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Da fällt mir eine Erzählung wieder ein, die mir im Gedächtnis hängen geblieben ist.
Ein Hirte klopfte an die Hinterpforte des Sultan-Palastes eines Wüstenstaates. Nach seinem Anliegen gefragt, erklärte er, er habe eine Quelle mit so frischem Wasser gefunden, wie es sonst nirgends zu finden wäre. Er wolle dem Sultan davon bringen, da nur dieser dieses Wassers würdig wäre. Er wurde vorgelassen. Der Sultan nahm die Huldigung dankend entgegen und würdigte seinerseits die Einmaligkeit des Geschenkes und seines Untertans. Er war ein weiser und gütiger Herrscher und veranlasste, dass der Hirte auf demselben Wege wieder hinausbegleitet werden sollte. Er sollte die herrlichen Brunnen und Wasserspiele des Palastes nicht sehen.
So hatte auch ich das Glück, dass mir meine persönlichen Horizonte
meist weit schienen. Andere Horizonte drangen nicht in mein Bewußtsein
und stellten daher meine eigenen kaum infrage. So steuerte ich meinen
(frei-)beruflichen Flieger meist in der Erwartung, überall hinreichen
zu können, wo ich eine interessante Landschaft sah und in dem
Bewusstsein, mich einem Horizont zu nähern, hinter dem Neu-Land zu
entdecken war. Dieser verschob sich zwar, je weiter ich kam und je mehr
Höhe ich gewann, schien mir aber immer irgendwie dafür geschaffen zu
sein durch mich erobert zu werden. Diese Vorstellungen weckten in mir
schöpferische Lust und ein wachsendes Selbstbewusstsein als Pionier
Neues zu erschließen. Natürlich hatte ich wie alle Menschen auch
Frustrationen zu erleiden und Niederlagen zu ertragen. Doch blieb die
Pionieridentität vorherrschend und die Rückschläge und fehlende
Resonanz gehörten eben dazu.
Sicher waren diese Selbstbilder in einer Weise trügerisch und einiges müsste im Nachhinein einem Stadium der unbewussten Inkompetenz zugerechnet werden, doch gaben sie Kraft, Selbstvertrauen und Ausstrahlung in relevante Kreise hinein. Die Ansprüche aus den Welten, in denen ich mich bewegte, waren in den 70er und 80er-Jahren auch noch nicht so hoch oder ich bewegte mich eben in Welten, die für mich attraktiv waren und in denen eher ich mithalf, höhere Standards zu etablieren. So hatte ich günstige Bedingungen, um mit meinem etwas gehobenen Mittelmaß einen etwas herausgehobenen Weg zu beschreiten.
Ohne Zweifel haben es viele Professionelle heute schwerer.Sie sind von vorne herein mit viel höheren und komplexeren Ansprüchen konfrontiert und haben weit mehr damit zu tun haben, überhaupt mithalten zu können.
Rückblick:
Meine Mutter war Schneidermeisterin mit eigenem Betrieb und stammte aus einem zerbrochenem Juristen-Zuhause mit geistigen Interessen. Zu meinen Erinnerungen als Bub gehört, mit welcher Sehnsucht sie von ihrer Lektüre eines Buchesw von Taillard de Chardin erzählte.
Mein Vater war technischer Leiter einer Kleinmöbelfabrik. Er stammte aus einem handwerklichen Milieu, das sich in die Kleinindustrielle Welt hinein entwickelte. Intellektuelle Interessen gab es da nicht, wohl aber ein eher stilles Sinnieren über die Dinge.
Ich stamme also nicht gerade aus einer gebildeten Familie. Bildungsfern wäre auch falsch. Halt so Mittelmaß. Wir hatten Bücher zuhause, die allerdings kaum gelesen wurden. Wir beiden jüngeren Buben durften uns im neusprachlichen Gymnasium in einem Kleinstadtmilieu durchschlagen. Immerhin fand ich Freude am Schultheater und suchte eher außerhalb meine Bewährungen, sei es als begeisterter Reiter oder als Leader einer Provinz-Beat-Band.
Meine Geschwister beschritten beruflich eher technisch-naturwissenschaftliche Wege. Ich studierte Wirtschaftspädagogik. Durch Zufall und Neigung driftete ich mehr und mehr Richtung Erziehungswissenschaften und Psychologie, um schließlich in diesen Fächern zum Doktor der Philosophie zu promovieren.
Mit einem Selbstverständnis als akademischem Philosoph hatte das allerdings nicht viel zu tun. Meine Interessen, zu hinterfragen richteten sich ganz auf die Bereiche, die ich mir nach und nach erschließen konnte; Hochschuldidaktik, Gruppendynamik und Psychotherapie.
Zu den Gesellschaftsfragen führte mich die Freundschaft mit dem deutlich älteren Soziologen Heik Portele. In seinem Schlepptau durfte ich an meiner ersten Veröffentlichung im sozialwissenschaftlichen Bereich mitwirken. (Brechts Verfremdungseffekt und soziales Lernen 1976)
Den Lebensphilosophischen Fragen begegnete ich durch die Schicksale, die ich als Psychotherapeut kennen lernen durfte. Ich machte mir dazu meinen eignen Gedanken, die immer häufiger über die Horizonte, die aus meinen Weiterbildungen nahe lagen, hinausführten. Viel Hinterfragen und eigene Antwortversuche wurden auch dadurch ausgelöst, dass ich mich immer wieder an Konventionen verschiedener Schulen und Verbände, an eher dogmatischen Berufs- oder Wissenschafts-Vorgaben rieb.
Und heute?:
Ich habe nun zunehmend das Bedürfnis und die Zeit, mich jenseits der aktuellen Gestaltungsfragen mit Philosophie, Gesellschaftsfragen und Literatur zu befassen. Das führt dazu, dass ich aktuell wahrnehme, wie umfänglich und durchaus qualifiziert sich auch andere mit meinen Themen auseinandersetzen. Ich entdecke, dass die Grundfragen, die mich beschäftigten schon viele Generationen und herausragende Denker vor mir beschäftigt haben, dass Erkenntnisse, zu denen ich gelangt bin zum Grundbestand kultureller Einsichten gehören.
Diese Horizonte begeistern mich heute. Sie entmutigen mich auch, aber nur gelinde, weil ich in meinem Feld so etabliert bin, dass ich das Pioniergefühl nicht mehr so für mein Selbstverständnis brauche. Ja es gibt mir sogar eine gewisse Befriedigung, mich in größere Diskussions- und Reflexionsströme einzubinden. Allerdings habe ich auch viel mehr Skrupel, mich zu großen Fragen öffentlich zu äußern.
Recht betrachtet, bin ich froh, dass mir die Unschuld nicht früher genommen wurde oder meine Abwehrmechanismen mich vor dem Erkennen dieser Horizonte beschützt haben. Woher hätte ich bei meiner Biographie und mit meiner Ausstattung den frischen Mut und die Gestaltungsfreude nehmen sollen?
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