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Blog 22: Mein persönliches Outing - Von Bernd Schmid 03.02.2009 Drucken E-Mail

Schornstein

„Jeder Mensch mit besonderen Talenten, hat auch Seiten, die man als abnormal betrachten kann.“ Bernd Schmid Sprüchesammlung
 

 

 

 

Das kennen vielleicht manche?!

Bezahlen im Restaurant. Ja! Sofort! Aber wer hat uns eigentlich die ganze Zeit bedient? War es die? Oder die dort?

Na die! Wie kann man das nicht mehr wissen? Du hast Dich doch sogar mit ihr unterhalten! So spricht jemand, der sich eben nicht vorstellen kann, wie sehr unsereiner behindert ist.

Deshalb nimmt es der Kollege natürlich übel, wenn ich ihn auf der Straße nicht erkenne, wo er doch erst vorletzte Woche bei mir im Seminar war: 3 Tage in einem Raum und wir haben über sehr Persönliches gesprochen! Warum will der mich nicht kennen? Ist der überheblich? Oder hat er was gegen mich?

Beides nicht! Mein Gehirn gibt nur keine Meldung, wer Du bist, ja nicht einmal, dass ich Dich kenne, höchsten eine dumpfe Ahnung. Könnte aber auch eine Ähnlichkeit mit jemandem sein, den ich von irgendwo her kenne.

Oder ein Treffen in der Szene: Ich habe versäumt, mir im Voraus zu vergegenwärtigen, wer von den Bekannten, ja alten Weggefährten,  dort wohl anzutreffen sein wird: Wie hießen nochmal die Kinder von jenem Kollegen? Wie viele waren es überhaupt? Und was machen die heute? Hatten wir nicht letztes mal darüber  gesprochen? Wie alt könnten die sein? Stimmt! Wir waren ja sogar mal zusammen in Urlaub. Aber wann war das?

Nun allgemeines Hallo! Da treffe ich vertraute Menschen, deren Namen mir selbstverständlich einfallen. Andere auch andere kenne ich ganz gut, doch wohin stecken und woher den Namen nehmen? Mein Archivar macht sich auf, um in den Tiefen meines Gedächtnisses zu kramen. Warum braucht der Kerl so endlos? Und dann kommt er wieder ohne Namen und nur mit einer vagen Idee, wer das ein könnte. Das kann ich nicht riskieren und ziehe mich mit einem undeutlichen Gemurmel aus der Affäre. Dennoch entgeht mir der leicht irritierte Blick meines Gegenüber nicht.

Doch da duzen mich Leute, umarmen mich sogar. Gerne doch! Doch wie komme ich dazu? Heiner! Ja so hieß der Kollege von vorher.  Wo ist der jetzt? Ich will ihn gerne mit Namen ansprechen. Welcher war es jetzt nochmal?

Langsam kommt mein Archivar auf Trab, bringt doch nach und nach einige Namen und Bezüge. Diese Welt wird mir immer präsenter und am Ende des Abends bis ich doch wieder ganz gut up to date. Aber was hilft es? Nächstes mal ist es wieder dasselbe.

Eine Freundin erzählte einem alten Herren, der bei einem Empfang mit einem Schild auf der Brust zu sehen war: Bitte stellen Sie sich vor. Ich bin ein Vergesslicher!  Tja, bin ich auch, aber doch noch nicht so alt. Außerdem war das bei mir schon immer so. Für viele Bühnen und Funktionen war ich deshalb nicht geeignet. Man behilft sich, aber doch ein echtes Handicap. Erträglich sind Sitzungen, bei denen ich die Anwesenheitsliste kenne und anhand von Bildern schon mal vorbooten kann.


Das gelegentliche Ausmaß dieser Minderfunktion  kann sich kaum jemand vorstellen, der meine sonstigen Talente kennt. Und der mich erlebt, wenn ich in Hochform bin.

Denn seltsamerweise gibt es erstaunliche Ausnahmesituationen. Da bin ich fit, überrasche Menschen damit, was ich noch von Ihnen weiß. Also es geht doch! Warum nicht immer? Man kann sich doch Mühe geben! Ein bisschen Gedächtnistraining zum Beispiel! Mir hilft immer.... . Doch auch gut gemeinte Tipps begeistern mich nicht so recht .
Warum nicht? Stecken da vielleicht verdrängte Motivationen dahinter? Wäre da vielleicht sogar Therapie angesagt?

Ehrlich gesagt, will ich mich da gar nicht mehr ins Zeug legen. Habe es ja trotzdem zu was gebracht. Und Freunde bzw. freundliche Menschen habe ich auch genug um mich. Ich wollte nur mal bekennen, dass es bei mir eben so ist, damit niemand was in den falschen Hals bekommt.

Also nichts für ungut! Nehmt es nicht persönlich!  Und helft mir ein bisschen!

Euer Bernd Schmid 

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