Blog 24: Mit sich selbst auf Du und Du - Von Bernd Schmid 04.03.2009
Mann, Patrick! Du stellst Dich mal wieder an! Sooo geht das! Konzentrieren, entspannen und los!
Sprach`s zu sich selbst und warf die Boule Kugel. Außer Patrick ist
niemand auf dem Platz. Offenbar ist er sein eigener Coach und feuert
sich „vom Spielfeldrand“ aus an.
Doch, wenn Patrick der Coach ist, wer ist dann eigentlich der andere,
der spielt? Und hört der auf den Coach? Oder fühlt er sich genervt und
trifft erst recht daneben?
Von meinem Freund Gunther kenne ich den Spruch: „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“
Wie? Tummeln sich da noch mehr in mir? Die wollen alle mitreden? Das gibt ja was!
Manchmal steht Patrick da, als würde er am Pranger stehen. Dann kann
ich mir eine ganze Meute von Leuten vorstellen, von denen er innerlich
umzingelt ist und die ihn alles heißen, nur nichts Gutes. In einem
Mentalcoaching hat er sich mal näher angeschaut, wer da alles meint
mitreden zu müssen. Manch einer oder eine von denen war von Gestern
oder gar von Vorgestern, z. B. der gehässige Turnlehrer aus Klasse 7.
Sicher ist der längst pensioniert und geht am Stock. Was will der denn
noch? Und dass von denen eigentlich niemand soviel von Boule versteht
wie Patrick, ist ohnehin klar. Doch wie die Widergänger tauchen die auf
und mischen mit. Irgendwie sind die nicht so leicht loszukriegen.
Immerhin fand Patrick die Idee klasse, dass er doch wenigstens den Chor
der Meckerer dirigieren könnte. Und schon stand er irgendwie anders da.
Überhaupt, wer da innerlich das Sagen hat und wie man sich darauf
einstellt, ist hoch interessant. Mein Freund Gunther z.B. behauptet, in
ihm tagt eine innere Konferenz, die alle Entscheidungen treffen würde.
Er stellt dort Anträge und freut sich, wenn diese wohlwollend
beschieden werden. Dann machen die auch mit und das Vorhaben kommt
voran. Er allein gegen alle könne da nichts ausrichten, sondern er
müsse sich mit denen arrangieren. Vielleicht hat er dafür weniger
Probleme, wenn er mal eine Verabredungen sausen lässt. Schließlich hat
die Konferenz überraschend dagegen entschieden.
Auch beim Sport stellt er Anträge an seinen Organismus. Einmal z.B.
kündigte er an, laufen zu gehen und marschierte aus dem Haus. Fünf
Minuten kam er zurück und bemerkte auf unsere fragenden Blicke: Antrag
abgelehnt! Stattdessen war ein Sonnenbad angesagt.
Aber meistens kommt er mit diesen inneren Instanzen gut zurecht, denn
er ist ziemlich erfolgreich und meist auch mit sich einig.
Aber ist das bei jedem so? Bei mir zumindest ist das alles irgendwie
anders. Ich bin immer ich. Und ich bin von daher von allem direkt
betroffen und für alles direkt verantwortlich. Ich kann mich nicht
einmal, selbst wenn ich möchte, in verschiedene Leute aufspalten. Das
hat mir zumindest in Selbsterfahrungsgruppen, die mit solchen
Aufteilungen gearbeitet haben, gelegentlich Probleme bereitet. Ich kann
mich zwar an Botschaften meiner Eltern erinnern und sicher beeinflussen
mich solche noch, aber ich habe nicht das Gefühl, dass das jemand
anderes ist. Ich bin immer irgendwie ich selbst, wenn auch in
verschiedenen Varianten.
Beim Boule-Spielen z.B. merke ich schon auch, dass ich mal besser drauf
bin und mal schlechter, dass ich mal keine Lust habe mich anzustrengen
oder nicht in meine Kraft komme. Auch ich glaube nicht, dass ich meinem
Organismus alles abverlangen kann, was ich mir gerade so toll
vorstelle. Auch ich muss mich mit einer gewissen Demut ausrichten,
damit sich die Kräfte versammeln und ich in einen Flow komme, wie man
das heute so modisch ausdrückt. Auch bin ich immer mein Körper und mein
Selbstgefühl ist in meinem Körper. Deswegen käme ich auch nie auf die
Idee, auf mich selbst einzuhauen, wenn ich mich ärgere. Dafür tut es
beim Zahnarzt auch mir weh und nicht meinem Körper. Doch kann ich mich
immerhin wohin zurückziehen, wo ich abgelenkt bin und es nicht so merke.
Na, ja. Es zeigt sich mal wieder: Die Leute sind einfach wirklich
verschieden und man muss für jeden die richtige Umgangsweise finden,
auch jeder mit sich selbst.
Das Phänomen des inneren Orchesters, der inneren Konferenz oder wie auch immer es heißen mag, begleitet mich seit einigen Monaten sehr bewußt in meinem Alltag. Ausgelöst durch eine Meditation, der daoistische Prinzipien zugrunde lagen.
Für mich war es ein "inneres Improvisationstheater", in welchem die Akteure aus dem Publikum auf die Bühne traten und "Ihr Stück" aufführten. Ich fragte mich oft, bin ich das, oder bin ich viele? Am Ende hatte ich ein erstes "Highlight", als der Intendant (=ich) auftrat und alle Akteure sich ihm zuwandten.
Das war vor fast zwei Jahren. Heute bin ich in der Beantwortung der Frage "Bin ich ich, oder bin ich viele?" weiter. Ich bin immer ich, wenn auch mit unterschiedlichen Facetten. Ich bin nur dann viele, wenn ich versuche es anderen Recht zu machen, d.h. ich mich verbiege.
Diese Erkenntnis hat mir sehr viel weiter geholfen, kann ich doch heute, wenn ich wieder mal mit mir unzufrieden bin und mir Vorwürfe mache, in mich hinein horchen und feststellen, welche Seite von mir da gerade spricht oder ob ich "fremdgesteuert" bin.
Am Ende teile ich die Meinung von Bernd Schmid: Ich bin immer ich. Ich erschaffe mir meine Realität selbst und für niemand anderen sieht die Realität so aus, wie für mich. Und dafür trage ich alleine auch die Verantwortung. Ich muss keine Ausflüchte "bei anderen Ichs" suchen. Licht und Schatten gehören zusammen. Wenn es mir nun noch gelänge, die permanente Bewertung meines Handelns zu reduzieren, wäre ich bereit für die nächste Erkenntnis.