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Blog 61: Vollkasko-Mentalität - Von Bernd Schmid 04.03.2011 Drucken E-Mail
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Heute Morgen auf dem Weg zur Sporthalle sehe ich sie wieder auf dem Weg liegen – Süßigkeiten-Verpackungen! Jemand hat sie, voll fixiert auf die Droge darin, einfach fallen lassen. Ich bin empört. Bei uns ist selbstverständlich, dass man keinen Müll hinterlässt. Das Prinzip meiner Frau: Jeden Ort (und möglichst jeden Menschen) etwas besser hinterlassen als man ihn antrifft! Die ersten Papierchen hebe ich noch auf und entsorge sie, doch dann wird es mir auch zu blöd. Mich hatten eh schon die Zigarettenschachteln auf dem Parkplatz genervt. Und die Müllbeutel am Straßenrand lösen in mir empörte Nörgelei aus, wie ich sie von den nervigen alten Säcken meiner Kindheit kenne. Ich gefalle mir dann nicht. Aber irgendwas muss doch geschehen. Wie kann jemand ausblenden, dass andere oder gar er selbst am nächsten Tag mit diesem Dreck umgehen muss. Ich denke an das Riesenplakat an einer Mülldeponie neben der Innsbrucker Autobahn: „SO SIEHT MAN SICH WIEDER! Ihr Hausmüll.“

„Herr Doktor, mein Zucker spinnt!“ höre ich die wirklich ungesund dicke Frau sagen. Vom Schicksal getroffen? Oder gehört sie zu denen, die wir vor kalorientriefenden Eisbechern sitzen sehen („Man hat es ja!“), während meine Frau und ich zusammen 3 Kugeln ohne Sahne bestellen. Und wir sind nicht so schlank wie wirklich gesund wäre.
Da ist der Psychotherapie-Patient, der nicht wirklich an Fortschritten und erkennbarem Wohlergehen interessiert ist, weil er es auf die nächste Kur, den Behinderten-Ausweis oder die Frühpensionierung anlegt. Holzbein spielen, nennt man das in der TA (Was kann man schon von einem mit Holzbein erwarten?). Ich kenne einen, der wegen Rückenproblemen Mitte 40 vorzeitig in Rente ging und jetzt als Fitnesstrainer in einem Sportzentrum arbeitet. Auf die Idee, sich beruflich wieder zurückzumelden, käme er sicher nicht.

Da sind die Händler, die glauben, jede Unverbindlichkeit und Ausbeutung seitens ihrer Kunden tolerieren zu müssen. Es rechnet sich scheinbar, weil diese sonst zur Konkurrenz gehen, die „toleranter“ ist. Dass damit gewohnheitsmäßige Verantwortungsverschiebung gezüchtet wird, steht auf einem anderen Blatt.
Auch in unmittelbarer Nähe gibt es einiges zu entdecken. Da sind die Seminarteilnehmer, die selbstverständlich kostenloses Nachholen versäumter Seminare fordern, sich selbst aber nicht darum kümmern, ihren Platz rechtzeitig freizugeben, damit das Nachholen für andere organisiert werden kann. Oder sie erwarten, wegen Verhinderung, die allein bei ihnen liegt, kostenfrei aus einem Seminar entlassen zu werden. Man erwartet „Kulanz“ von anderen. Dass diese dann selbstverursachten Schaden ersatzweise tragen müssten, scheint vielen keine Probleme zu bereiten. Eine von uns vermittelte Seminarausfallversicherung wird selten in Anspruch genommen.

Nun haben wir es hier mit sympathischen und werteorientierten Menschen zu tun. Es ist also nicht allein eine persönliche Charakterfrage. Vielmehr haben sich überall schleichend gesellschaftliche Gewohnheiten entwickelt, die als systematische Verschiebung von Verantwortung bzw. Kosten nicht übernommener Verantwortung betrachtet werden müssen[1]. Wenn das toleriert wird, ist es nicht leicht, auf mögliche Vorteile aktiv zu verzichten. Zugegeben man hat uns hier – etwa im Unterschied zu den USA –geradezu dazu erzogen, im Staat und ersatzweise in Institutionen eine Art Versorgungseinrichtung zu sehen[2]. Die Selbstverständlichkeit in erster Linie seine Lebensbedingungen und sein Wirtschaften selbst zu verantworten, ist in erheblichem Maße verloren gegangen. Das werden wir wieder lernen müssen, weil die Sozialkassen wegen des demographischen Wandels klamm werden und Plünderungsmentalität nicht kompensieren können. Wie der Rückweg in ein selbstverantwortetes Leben als Normalfall aussehen soll, ist offen. Differenzierte Steuerungsinstrumente, die denen, die sich unnötig bedienen, kleinere Löffel zuteilen, damit für die wirklich Bedürftigen genug bleibt, scheinen nicht in Sicht.

Vielleicht ist unsere einzige Chance, bei uns selbst anzufangen, als Vorbild zu wirken und andere in Verantwortungsdialoge zu ziehen. Sicher kein bequemer Job. Die Einsichtigen tun sich schwer, solange andere ungeniert zulangen. Solange der Gerechte der Dumme ist, hat der Verantwortungsfreudige Magenprobleme. Wie kommen wir da raus? Dabei entsprechen faire Beziehungen einem menschlichen Grundbedürfnis. Die Forschungen des mit dem Fairnesspreis 2010[3] ausgezeichneten Prof. Fehr zeigen z.B. dass Menschen es sich sogar etwas kosten lassen, unfaire Mitspieler zu bestrafen. Sie tun dies selbst dann, wenn sie mit diesen nie mehr zu tun haben werden, sich also diese Investition in faire Beziehungen für sie nie auszahlt. Also der homo öconomicus als falsche Grundannahme? Raffgier nicht als menschliches Grundmotiv, sondern eher als Verfall, wenn sinnvolle und faire Beziehungen entgleisen oder nicht mehr erwartet werden?

Missbrauch geht immer zu Lasten von irgendjemandem, seien es Kunden, die verantwortlicher handeln, Kindersklaven in Afrika oder Fabrikarbeitern irgendwo, die mit Hungerlöhnen und miserablen Arbeitsbedingungen abgespeist werden. Das ist Kolonialismus auch von unten nach oben und seitwärts, der selten als solcher erkannt und angeprangert wird. Es sind so viele Wahrnehmungsfilter eingebaut, dass wir uns nicht als Täter erkennen müssen. Damit wir uns nicht missverstehen, ich habe Ausbeutung durch Privilegierte schon oft genug angeprangert. Doch ist die andere Seite der Wahrheit die Ausbeutung von unten nach oben. Ich finde Ausbeutung und Verantwortungsverschiebung von unten nach oben genauso verwerflich und würdelos wie umgekehrt. Was da Henne und was da Ei ist, wage ich nicht zu beurteilen. Beim Streit unserer Kinder galt: „Es geht nicht darum, wer angefangen hat, sondern darum wie es beendet werden kann.“

Unsere Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass Menschen den Mut und die Würde in Anspruch nehmen, ihr eigenes Leben und ihr gesellschaftliches Umfeld zu gestalten, ob im Beruf oder im Privatleben. Wir haben uns viel zu viel darauf eingestellt, dass irgendwelche Fachleute oder Politiker es schon richten werden, möglichst öffentlich finanziert. Wir dürfen das Heil auch nicht von öffentlichen Regelungen allein erwarten. Wir müssen selbst zur Besinnung kommen und miteinander auch über solche Tabus reden. Um der Würde eines selbstverantworteten Lebens willen.

Der ehemalige UNO-Generalsekretär U Thant erzählte, dass er unsicher war, ob er in seinem Amt für die Menschheit wirklich was Gutes erreichen konnte. Ihm half, dass er in New York auf dem Fußweg zu seinem Amtssitz täglich einen Beutel Müll sammelte und dieser über die Jahre richtig sauber wurde.
Meine Frau und er hätten (diesbezüglich) gut zusammen gepasst.

 


[1]139 Auf der Suche nach der verlorenen Verantwortung - B. Schmid 2011, 068 Auf dem Weg zu einer Verantwortungskultur im Unternehmen - B. Schmid u. A. Messmer 2004 , 020 Wege zu einer Verantwortungskultur oder symbiotische Beziehungen - B. Schmid u. S. Caspari 1997
[2]Wolfgang Kersting: Verteidigung des Liberalismus http://www.perspektive-blau.de/buch/1010a/1010a.htm
[3]http://www.fairness-stiftung.de/FSBlogEintrag.aspx?EID=111


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Kommentare zum Blog

Frau Christine Gerard

Lieber Bernd,

nachdem ich deinen Blog gelesen hatte, schaue ich in die Frankfurter Rundschau und entdecke weitere politische und/oder kulturelle "Müllhaufen" , (z.B. Einladung des Modells Ruby von alten Lugner zum Opernball) und finde einen Leserbrief zu den Reaktionen der CSU/CDU auf den Umgang mit Herrn von und zu G.. , der gut zu deinem Blog passt:
"....Es ist erstaunlich, mit welcher Dreistigkeit der Täter zum Opfer gemacht und mit welcher Leichtigkeit aus einem persönlich motivierten Betrug eine Lappalie gemacht wird. Dies ist ....das falsche Signal an eine Gesellschaft, die angesichts einer werteverzerrenden Medienlandschaft einem Abgrund an egozentrischem Spaßdenken entgegentaumelt. Aufgeweichte Wertvorstellungen anhand unzähliger Realityshows, in denen nur das Weiterkommen zählt, nicht das "Wie", scheinen zu immer mehr Toleranz gegenüber Dreistigkeit und Ellenbogendenken zu führen...."(Konstantin Josuttis)

Ich wünschte mir, man dürfte seine Stimme auf dem Wahlzettel begründen und das Ergebnis würde veröffentlicht. Vielleicht trüge diese Verquantifizierung und Benennung der Verantwortung des einzelnen etwas bei zu einer Verbesserung der Achtsamkeit, und der einzelne fühlte mutiger und unterstützter in seinem Handeln?

Frau Birgit Rohde-Göhring

Guten Tag, Herr Dr. Schmid,

wenn ich sage, dass Ihr Blog mir wieder gut gefallen hat, passt das nicht zum Thema /(?) – hat er aber.
Wenn wir danach fragen, wie wir Gemeinschaft und Gemeinwohl erleben wollen, ist damit auch die Frage verbunden, wie und inwiefern wir uns selber achten und in der Weise lieben, dass wir andere daran teilhaben lassen wollen.
Die Vollkaskomentalität hat m.E. auch darin eine ihrer Wurzeln, dass diejenigen, die damit keine Skrupel haben, sich selber und damit ihre nähere (nachbarliche) Umgebung nur noch nach der sich entschädigenden Sichtweise beurteilen (da kommt etwas seit langem zu kurz).  Eine Mixtur aus nicht teilnehmen müssen (andere kümmern sich) und Voyeurismus (toll, den anderen passiert es- nicht mir), unterstützt durch die Medien, die das noch fördern, mag eine mögliche Erklärung sein. Aber auch eine Sättigung vor der Gemeinschaft, die z.B. dazu führt, Ehrenämter nicht zu bekleiden und sich zurück zu ziehen (aus Enttäuschung vor der mangelnden Annahme, Anerkennung dieser Tat durch evtl. Nutznießer) fördert diese Entzweiung. Was bedeutet in diesen Zeiten ein Amt aus Ehre auszuführen? (Neuer Blog ?)
Für mich liegt der Hauptpunkt darin, dass Wertschätzung in unserer Gesellschaft sei es für Personen oder verbrachte Leistungen, Taten, Zuneigungen, nicht erfolgter Angriff, Disziplin und „Aushalten“ anderer fehlt und die Menschen sich „Entschädigungen“ für diese Grundbedürfnisse durch Schnäppchen und Zugriffe in „zustehende“ Kassen suchen. Schlimm genug.
Meine Antwort darauf ist, im Kleinen anzufangen und wahrzunehmen. Wir erziehen unseren Sohn in dieser Sichtweise, bieten an, leben vor. Kann man mehr tun?

 

 
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