Blog 25: Wirtschaftskultur, Buddhismus und andere Aufgeklärtheiten - Von Bernd Schmid 17.03.2009
Kultur ist ein verderbliches Gut. Man kann kaum Besitzstände erwerben. Was nicht erneuert wird, stirbt.
Im Organisationsbereich geht es zum einen um Neu-Beseelung der Menschen, die Organisation tragen, zum anderen müssen Strukturen und Prozessen erneuert werden. Entscheidend ist die Belebung, egal ob Traditionen fortgeführt oder Innovationen vorangetrieben werden. Letztlich geht es dann wieder um überzeitlich gültige Werte und um einen ewigen Geist .
Vor kurzem hatten einige Kollegen und ich ein langes Gespräch mit Lehrerinnen des Buddhismus, sog. Lamas. Wir waren uns einig, dass Geist gepflegt werden muss, sonst zieht Ungeist ein. Dabei kam mir als Parallele der Acker, der bewirtschaftet werden muss, andernfalls zieht das Unkraut ein. Und bei diesem Bewirtschaften geht es um die jährlichen Erträge, aber eben auch um nachhaltige Bodenpflege. Sonst geht es wie bei dem Bauern, der sich beklagt: „Jetzt hab ich endlich der Kuh das Fressen abgewöhnt, jetzt geht mir das Vieh ein.“ Wenn wir uns also für die Felder unserer Gesellschaft verantwortlich fühlen, dann dürfen wir sie nicht verwaisen oder anderen allein zur Bewirtschaftung lassen. Auch das von uns Unbeachtete, das mangels Aufgeklärtheit, Kompetenz oder Engagement Unversorgte werden uns diejenigen, die das auslöffeln müssen, zu recht vorhalten. Zumindest sollten wir ein Auge darauf haben, ob lebenswichtige Felder durch Fehlkulturen entarten oder wegen kurzfristigem Ertragsstreben überstrapaziert werden.
Ich gebe zu, ich bin eher in einem pietistischen Umfeld groß geworden. Und etwas mehr Auflockerung und spontane Lebensfreude, die ich rheinländischer Art seitens einer Großmutter sogar im Blut haben soll, könnten mir und den Menschen um mich gut tun. Neben dem empfundenen Pflichtgefühl sind Lebensfreude, Entspannung, Gleichmut und sich Anheim stellen stärkend. Daher will ich auch nicht das eine gegen das andere ausspielen. Jetzt in der Fastenzeit bin ich nicht durch Rheinländisches Gemüt gefordert, sondern eher durch spirituelle Anliegen von Menschen, denen ich begegne.
Darunter immer wieder Buddhisten, auch im vertrauten Kreis des Instituts. Den Dalai Lama habe ich persönlich schon in den 80er Jahren erlebt, damals noch im Rahmen der Humanistischen Psychologie, die zeitweilig viele neuzeitlichen Denker und geistige Erneuerer verschiedener Herkunft anzog. Und nun leiht mir unsere neue Praktikantin das Buch „Führen, Gestalten, Bewegen“ von Laurenz van den Muyzenberg, in dem von diesem und dem Dalai Lama über Werte und Weisheit für eine globalisierte Welt zu lesen ist. Ich habe es gerne gelesen. Da geht es um die rechte Anschauung, das rechte Handeln, die Schulung des Geistes und um das Glück. Und ich habe sooft innerlich zugestimmt , dass man mich für einen Buddhisten halten könnte. Warum auch nicht.
Da gibt es aber auch etwas, was mir fehlt . Das fehlt mir immer wieder, wenn Menschen von Individuen-bezogenen Ansätzen im Wirtschaftsleben all zu begeistert sind. Seien es Ansätze wie "Die Wertschätzende Organisation"1 von Diana Whitney et al. oder die Übertragung Tiefenpsychologischer2 oder Familientherapeutischer Ansätze auf Organisationen. Und jetzt eben bei den Gesprächen mit den Lamas bzw. beim Lesen.
Da wird überzeugend ausgeführt, dass es der rechten Haltung und der rechten Persönlichkeitsbildung bedarf, damit wirtschaftliches Handeln zu besseren Verhältnissen führt. Ja, gewiss! Aber es sind zusätzlich jede Menge Kenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge und deren Einbettung in professionelles Können als persönliche Handlungskompetenz von Nöten. Das kommt in solchen Ausführungen oft nicht einmal zur Sprache oder bleibt so global und vage, dass man nicht weiß, wie groß das Niemandsland fehlender Erkenntnis, ja fehlender Fragestellungen ist.
Unaufgeklärte können so den Eindruck bekommen, dass sie sich durch Meditation, durch Selbstanalyse, durch Klärung ihrer Privatbeziehungen oder durch Besinnung auf positive Werte und Visionen für einen relevanten Beitrag zur Entwicklung von Wirtschaftskultur hinreichend rüsten können. Das kommt mir manchmal so vor als würde man sich hauptsächlich durch Besinnung auf einen „grünen Daumen“ in das Verständnis einer Großgärtnerei oder durch Verstehen von Bambushütten in Industriearchitektur einarbeiten wollen.
Ich bin durchaus für Schlichtheit, zu der wir immer wieder zurückfinden müssen, um uns nicht in Kompliziertheiten zu verlieren. Und natürlich soll sich jeder Mensch auf seine Wirklichkeit und das Transzendente darin besinnen. Doch sollte nicht ausgeklammert werden, wie viel Sachkenntnis notwendig ist, um sich als Bürger eine einigermaßen aufgeklärte Meinung zu bilden, erst recht aber als Professioneller, der anderen wieder Orientierung gibt. Erwerb und Umgang mit Sachkenntnis können durchaus auch mal trocken wirken. Und man kann sich fragen, warum man sich dem stellen sollte. Auf jeden Fall steht denen Würdigung zu, die Anstrengungen auf sich nehmen, sich wirklich sachkundig zu machen und dieses Wissen mit uns zu teilen.
Z.B. wollte ich eine Stunde Rundfunksendung letzte Woche nicht gerne für eine Stunde Meditation oder Selbsterfahrung eintauschen. Im SWR 2 Forum am 5.3. „Osteuropa in der Krise“ wurde dargelegt , dass Westeuropa zum Ruin vieler Haushalte z.B. von Hausbesitzern in den osteuropäischen Ländern beigetragen hat. Zur Zeit der Finanzblase wurden wie in den USA Kredite zu irrational günstigen Konditionen ohne angemessene Sicherheiten gegeben, allerdings in SFR oder EURO. Nun werden diese Währungen abgewertet und die Kreditnehmer sind ruiniert. Hat man sie aufgeklärt oder eher verführt? Waren sie überhaupt urteilsfähig? Die Erkenntnis über diese Zusammenhänge hat meine Meinung über mögliche Stützung dieser Volkwirtschaften verändert. Sachkenntnis hat vorhandene Wertvorstellungen angereichert. Diese hätte ich durch Hinwendung zu mir selbst niemals bekommen. Dasselbe gilt für das Studieren von Berichten, nach denen in Süd-Italien und Spanien illegale Immigranten schamlos ausgebeutet werden, mindestens mit Duldung der dortigen Gesellschaften. Doch profitieren auch wir davon im neuerlich ausgebrochenen Lebensmittelpreiskampf der Discounter. Diese Menschen haben es schlimmer als in den Ländern, aus denen sie unter Lebensgefahr geflohen sind, und sie können aus eigener Kraft kaum etwas dagegen tun.
Klar muss nicht jeder die Welt retten, doch zu viel geistige Selbstgenügsamkeit kann eben doch auch problematisch sein. Glücklicherweise haben wir Zugang zu gut aufbereitetem Wissen3 . Und bitte nicht missverstehen! Das ist keine Kritik am Dalai Lama. Er sagt klar, dass er ein Mönch ist und kein Halbgott als den ihn viele anzusehen scheinen. Und ich finde bewundernswert, wie der Mann seiner Verantwortung gerecht zu werden versucht.
[3] Unter Ton- und Videodokumente kann man von meiner persönlichen Website von mir ausgelesene öffentlich zugängliche Informationssendungen herunterladen.
der Buddhismus versteht sich als Weg zum Glück bzw. zur Überwindung unbefriedigender Geisteszustände. Wenn die eigene Entwicklung gut läuft, wird man von Geld, Anerkennung durch andere und vielem anderen immer unabhängiger und kann das Leben so nehmen (und in der Regel auch genießen), wie es ist.
Was hat das nun mit Agieren in wirtschaftlichen Zusammenhängen zu tun? Zuerst einmal hilft die durch buddhistische Praktiken gewonnene Geistesruhe dabei, Entscheidungen zu treffen, mit Chefs, Kollegen und Mitarbeitern und sich selber besser umzugehen und auch in schwierigen Situationen den Überblick zu behalten. Zweitens ist der Buddhismus selber ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Drittens hat der Buddhismus ganz eigene ethische Vorstellungen, die der Buddhist beim wirtschaftlichen Handeln berücksichtigen sollte.
Kein vernünftiger Buddhist würde jedoch behaupten, dass die Kenntnis der Buddhismus alleine ausreicht, um wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen oder komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge zu durchschauen (genau so wenig wie er behaupten würde, das Studium buddhistischer Texte würde eine ausreichende Grundlage sein, um eine neue Software zu schreiben). So weit in Büchern ein anderer Eindruck entsteht, liegt das wahrscheinlich am Bemühen des Autoren, mit seinem Anliegen besonders wichtig genommen zu werden.
Für den Buddhisten stellt sich allerdings die Frage, wie wichtig wirtschaftliche Zusammenhänge für ihn persönlich sind. Wenn er von materiellem Besitz unabhängiger wird, dann wird natürlich wirtschaftlicher Erfolg für den Buddhisten unwichtiger, was gesamtgesellschaftlich große Auswirkungen haben kann. In Tibet waren z.B. laut Harrer vor der Invasion der Chinesen 20 % der männlichen Bevölkerung Mönche. Die fielen natürlich für die Erwirtschaftung von Wohlstand weitgehend aus. Und wenn sich Buddhisten nur noch mit sich selber beschäftigen würden, könnten sie natürlich auf die gesellschaftliche Entwicklung keinen Einfluss nehmen und würden diese Menschen mit anderer ethischer Einstellung überlassen.
Viele Buddhisten würden hier sagen, dass sie auf die Gesellschaft dadurch positiv einwirken, dass sie immer mehr Menschen eine persönliche Entwicklung ermöglichen. Aber das alleine, und nur in diesem Punkt würde ich Dir bei Deinen kritischen Anmerkungen recht geben, reicht natürlich nicht aus. Glücklicherweise ziehen sich aber nicht alle Buddhisten aus wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen zurück.
Er erinnert mich an die Empfehlungen unseres Lamas, was wir als Sangha (Gemeinde) täglich machen sollten:
Gemeinsam Essen
Internationale Tageszeitung lesen (um von unserer nationalistischen Interessens- Perspektive wegzukommen)
Meditieren
Verbeugungen (Meditation), mit der man gleichzeitig körperlich fit bleibt
Sich für die neuen Wissenschaften und Erkenntnisse interessieren
Reisen (um den eigenen Blick auf die Welt zu erweitern) oder Menschen zuhören, die die Welt gesehen haben!
Frau Andrea Günter
Lieber Bernd,
ich teile deine Zurückhaltung in Bezug auf den Boom, den Buddhismus
und andere Formen von Spiritualität derzeit erleben. Vermutlich gibt
es Nachholbedarf, aber auch einen Ausgleich zu zunehmender Reizüberflutung und Verdichtung am Arbeitsplatz, aber auch das Bedürfnis von etwas Religiösem, das nicht-dogmatisch verfasst ist und von sich behauptet, es sei
alleinseligmachend - und das vertritt der Dalai Lama laut, deutlich und gut, was mir sehr imponiert.
Dennoch, mir fehlt auch so etwas wie ein Weltbezug. Natürlich ist eine Religion nicht dafür da, Kenntnisse zu vermitteln, die direkt mit Arbeitsaufgaben zu tun haben. Aber mein Anspruch ist es (auch?), dass
Religion und Spiritualität das, was sozusagen innerweltlich läuft und zu tun ist, zu qualifizieren hilft und dafür Scharniere anbietet. Mich persönlich beschäftigt seit langem, dass ich bei Mystikerinnen und Philosophinnen
des jüdischen und christlichen Kontextes so etwas wie Konzepte für eine Spiritualität der Weltliebe gefunden habe, z.B. Hildegard von Bingen,Teresa von Avila, aber auch Simone de Beauvoir, Simone Weil, Hannah Arendt. Dass es
sich um Frauen handelt, die darüber nachdenken, halte ich für keinen Zufall, denn Frauenleben wurde nicht über seine Welthaftigkeit, sondern über Teilsein im Ehepaar oder Keuschheit im der Welt abgeschlossenen Klosterleben definiert. Deshalb scheinen Frauen über ihre Liebe zur Welt nachdenken zu wollen. Bei Hegel und Simone Weil habe ich einen prägnanten Satz dafür gefunden: "Eine jede Situation und einen jeden Gegenstand (eigentlich auch: eine jede Person) zum Objekt des Begehrens machen."
Vermutlich ist das formuliert im Anschluss an Geschichten über Jesus, in denen er sich dem und denen zuwendet, was zw. wer ihm gerade so begegnet: Zöllner und Huren. Zur spirituellen Frage wird: Was heißt es, einen jeden
Gegenstand, eine jeden Situation, eine jede Person ZUM OBJEKT des BEGEHRENS zu machen? Ich habe darüber für Menschen, die in der sozialen Arbeit tätig sind, geschrieben und meine KollegInnen, die mit meinem Text arbeiten,
melden mir zurück, dass es einer ist, in den sich viele mit ihren beruflichen Konflikten verstanden fühlen. Ich füge ihn einfach an, vielleicht interessieren sich ja auch andere dafür. (Text zum Download als pdf)