Blog 50: Schuld und systemisch - Von Bernd Schmid 15.7.2010
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Als wäre der Tag nicht schon heiß genug, erreicht mich heute die Mail eines Kollegen mit ihm offenbar brennenden Fragen:
Wie gehen Systemiker mit Schuld um? Und kennt systemische Beratung überhaupt einen Schuldbegriff? Inwieweit unterscheidet der sich von strafrechtlicher Schuldzuweisung? Gibt es aus systemischer Sicht theoretische Konzepte, Regeln, Analyseraster, Vorgehensweisen, um der Identifikation von Schuld und Verantwortung - oder genauer Verursachung - näher zu kommen?
Sicher wären diese Fragen ausführliche Untersuchungen wert. Dazu habe ich im Moment nicht die Kraft, und es ist auch viel zu heiß dazu. Ich antworte aus meinem direkt greifbaren Gedankengut. Also O-Ton, denn letztlich stehen solche Mosaiken von Ideen, Erfahrungen und Meinungen für unsere konkrete Wirkung.
In den 1970er und 1980er Jahren flüchteten sich nicht wenige Systemiker in Neutralität, was sie mit der Relativität von Wirklichkeit begründeten. Oder war es vielleicht eher umgekehrt? Flüchteten sich Werte- oder Bindungsunsichere, Rebellische und/oder Belastete in eine Neutralitätszone, für die sie systemische Rechtfertigungen nutzten? Von begeisternden Zeitgeistströmungen ergriffen erlaubte sich die Szene manche Naivitäten und Überheblichkeiten. Ich erinnere mich an die Kontextvergessenheit eines namhaften Systemikers, der Managern Neutralitätshaltungen predigte und deren Einwände, dass sie dafür nicht bezahlt würden, für Anschauungsträgheit hielt.
Dann kam das Postulat (von Heinz v. Förster?): Handle so, dass sich die Anzahl der Optionen vergrößert! - eine Art Freiheitsmythologie, die mehr Freiheit von als Freiheit für betonte. Gut, was die Verengung der Evolution jeder Art betrifft. Unzureichend für die Orientierung in unserer Multioptionsgesellschaft. Schließlich merkte man, dass die Inflation der Deutungsmöglichkeiten und der inflationären Einbeziehung möglicher Zusammenhänge auch zur Blasenbildung einlud. Die Herstellung von intelligenter Übersichtlichkeit und Handlungsfähigkeit wurde als Herausforderung wieder deutlich. Damit kehrte die Frage der wertgeleiteten Auswahl der Prämissen mit Implikationen und Konsequenzen zurück. Jede gewählte Wirklichkeit wird an der ausgesonderten Wirklichkeit schuldig. Manchmal dachte ich, das könnte man „Erbsünde“ nennen. Doch schon der Begriff Schuld weckt oft empfindliche Reaktionen, von Sünde ganz zu schweigen. Aber: Kein Grund zu schlechten Gefühlen, vielmehr zum Streit über Werte oder wenigsten Prioritäten.
Wir brauchen Menschen mit Überzeugungen und sollten reflektierte Überzeugungsgemeinschaften pflegen. Dass es die Wahrheit nicht gibt, ist in unseren Sphären mittlerweile trivial. Dennoch fällt es vielen Menschen schwer, persönlich absolut überzeugt zu sein, ohne in Weltanschauungsimperialismus zu verfallen. Reichen ihnen Gewissheiten nicht? Müssen es Wahrheiten sein?
Im systemischen Feld entstand nach und nach ein Bewusstsein dafür,
dass wenn Wirklichkeit menschengemacht ist, Menschen eben auch eine
besondere Verantwortung dafür haben, welche Wirklichkeit sie machen.
Dies schließt Mitmachen, Dulden, Profitieren, Unterlassen und Wegsehen
ein. Ingesamt kommen aus der systemischen Ecke kaum Beiträge, außer eben
eine Art Meta-Werte. Die anderen müssen wir uns aus sonstigen
Wertesystemen holen. Wir kennen den Schuldbegriff als Zeitgenossen
abendländischer Kultur, nicht als Systemiker und benutzen ihn eher zu
der Frage, was wir uns und anderen schuldig bleiben könnten und wie
damit konstruktiv und verantwortlich umgegangen werden kann. Lange
glaubte ich, eine Gesellschaft könne über das Wertemanagement der
Individuen gesteuert werden. Heute meine ich wie unser
Alt-Bundespräsident Köhler, dass wir aus vielen Selbstverständlichkeiten
des Anstands immer wieder herausdriften und aktiv etwas tun sollten, zu
einem "So etwas tut man nicht!" zurückzukehren oder voranzuschreiten.
Werteregeln und Selbstverständlichkeiten, die durch Bestätigung und
Ächtung stabilisiert werden, helfen unserer gelegentlich
Wertevergessenen Gesellschaft. Ansonsten greifen wir auf Bewährtes
zurück, z.B. auf den Kantschen Imperativ, den Norbert Corpray so
erweitert hat: "Handle so, wie Du vom anderen behandelt werden möchtest,
wenn Du auf ihn angewiesen bist." Was Schuld, strafrechtliche Fragen
u.ä. betrifft, sehe ich die Systemiker nicht außerhalb unseres
gesellschaftlichen Regelsystems.
Für Systemiker sind die Zeiten von Anfangs-Vereinfachungen und
-Polarisierungen, die jungen, noch unsicheren Strömungen Schonraum und
Identität bieten, vorbei. Schade eigentlich, denn Anfangs-Dynamik ist
auch erfrischend und fürs jugendliche Selbstgefühl erhebend. Wir sind
bei der Wirklichkeit der konkreten Verhältnisse und damit wieder beim
Umgang mit Schuld angekommen [1 ]. Wenn wir etwas mit zu verantworten
hatten und mit Versäumnissen leben müssen, ist Schuld treffend. Wenn
wir glauben noch konstruktiv etwas tun zu können, sprechen wir lieber
von Verantwortung.
Jedem Einzelnen und der Gesellschaft bleibt die Herausforderung,
zwischen Dogmatismus und Beliebigkeit, zwischen Herrschaftsmoral und
Verwahrlosung, zwischen "anything goes" und verbindlicher Werteordnung
einen Weg zu finden und verantwortlich Dialog zu halten. Da es bei
Werten als extra Thema leicht zu sonntäglicher Ergriffenheit unter der
Kanzel kommt, von der am Montag wenig bleibt, leisten wir unseren
Beitrag dadurch, dass wir uns diesen Dimensionen im Rahmen konkreter
beruflicher Fragestellungen und Identitätsbildung widmen.
Oder ist es auch dazu heute viel zu heiß?
Ich jedenfalls mache erstmal Sommerpause und melde mich im September
wieder.
1Frei von falschen
Schuldgefühlen. Fehler erkennen - Selbstzweifel loslassen. von
Angelika Glöckner, erschienen bei Herder, Freiburg, ISBN 978-3451053443
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Kommentare zum Blog
Frau Brigitte Melzig
Lieber Bernd,
wie es der Zufall will, habe ich mich im Rahmen eines Coachings mal als "alte Systemikerin" ins Netz geworfen und ein wenig gestöbert zu dem Thema Schuld. Eine Version passt auf jeden Fall gut zu den hochsommerlichen
Temperaturen:
Zen-Geschichten (03)
Ein leidenschaftlicher Schachspieler war, als er anfing nach Befreiung zu suchen, jedesmal, wenn er eine Partie Schach verloren hatte, der Meinung, versagt zu haben. Nachdem er zwei Jahre bei einem berühmten Rabbi in die Lehre gegangen war, dachte er, er hätte versagt, wenn er gewonnen hatte.
Daraufhin wurde er drei Jahre lang Schüler eines Sufi-Weisen und lernte, daß er, wenn er verlor, sich aber wegen des Verlierens gut fühlte, versagt hatte. Immer noch nicht zufrieden, ging er vier Jahre lang in den Himalaya und lernte von einem großen Yogi, daß er, wenn er gewann, sich aber deshalb schuldig fühlte, versagt hatte. Schließlich und endlich traf er auf einen Zen-Meister. Und was passierte innerhalb weniger Wochen? Er lernte endlich, wie man die Bauern richtig einsetzt!
Marco Aldinger, "Was ist die ewige Wahrheit?"
Herr Kai Ruffmann
Hallo Bernd,
Das Thema Schuld ist wohl etwas, was viele Deiner Leser nicht kalt lassen wird, und mich schon gar nicht. Dein Herantasten an die Frage habe ich aufmerksam gelesen.
Du sagst ja selbst, dass es an dem Entstehungstag Deiner Überlegungen unerträglich heiß war, das fördert nicht gerade eine Festlegung.
Mit Deinem Fazit (siehe unten) machst Du es Dir vielleicht aber doch ein wenig einfach.
Die Beliebigkeit ist das Grundübel unserer Zeit. Sie blieb übrig, nachdem Deine und auch meine Generation glaubte, die Fesseln der Engstirnigkeit gesprengt zu haben und auf dem Weg zu mehr Freiheit zu sein. Die Freiheit entpuppte sich dann als "anything goes" , und das hinterlässt in der Tat einen schalen Nachgeschmack.
Jedem Einzelnen und der Gesellschaft bleibt die Herausforderung, zwischen Dogmatismus und Beliebigkeit, zwischen Herrschaftsmoral und Verwahrlosung, zwischen "anything goes" und verbindlicher Werteordnung einen Weg zu finden und verantwortlich Dialog zu halten. Da es bei Werten als extra Thema leicht zu sonntäglicher Ergriffenheit unter der Kanzel kommt, von der am Montag wenig bleibt, leisten wir unseren Beitrag dadurch, dass wir uns diesen Dimensionen im Rahmen konkreter beruflicher Fragestellungen und Identitätsbildung widmen.
Dazu Bernd Schmid
Lieber Kai!
Ich habe eigentlich meist klare moralische Grundsätze, doch braucht man gerade für situative Festlegungen eher Kühle, weil Eifer, auch moralischer, nicht unbedingt mehr moralisches Handeln erzeugt.
Also ich zumindest muss immer wieder den Weg zwischen den Polen finden.