollen wir das? Und doch wollen wir in diesem Leben noch ein Leben haben. Welches? Das sind so Fragen. Wir mochten die Fragebogen von Max Frisch in seinen Tagebüchern und ich habe sie öfter nachgeahmt.[4]
Heute ist es trübe draußen. Der befürchtete Absturz der Börsen und des Euro scheint wegen eines 750-Milliarden-Rettungs-Pakets abgesagt, zumindest erstmal verschoben. Stattdessen Kursfeuerwerk, besonders Bankaktien. Wieder weltweit gigantische Vermögensumschichtung zugunsten der Finanzaristokratien. Die Rechnung kommt noch. Selbst Bankvorstände denken darüber nach, Äcker oder sonst was Elementares zu kaufen. Kurt Biedenkopf hat sich im Fernsehen beeindruckend klar geäußert: Nicht nur die Griechen, wir alle leben seit Jahren über unsere Verhältnisse und auf Kosten der Zukunft.
Ein ganz normaler Tag und Gedanken, die einem so kommen, wenn beim Tod eines Weggefährten für einen Moment die Zeit still wird und man dem lauscht.
Fenster auf. Die Vögel singen. Die Welt dreht sich weiter.
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Kommentare zum Blog:
Herr Wolfgang Bernhuber
Lieber Bernd,
gerne halte ich immer wieder inne und lese deinen Blog Gedanken auch wenns rundherum brummt und summt und viele Aufgaben erledigt sein wollen.
Ich lerne immer besser für mich Wichtiges von scheinbar Wichtigen zu sortieren und scheinbares loszulassen.
Den inneren Gedankengang, der auch durch deine BLOGs immer wieder auf wesentliches gerichtet wird, lass ich in solchen Momenten gerne vom Tagesgeschäft abschweifen.
Die Familie, die sinnstiftenden Momente in der Arbeit aber auch in meinen ehrenamtlichen Engagement in der Gemeindepolitik, alles Wirkungsfelder die mir Sinn machen und wertvoll sind und dann diese schlimmen Nachrichten aus der Wirtschaftskrise und dem Klimawandel, die einem wieder sehr bescheiden machen.
Was mich aber trotzdem hoffnungsvoll macht sind, die vielen Menschen in meinem Bekanntenkreis, die versuchen einen sinnvollen Beitrag in der Wirtschaft und in anderen Lebensbereichen zu leisten, die in Richtung nachhaltigeres Leben und Wirtschaften gehen.
Da sind viele Beiträge dabei, die unsere Generation auch gerne der nächsten weitergibt.
Dann wieder die Nachricht von scheinbarer Blauäugigkeit im Management großer Erdölkonzerne, wo die Folgen von Unfällen erst bedacht werden wenn diese geschehen und wir alle auf Kosten der nächsten Generationen improvisieren.
Einfach ärgerlich wenn jemand der soviel an gesellschaftlicher Anerkennung in Form Gehalt und Wertschätzung bekommt und gleichzeitig so unfassbar dilettiert. Verantwortung im Management ist scheinbar stark unterbelichtet. Aber vielleicht werden diese Art von Konzerne auch aussterben wie die Dinosaurier??
Frau Ulrike Mas
Danke, Bernd, für diese Gedanken. Deine Zeilen haben mich berührt….
Als ich am Vorabend zum Muttertag mit meinen Kindern im Gottesdienst war, überkam mich eine unendliche Trauer. Mir wurde bewusst, dass meine Eltern auch nicht mehr so jung sind, und dass ich sie die längste Zeit nun erleben durfte. Da wir weggezogen sind, werden die Momente, an denen wir uns sehen, immer rarer. Und das tut dann so weh. Mit meiner Arbeit bin ich gut und viel unterwegs, und auch sehr gerne, da ich immer wieder Zeugin werden darf, wie sich Menschen öffnen, entwickeln und Dankbarkeit zeigen. Andererseits bin ich dann, wenn ich wieder zuhause bin, auch zu müde, um nochmals weg zu fahren (zu meinen Eltern auf den Bauernhof zum Beispiel).
Ja, zur Zeit bin ich in einer ganz besonderen Stimmung. Es liegt was in der Luft. Der Sommer will noch nicht so richtig kommen.
Herr Victor Chu
Danke, lieber Bernd, für die intimen Gedanken.
Frau Dr. Luzia Grommes
Lieber Bernd,
ich habe wieder mit viel Interesse und Neugier deine Gedanken zum Thema Vergänglichkeit-Tod gelesen.
Bald feiern wir den 90. Geburtstag meines Vaters (so Gott will) am 18.Juli und ich wollte auch eine Aufstellung nach Alter machen...mein Vater steht da an erster oder letzter Stelle, oder mittendrin, wenn wir die Ahnen dazunehmen - eine Frage der Perspektive. Wichtig und entscheidend ist was er empfindet und fühlt dabei. Da bin ich mal gespannt. Du bist ja wohl auch jetzt an dieser "Stelle" wenn ich das richtig verstanden habe.
Ich habe großen Respekt vor dir und deiner Familie, weil Euer Sohn mit 10 Jahren gestorben ist - meine Tochter ist jetzt auch 10 Jahre. Ein "Kind der Liebe" und ein großes Geschenk für mich. Meine Eltern haben ihr erstes Kind (also meine älteste Schwester) mit 4 Jahren "verloren". Ich glaube meine Mutter hat diesen Schmerz niemals überwunden (Sie ist vor 15 jahren gestorben)-Sie hat mir immer wieder die "Geschichte" der Krankheit und des Sterbens erzählt und geweint. Danach wurden noch 7 Kinder geboren (eins starb direkt nach der Geburt). Jedes ist etwas besonderes-einzigartiges und durch nichts und niemanden zu ersetzen.
Wir können viel über Vergänglichkeit denken, ergründen und philosophieren....ich konzipiere gerade ein Seminar zu diesem Thema "Veränderung", ist ja der harmlosere Ausdruck dafür...der kleinere Tod von bestimmten Vorstellungen, Gewohnheiten, Bedingungen, Gegebenheiten etc...es wird wohl eine lebenslange Aufgabe bleiben, die in unterschiedlichem Alter neue Sichtweisen hervorbringt.
Du glaubst nicht an ein Leben danach...ich glaube daran, dass wir durch die Seele, Kern...."berührenden Taten, Begegnungen" mit unseren Mitmenschen in den anderen Menschen weiterleben...ob Kinder, Seminarteilnehmer......egal.....
und wir Menschen gerne etwas festhalten und deshalb u.a. auch materiell uns überdauerndes produzieren....das ist auch ein große Kraft für die Gestaltung und Neuerfindung.
Wie die Yogis sagen, wir haben den Körper nur geliehen um auf dieser Welt unseren Auftrag zu erfüllen...dann kann dieser wieder gehen.....
Gute Zeit und Danke für die inspirierenden Gedanken
Dazu Bernd Schmid
Danke Luiza!
Die Krankheit unseres Sohns wurde uns bewusst als er ca. 10 war. Gestorben ist er mit 17. Zwar körperlich ausgezehrt ( seelisch leuchtend ) aber doch für uns unerwartet, weil die Organe noch ok schienen. Doch dann lag er eines Freitags nach der Schule tot im Garten. "Darüber weg kommen" können wir auch nicht , aber damit leben.
Herr Hans Jellouschek
Lieber Bernd, nun muss ich dir doch mal ein feedback zu deinem (letzten) Blog über Vergänglichkeit geben: Jeder Satz davon findet in mir ein Resonanz! Ja, so geht es mir in letzter Zeit auch immer öfter - sehr oft auch bei "gegebenen Anlässen". Und ich merke, dass es eine Instanz in mir gibt, die dagegen rebelliert, und ich sehe es als meine zentrale Aufgabe an, mich auf "das Ende" innerlich vorzubereiten, indem ich "das Loslassen" übe - so weit man das überhaupt kann. Danke dir für deine Zeilen. Und seid alle drei von mir ganz herzlich gegrüßt!