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Blog 49: Fliegenbeine und Elefanten - Von Bernd Schmid 22.06.2010 Drucken E-Mail

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„Wir machen auch aus Fliegenbeinen Elefanten!“ Das sage ich gelegentlich zur Ermutigung, wenn ein Gegenüber unsicher ist, ob sein möglicher Beitrag etwas hergibt.
Das kann aber auch so klingen, als würden wir unabhängig vom Realitätsgehalt irgendwas Beliebiges erfinden. Erfinden stimmt meist, denn gestaltende Gespräche bringen Dinge hervor, die oft wenig mit der Ausgangsrealität zu tun haben. Lässt sich eine objektive Ausgangsrealität überhaupt bestimmen? Auch ein gutes Gespräch ergründet die Ausgangslage mit all seinen Herkünften und Hintergründen meist nicht vollständig. Kommt es darauf überhaupt an? Oder kommt es auf die entstehende Wirklichkeit an, für die eben etwas zur Ausgangsrealität erklärt wird?  Die Wirklichkeit jedes Menschen steckt voller Bedeutungsgebungen und kreativer Interpretationen, die weniger über Faktisches als über individuelle Verarbeitungsmechanismen und Bezugsrahmen erzählen.

Es ist oft erstaunlich, dass dieselbe Situation in der Schilderung anderer Beteiligter nicht wiederzuerkennen ist. Gut, dass ich nicht von der Justiz bin und eine objektive oder gerechte Beurteilung vornehmen muss. Ich kann mich ganz in den Dienst befreiender und weiterführender Perspektiven stellen, darf also zusammen mit dem Gegenüber eine Geschichte erfinden, die ihn stärkt und seinen Beitrag zur Welt befruchtet.

Soweit so gut. Aber entfernen wir uns damit nicht doch zu weit von sogenannten Realitäten? Entstehen nicht Einbildungen, die jederzeit verfliegen können und wieder der Realität Platz machen müssen? Aquaplaning auf der Straße der Realität? Aber was ist Realität und wie real sind Artefakte?

Dieser Tage habe ich eine Wissenschaftssendung zum Thema Handystrahlen und Gesundheit gesehen. Interessant war, dass weniger physikalische Tatsachen wirken als Einstellungen und Annahmen der Probanden. Die Tatsache, ob eine Strahlungsquelle aktiv war oder nicht, machte weniger Unterschiede als die Annahme der Probanten, ob eine Attrappe strahlungsaktiv sei oder nicht. Die als aktiv angenommene Attrappe bewirkte nicht nur Unbehagen, sondern körperlich nachweisbare Beeinträchtigungen bei sensiblen Testpersonen. Das passt zu Placeboforschungen, die zeigen, dass der Glaube an ein Medikament naturwissenschaftlich nachweisbare Wirkungen haben kann, selbst „getürkte“ Gelenkoperationen konnten ähnlich gute Ergebnisse bringen wie tatsächliche. Auch die  Hypnoseforschung zeigt, dass Schmerzlinderung durch Hypnose nicht nur auf Aufmerksamkeitssteuerung beruht, sondern die Gehirnprozesse bezüglich Schmerz weiterreichend verändert.


Doch mögen solche Beobachtungen nicht repräsentativ sein und wir wollen die Wirklichkeit nicht jeder Einbildung preisgeben. Doch werden wir wohl einen flexiblen Umgang mit der verwirrenden Infragestellung vieler Maßstäbe lernen müssen. Was ist real? Was ist solide? Klassische Polaritäten wie zwischen Körper und Seele, Realität und Einbildung, planvollem Vorgehen und Zufallsgeschehen lösen sich auf, oft ohne dass neue Beurteilungsmaßstäbe zur Verfügung stünden. Dieser Tage wurde in einer Dokumentation gezeigt, dass Monsterwellen, nicht als Seemannsgarn abgetan werden können. Weit häufiger als je gedacht türmen sich Wassermassen in einer Weise auf, wie es klassisch naturwissenschaftlich nicht erschöpfend erklärt werden kann.[1] Etwas bestimmen heißt nicht unbedingt in bekannte Kategorien einordnen können. Substantiell heißt eben nicht unbedingt klassisch naturwissenschaftlich beweisbar. Vieles lässt sich letztlich auch nicht oder nicht rechtzeitig berücksichtigen.

Eine der großen Herausforderungen der Postmoderne: Sich in der überwältigenden Vielfalt der Informationen und Weltbilder zurecht finden, ohne sich in Gewohnheiten und in Dogmen zu flüchten! Wirklichkeiten von Wirkungen her erschließen und gestalten. Hierbei spielt „der Placeboeffekt virtueller Wirklichkeiten“ eine immer wirkungsvollere Rolle. Surrogate verdecken mehr und mehr Wirklichkeit, bzw. lassen sich kaum noch unterscheiden. Z.B. im Wirtschaftbereich: Jeden Tag wird fünfmal soviel Erdöl gehandelt wie gefördert. Womit wird da eigentlich gehandelt? Nur ein geringer Bruchteil der täglichen Finanztransaktionen dient dem Zahlungsverkehr der Realwirtschaft. Nun kann man wirklich nicht behaupten, dass der Rest nicht Realitäten schafft.

Aber auch im Wissenschaftsbereich. Die Metapher für Wissensentwicklung der Moderne [2]: Ein Baum. Ein Wissensstamm nährt sich aus Wurzeln und verzweigt sich in neue Triebe an der Krone. Die Metapher der Postmoderne: Ein unterirdisches Pilzgeflecht. Es verbreitet und vernetzt sich untergründig. Wo und wann dann welche Pilze aufschießen ist kaum kalkulierbar. Mögliches Chaos durch Unkalkulierbakeit, aber auch eine Chance für Schwarmintelligenz, neue Netzwerke und subversive Demokratie.

Da schwirrt einem leicht der Kopf. Nur gut, dass ich auf der anderen Seite das Gefühl habe, dass zumindest in meinen Welten eigentlich vieles einfach, beständig und verständlich scheint. Wesentliche Prinzipien des Zusammenlebens, von Bildung oder vernünftigen Wirtschaftens bleiben überzeitlich gültig und ihre Beachtung beschert uns Erfolg und Zufriedenheit.

Also unnötige gedankliche Akrobatik?

 

[1]http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/dokumentationen/monsterwellen_auf_dem_meer/161430?datum=2010-06-08
[2]Drei hörens- bzw. sehenswerte aktuelle Beiträge finden Sie unter folgenden Links:
•  http://blog.rebell.tv/dfdu-band-2/roger-de-weck-im-gespraech-mit-dirk-baecker-die-krisen-der-computergesellschaft.html
•  BR2 Essays Nachtstudio:  Download: Das fast perfekte Verbrechen - 01.06.2010 - http://www.podcast.de/episode/1620008/Das_fast_perfekte_Verbrechen_-_01.06.2010
•    Sternstunde Philosophie 13. Juni 2010 US-amerikanische Computerwissenschaftler, Erfinder und Futurist Raymond Kurzweil: Mensch und Maschine werden verschmelzen, und die künstliche Intelligenz wird das menschliche Denkvermögen überflügeln. Download unter: http://podcastsource.sf.tv/nps/56221489/3513/Sternstunde%20Philosophie%20%28Audio%29%20vom%2013.06.2010/podcast/sternstundephilosophie/2010/06/sternstundephilosophie_20100613_110143_apodcast_mp3_none_mq1.mp3

 

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Kommentare zum Blog

Herr Joachim Bessell

Lieber Bernd Schmid,
ich lese sie gerne Ihre Berichte, Gedanken und Stellungnahmen. Und ich bin immer mal wieder kurz davor, Ihnen zu schreiben. Manchmal weiß ich gar nicht genau, warum – wie jetzt zum Beispiel. Es ist, als würden Ihre Worte bei mir Anklang finden und Widerhall. Das freut mich.

Beim Lesen Ihrer Ausführungen kam mir in den Sinn: „da, der sagt das auch“ und: „ja, nun, der darf das ja, er ist im geschützten Bereich der Psychologie/Therapie unterwegs, da darf man so denken und – womöglich – auch danach handeln.“ Wie vertreten Sie das, was Sie selbst für „wahr“ oder „praktikabel“ halten vor jenen, die so arg rational und monokausal durch die Welt gehen?

Ich bin immer froh, Menschen zu begegnen, denen eine andere Sicht auf die Welt möglich ist ohne dogmatisch zu werden oder sektiererisch. Dann möchte ich nur noch mit solchen zu tun haben, doch gibt es davon (zumindest in meinem Umkreis) zu wenige.

Ich möchte Ihnen einfach mal danken für Ihre Ausführungen, die ich nicht als „unnötig“ ansehe. Wenn Sie etwas Mit-teilen und dabei an-regen, was kann es Sinnvolleres geben?

 

 
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