Startseite arrow Bernd Schmids Blog arrow Blog 51: Laster und Talente - Von Bernd Schmid 08.09.2010
Startseite
Bernd Schmids Blog
Professionelles
Fachveröffentlichungen
Literarisches
Privates
Bildbox
Blog-Abonnement
Blog 51: Laster und Talente - Von Bernd Schmid 08.09.2010 Drucken E-Mail

Wenn Sie diesen Blog in größerer Schrift lesen möchten, klicken Sie bitte hier.

blog51.jpg

„Wir sind immer die Ruine von gestern und die Baustelle für morgen; nie das fertige Haus!“[1]

Gift ist eine Frage der Dosis, sagt man. Jedes Talent wird zum Laster, wenn es nicht entwickelt ist oder zu dominant wird. Ob man die Laster, zu denen man neigt, ausmerzen soll, ist fraglich. Eher veredeln und richtig platzieren, denn es steckt vermutlich ein Talent darin. Aus Neurosen Charakter machen ist schon immer mein Wahlspruch gewesen.

Ich kam aus einer wenig sensiblen Familie, in der sich nie jemand für mein Innenleben oder gar Psychologie überhaupt interessiert hätte. Ich war also auch nicht erzogen, mit anderen mitzufühlen, nach dem Erleben und der Weltsicht anderer zu fragen, ja mich auch nur dafür zu interessieren. Nomen est omen: Schmid - der homo faber, der Werkzeugmacher. Ich wollte Probleme lösen, hatte auch schnell Lösungsideen und entwickelte gerne mentale Werkzeuge, Konzepte und Methoden aller Art. Dass diese nicht immer auf Gegenliebe stießen und ich nicht die erwartete Anerkennung erhielt, war eine frustrierende Tatsache, die zu verstehen mich mehr interessiert hätte, wenn ich nicht die damit bei mir aktivierten Minderwertigkeitsgefühle durch allerlei Rationalisierungen oder schlichtes Verdrängen hätte in Schach halten müssen.

In den frühen 1970er-Jahren  kam ich mit Gruppendynamik und Psychotherapie in Kontakt. Vielleicht als Kontrast zu meiner Herkunft und auf der Suche nach Ergänzung für meine holprigen Eigenarten war ich fasziniert und machte alle Moden psychologischer Ansätze, die in der Heidelberger Szene besonders bunt waren, mit. Mit diesen Psycho-Moden kamen eben auch manche alternativ-dogmatische Vorstellungen vom Menschen auf, die jedem übergestülpt werden sollten. Um mich von herrschenden Meinungen nicht vereinnahmen zu lassen,  konnte ich die Dickfelligkeit, die ich auf meinen Weg mitbekommen hatte, gut gebrauchen. Dennoch belastete mich mancher zuerst freundliche, dann massiver werdende Versuch, mich  mit intensiven Gefühlen und frühen Entbehrungen zwecks Störungsbeseitigung in Kontakt zu bringen.

Erlösung brachten mir dann eher positive Würdigungen, wie ich sie bei TA-Lehrern erfahren durfte. Bob Goulding, Fanita English, Jacqui Schiff, Mike Brown und Ruth McClendon fallen mir als Beispiele ein. Statt Erst wenn ... : First you are OK! Then you can develop!

Dass meine oft noch ungehobelten Eigenarten ein Kapital waren, auf das ich nicht verzichten wollte, wurde mir bei einem Workshop mit Joe Cassius über Body Reading klar. In Badehosen stellten wir uns alle in einer Turnhalle auf. Ich hörte Joe über jemanden sagen: „This guy got everything from his mother he needed!“ So einen Glückspilz wollte ich schon immer mal sehen! Da stand ein junger Mann, an dem nichts schief war. Doch mehr auch nicht. Mir wurde klar, dass Charakter von etwas anderem kommt.

Dass ich eher Abstand halten als mich involvieren konnte, eher meine inneren Reaktionen identifizieren und analysieren als sie intensiv spüren und ausleben konnte, dass ich eher für gedankliche und methodische Entwicklungen als für Ergriffenheit zu haben war, wollte ich künftig als wertvolle Eigenarten betrachten und das Beste, insbesondere aber mein Eigenes daraus machen. Natürlich blieben Sphären, die sich mir nicht leicht erschlossen, doch musste ich mich deshalb nicht schlecht fühlen. Ich durfte von meinen Eigenarten ausgehen und mich auf eine Postkarte berufen, die ich in diesen Tagen in England fand. „Be patient! God isn’t finished with me yet!“

Das alles half, dass ich lernen konnte und wollte, wo meine Eigenarten noch verfeinert werden mussten, wo ich mit meinen Stärken richtig lag und wo ich mich eher tastend bewegen sollte. Wenn ich mit meinem spontanen Repertoire nicht gut zurecht kam, musste ich mich weniger in meiner Eigenart oder meinem Wert in Frage stellen, sondern durfte anderes probieren und Bewertungen offen lassen.

Über die Jahre ergänzte ich meine Weise, mich auf andere zu beziehen, oft zunächst aus Einsicht nicht aus innerer Neigung. Doch es wirkte, reicherte mein Repertoire und die Qualität meiner Beziehung an. Nach und nach wirkten Können und Erfahrung auch nach innen und ich konnte mehr und mehr Mitgefühl und Interesse fühlen[2]. Entwicklung, auch seelische ist also auch von außen nach innen möglich. Und für mich war es der richtige Weg.  „I am still myself, but on a higher level!”

Mit solchen Besinnlichkeiten bereite ich die Conference der Internationalen TA-Gesellschaft zum 100jährigen Geburtstag von Eric Berne in dessen Geburtsstadt Montreal/Canada nach.[3] Ich empfinde Dankbarkeit für vieles, was mir diese weltweite Gemeinschaft geboten hat und gebe davon gerne weiter.

[1] Bernd Schmid Originalton http://www.systemische-professionalitaet.de/berndschmid/spruechesammlung.html
[2] Siehe auch http://www.systemische-professionalitaet.de/berndschmid/bernd-schmids-blog/bernd-schmids-blog-39.2.html
[3] Der englischsprachige Überblick zur systemischen TA ( MP3 mit Charts) steht demnächst auf unserer Website zur Verfügung. Die deutsche DVD ist gerade bei Jokers erschienen: http://www.jokers.de/3/16404783-1/dvd/einfuehrung-in-die-systemische-transaktionsanalyse-3-dvds.html Weiterhin erhältlich: Bernd Schmid - Systemische Professionalität http://www.jokers.de/3/15867577-1/dvd/systemische-professionalitaet-3-dvds.html

• Wenn Sie diesen Blog kommentieren möchten schreiben Sie an Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können .
• Wenn Sie frühere Blogs oder anderes von Bernd Schmid lesen wollen: www.bernd-schmid.com.
Wenn Sie diesen Blog abonnieren wollen:


• Wenn Sie das ISB-Wiesloch kennenlernen bzw. News aus dem ISB einsehen oder abonnieren wollen: www.isb-w.de.
• Wenn Sie das forum humanum kennenlernen oder News des forum humanum abonnieren wollen:
http://www.forum-humanum.eu.  

Kommentare zum Blog

Herr Harry Donau

Sehr geehrter Herr Schmid!

Ich finde Ihre Offenheit erstaunlich. Im Grunde habe ich eine ähnliche Story aus meiner Kindheit, allerdings eher mit umgekehrten Vorzeichen.

Danke.

Frau Silvia Dirnberger-Puchner

Lieber Bernd, danke für diesen wundervollen Text und Deine menschliche, warmherzige Offenheit. Ein Mensch der so etwas schreibt muss ein sehr empfindsamer sein. Das ist sehr ansteckend. DANKE

Frau Sabine Friedrichs

Lieber Bernd Schmid,

Ihr Blog kommt gerade zur rechten Zeit für mich.

"Über die Jahre ergänzte ich meine Weise, mich auf andere zu beziehen, oft zunächst aus Einsicht nicht aus innerer Neigung." Ihre Aussage hilft mir sehr in meinem derzeitigen Ringen um die für mich angemessene Rückverbindung mit meiner Ursprungsfamilie.
Dank der Begegnung mit Ihrer Kultur habe ich - vermutlich zum ersten Mal in meinem Leben - den Mut gehabt, mich mit einem persönlichen Problem an meine Arbeitsgruppe zu wenden. Ihre Vorschläge zum Umgang mit den Ratschlägen haben mir das notwendige Rüstzeug zur Verfügung gestellt, angemessener mit der Sichtweise anderer und Feedback umzugehen. Ich missbrauche diese Informationen dadurch weniger dazu, mich selbst abzuwerten.
Beim Lesen der Beiträge meiner KollegInnen spielten sich innerlich wilde Szenen ab. Doch ich liess mich davon nicht mehr so beeindrucken und wartete die Flut ab. Mit der Ebbe sah ich klarer, was für mich brauchbar ist und was weniger. Vor allem versöhnt mich die grosszügige und prompte Unterstützung der anderen Menschen, von der ich mich zu lange durch übertriebene und im Grunde zutiefst ängstliche Autarkie selbst abgeschnitten hielt. Nach aussen gab ich mich dickfellig und innerlich reagierte ich eigentlich überempfindlich, sodass mein Rabattmarkenheftchen immer schnell wieder voll war und ich mich selbst darin bestärkte, das grösstmögliche Unabhängigkeit mir am besten tut.
Erst durch Ihre Sichtweise, Ihre positiven Würdigungen und Ihre freimütige Art aus Ihrem Leben zu erzählen, erlaubte ich mir vorsichtig zunächst zögerlich die Sichtweise, dass mich meine Hypersensibilität in die Irre führt und ich es testweise ja auch einmal in diesem Zusammenhang mit dem Verstand probieren könnte. Tatsächlich konnte ich von der Warte relativ gelassen den Sturm im Wasserglas beobachten, auch wie er sich allmählich legte und alles an seinen Platz sank.
Ich danke Ihnen dafür, dass Sie das so heilsam weiter ergänzen, was mein Vater begonnen hat.

Frau Daniela Mayrshofer

Hallo Bernd,

ich mag Deine Blogs, weil sie mir immer aus dem Herzen sprechen.


Herr Andreas Grabenstein

Lieber Bernd,

First you are ok... das ist ein Thema durch mein Leben seit meiner frühen Jugend. Vielleicht weil ich im Elternhaus mehr zwischen den Zeilen als explizit gehört habe, ich sei dann ok, wenn ich... gut in der Schule, anständig zuhause bin. Ich habe Deinen Blogeintrag deswegen sehr gerne und mit viel bejahendem Kopfnicken gelesen. Zwei Gedanken stelle ich noch dazu.

Du weißt vielleicht noch (wenn Du zu mir eine Erinnerung hast), dass ich von Herzen Theologe und Pfarrer bin, bei aller weitergewachsenen Professionalität. Ich glaube, dass viele der "Wunder" und "Bekehrungen", die man von Jesus erzählt, so gedeutet werden können. Endlich einer, der nicht
sagt: Weil du krank bist, wird da schon etwas faul sein in deiner Biografie.
Und nicht sagt: Wenn du spendest, betest, diese oder jene Therapie machst, kannst du heil werden. Es war wohl oft genau anders herum. Die Menschen fühlten sich wahrgenommen, akzeptiert, bekamen Luft. Kurt Marti hat mal
gesagt: Bei den biblischen Geschichten werden die Ergebnisse erzählt, selten die Prozesse. Wenn ich von den Prozessen erzählen würde, dann von einem Menschen, der zuhört, nachfragt, sein lässt, Raum gibt. Und das bewegt dann selbst vorher lahme Glieder und richtet verkrümmte Rücken auf.

Zweitens, kürzer. CGJung hat das knapp zusammen gefasst: "Du kannst nichts ändern, was du nicht zuvor angenommen hast." Für mich ist das eines meiner Leitmotive geworden, gehört in meinen kleinen Vorrat lebenswichtiger Sätze.

Danke.
 

 

 
< zurück   weiter >
ISB Schwäne