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Blog 26: Mensch und Tier - Von Bernd Schmid 31.03.2009 Drucken E-Mail

Rabe

Den Menschen unterscheidet vom Tier sein mythologisches Wesen. Das hörte ich mich letzte Woche vollmundig behaupten. Jeder Mensch möchte sein Leben in eine Sinnerzählung einfügen. Null Bock ist nur der zynische Versuch, darauf zu verzichten. Deshalb kann man Menschen gewinnen, wenn man sich an ihr mythisches Interesse anschließt. Über die Bestätigung ihrer vielfach erzählten Story hinaus meint das insbesondere das, was sie werden wollen. Und Menschen wollen immer gerade irgend etwas werden. Man muss nur hinhören. Doch, ob uns das letztlich vom Tier unterscheidet, möchte ich doch lieber mit Vorsicht behandeln.

Dass wir mit den Affen von gemeinsamen Vorfahren abstammen, scheint ja aufgeklärte Menschen nicht mehr zu stören. Dass wir uns mit unserer Tiernatur versöhnen müssen, ist klar und gelegentlich tun wir dies sogar wenig gezügelt und mit Lust. Dennoch haben die meisten Menschen das Bedürfnis sich vom Tier zu unterscheiden.

Lange musste dafür die Behauptung herhalten, Tiere würden keine Werkzeuge benutzen oder zumindest nicht herstellen. Nun hat mittlerweile jeder Bilder von Affen vor Augen, die mithilfe von Steinen Nüsse aufschlagen oder Krähen, die sich gezahnte Kakteenränder zurechtschneiden, um damit Maden aus Baumlöchern zu angeln. Oder Nüsse auf die Strasse legen, um sie von Autos knacken zu lassen.

Nun ja, aber Tiere haben keine Kultur. Seltsamerweise gibt es aber schon bei Orkas also den sog. Mörderwalen Schulen, die Menschen angreifen und andere, die das nicht tun. Und beides wird über Generationen weitergegeben. Auch sonst entdeckt man mehr und mehr Kultur im Tierreich.
Dann haben vielleicht die Menschen allein ein planerisches Bewusstsein? Nun liest man aber von Zoo-Affen, die nachts Steine verstecken, um am nächsten Tag auf Besucher Überraschungsangriffe starten zu können. Sie müssen dabei eine Vorstellung vom nächsten Tag und ihren Absichten an diesem haben.

Vielleicht ist es die Metaperspektive, die Tiere nicht einnehmen können. Doch dann sieht man Raben, die demonstrativ Futter verstecken, weil ein Konkurrent zuschaut, um es sofort wieder auszugraben und woanders zu verstecken, sobald der Beobachter sich zum Schein entfernt. Wenn dieser dann zurückkehrt, um das Versteck zu plündern, ist er in der Abseitsfalle gelandet.  Doch Meta, irgendwie!

Ist es die Kooperation? Dass Raubkatzen oder Delfine aufeinander abgestimmt jagen, hat jeder schon gesehen. Dass aber ein Affe dem anderen hilft, an die eine Portion Futter zu kommen, die dieser nur alleine verspeisen kann, lässt auf recht komplexe Abstimmungen bezüglich Geben und Nehmen schließen.

Oder sind es die Beziehungen? Dass es lebenslange Freundschaften und Partnerschaften, ja Treue zwischen Tieren gibt, hat sich schon herumgesprochen, z. B. bei Schwänen. Neulich haben wir erfahren, das die Missionarsstellung bei den Bonobos, einer Menschenaffenart der Normalfall ist. Müsste also Bonobo-Stellung heißen. Ob man as bei Missionaren wirklich genauer erforscht hat, ist ohnehin fraglich. Und wenn man sieht, wie schwer sich Elefanten von einem verstorbenen Mitglied ihrer Herde verabschieden und später die ausgebleichten Knochen immer wieder mit Andacht beriechen und befühlen, dann kommt man schon ins Grübeln.

Doch noch ein Versuch:
Wie ist es mit dem Lernen bei Mensch und Tier? Klar, Lernen durch Beobachtung und Imitation, Verbesserung durch Versuch and Irrtum gibt es überall. Wie ist es aber neben dem spielerischen Lernen mit gezieltem Experimentieren? Am 17.3.2009 konnte man in Quarks und Co. Raben sehen, die sich durch gezieltes Experimentieren eine Meinung von Partnern bilden, auch von Menschen. Sie verstecken kleineres Spielzeug, das sie als mitelmäßig attraktiv ansehen, in deren Blickwinkel. Sie unterscheiden dann zwischen Menschen, die zeigen, dass sie das Versteck kennen, aber nichts anrühren und solchen, die klauen. Dieser Versuch wird seitens des Raben mehrfach wiederholt, obwohl beim Dieb die Spielzeuge dann futsch sind. Doch dabei haben die Raben genügend verstanden, um vor den Dieben künftig alles außerhalb deren Gesichtskreises zu verstecken, während sie im Gesichtsfeld der Vertrauenswürdigen selbst Leckerbissen vergraben. Um diese Menschenkenntnis zu erwerben, haben sie sogar investiert, aber nur soweit nötig und nicht das Wertvollste. Holla! Raben an die Konzernspitzen! Oder stehlen die dann wie die .......? Oh, sorry!

Vielleicht gibt es bei den Tieren wenigstens keine Belehrungen, auf die wir in unseren Bildungseinrichtungen so reichlich setzen? Da fallen mir kleinere Pelztiere ein, deren Namen ich vergessen habe. Sie zeigen ihren Kindern das Fangen und sichere Verzehren von Skorpionen. Ja, sie servieren ihnen als Zwischenlernstufe Skorpione, denen sie den Stachel entfernt haben. Auch andere Tiere scheinen die Entschärfung gefährlicher Beute durch halb tot beißen und ähnliches als erzieherische Didaktik zu nutzen. Ist das Belehrung? Vielleicht sogar mehr als manche stumpfsinnige Übertragungsversuche von Wissen, die wir reichlich genossen haben. Didaktik und Fürsorge, ein kluger Aufbau von Lernprozessen. Pelztiere als hochschuldidaktische Entwicklungshelfer! Das wär’s doch! Oder?

Oh je, wo soll das enden? Ich höre lieber auf. Sonst kriege ich doch noch wütende Reaktionen ab, wie damals auf dem Spielplatz, als ich meinen Kleinen erklärte wie Mensch und Affe verwandt sind.  Ein älterer Herr, der das mithörte, verließ den Ort mit Schaudern und rief uns im Weggehen seinen Protest zu: Ich auf jeden Fall stamme nicht vom Affen ab! Nun ja, es gibt immer Ausnahmen. Nichts für ungut.

 

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Komentare: 

Einen Ausschnitt aus der FinancialTimesDeutschland zu dem Thema finden Sie hier (Dank dem Hinweis von Brigitte Melzig)

Frau Christine Gérard 

...ja, und es hört nicht auf: die Spiegelneuronen sind ja erst bei einem Experiment mit Affen von den Menschen entdeckt worden. Dass auch Hunde die Fähigkeit zur Empathie - eigentlich müsste man sagen zur Sym-Pathie (Mit-leiden,Mit-fühlen) haben, habe ich deutlich letzte Woche erlebt:
Meine Freundin und ich haben uns das erste Mal zum gemeinsamen Nordic-Walking verabredet. Meine Freundin hat einen Hund namens "Fiebie", und Fiebi musste mitkommen. Als wir mit den Stöcken zum Waldrand hochzogen, schaute uns Fiebie freudig an. Vermutlich erwartete sie, dass wir mit diesen Stöcken werfen würden, und sie diese apportieren dürfe. Als dies dann nicht geschah und wir stattdessen losstiefelten, verschwand sie im Gebüsch, holte sich den größten Prügel, den sie finden konnte, und lief ab dann stolz mit diesem eigenen Stock vor uns her.
Am Ende unseres Laufes blieben wir stehen und unterhielten uns. Meine Freundin erzählte mit klagender Stimme, dass sie Personal werde entlassen müssen und dass für sie diese Entscheidung sehr schmerzlich sei. Daraufhin hörten wir unter uns ein klägliches Piensen: Fiebi zog eine Pfote hoch und humpelte mit schmerzverzerrten Gesicht auf uns zu. Die Diagnose mittels eines geworfenen Tennisballs bestätigte: es handelte sich nur um Em- oder Sympathie!!

Derselbe Hund verblüffte mich vor einiger Zeit auch durch eine ganz besondere Arglist. Ich kann hier nur Bernd bestätigen: dieses Tier muss sich einiges "gedacht" haben und vielleicht sogar "konstruiert" haben. Also: Fiebie und sein Bruder fielen leider durch häufiges nerviges Bellen auf. Als das normale Erziehungsprogramm nicht weiterhalf, installierte meine Freundin eine Art Halsband an ihnen, das den Hunden bei jedem Bellen einen leicht schmerzhaften elektrischen Reiz zufügte (es war erlaubt im Rahmen des Tierschutzgesetzes), das beide Hunde natürlich nicht gerne trugen. Wenn es nicht gebraucht wurde, lag es draußen auf der Terrasse. Am zweiten Tag beobachtete meine Freundin, wie Fiebie ihr Geschirr in den Mund nahm und damit im Garten verschwand. Hinterher verriet ein kleiner Erdhügel das von Fiebie gebuddelte und mit Erde zugedeckte Grab für das gehasste Gerät. Was ist wohl im doppelten Sinne "hunds-gemein"?
Herzliche Grüße
Christiane

 

Herr Dr. Rudolf Lütke Schwienhorst 

Lieber Bernd,


hab' Dank für Deinen humorvollen Beitrag mit dem ganz ernsten Kern:
Was ist eigentlich mit dem rechtlichen Umgang mit Tieren, wenn sie nicht mehr vom Menschen zu unterscheiden sind? Bislang behandeln wir sie in unserem Rechtssystem als Sachen!
Und ab wann können wir ihnen die "Menschenrechte" dann nicht mehr
vorenthalten?
Und wie ist es denn dann mit unserem Fleischkonsum - so unter "Menschenfressern" ... und dann gibt es da auch noch die Beobachtungen, die nahelegen,  dass auch Pflanzen über Intelligenz verfügen - z.B. dann wenn sie miteinander über Entfernungen Informationen austauschen und wenn sie auf spezifische Behandlungen "überlegt" reagieren!!!

Ein total spannendes Denkfeld!

Herzliche Grüße

Rudolf

 

Herr Dieter Ruhnow 

Wir Menschen sind manchmal sogar tierisch gut. Aber nicht immer wird die Verwandschaft geliebt. Schaemen wir uns? Ich glaube, es war Einstein (bitte
korrigieren, wenn falsch), der gesagt hat: "Die Entwicklung von der Amoebe
zum Menschen erscheint dem Menschen als Erfolg. Ob die Amoebe dem zustimmen
wuerde, ist nicht bekannt. "Wie auch immer, wir Menschen haben uns
kulturell nur langsam entwickelt. Im Werkzeugbau sind wir besser (Handy,
Fernseher, PC-Spiele, Maschinebau und andere gewerbliche Anwendungen,
Waschmaschine, Auto etc.). Macht uns das zu besseren Wesen, oder
perfektionieren wir nur unsere Waffen im Ueberlebenskampf? Oder ist es die
Sinnfrage, die wir uns stellen, auf die wir oft aber nur schwer Antworten
finden? Sind wir "Hedomaten" (hedonistische Materialisten), schon zu
dekadent, um das Ueberleben der eigenen Art in den Griff zu kriegen? Unsere
Krisen machen wir selbst. Die Tiere werden uns nicht ausrotten. Vielleicht
koennen wir sogar etwas von ihnen wieder erlernen. Ich meine nicht Bionik,
um effizientere Autos zu bauen. Gemeinschaft statt Entfremdung. Ich
jedenfalls arbeite mit Menschen und fuer Menschen. Auch wenn ich eine Excel
Tabelle mache. Alles andere kann nur Mittel zum Zweck sein. Und das waere so
dumm, wie wir die Tiere manchmal sehen moechten, um unsere eigene
erbaermliche Existenz "aufzuhuebschen". Mit freundlichen Gruessen

 

Frau Christel Löffler

Hallo,
nicht zu vergessen, dass Forscher inzwischen auch das "Ich-gefühl" den
Tieren zusprechen. Z.B.: Elefanten erkennen sich im Spiegel. Im Moment gibt
es gerade Forschungen zum Thema Gefühle wie zum Beispiel "beleidigt sein" ob
man gerade dieses Gefühl wirklich zu 100% nachweisen kann, möchte ich
bezweifeln, aber ich erlebe immer wieder, dass auch Tiere sehr, sehr
menschlich reagieren.... oder reagieren wir tierisch? auf jeden Fall sind
die funktionen von Hormonen und Botenstoffen sehr ähnlich. Prof. Dr. Ganzloßer
macht zu diesem Thema sehr interessante Seminare.
Im moment entwickele ich mit Sozialpädagogen ein konzept für straffällige
Jugendliche. Wir hatten für Pädagogen nun schon Seminare mit großem Erfolg.
Die Pädagogen können mit den aggressiven Hunden arbeiten u. erlernen so ihre
eigenen Muster zum Thema Aggression. Aber auch Jugendliche lernen sich
dadurch selbst besser kennen u. lernen auch vom Hund. So lasse ich zum
Beispiel meine eigenen Hunde mit artaggressiven Hunden arbeiten u. die
Jugendlichen lernen von meinen Hunden, wie man Aggression "verpuffen" lassen
kann, ohne das Gesicht verlieren zu müssen.
Liebe Grüße, Christel Löffler

 

Artikel aus der Rhein-Neckar-Zeitung vom 08.04.2009 passend zum Thema "überlegtes Handeln von Tieren"

Hier können Sie weiterlesen (Geiz ist eben doch nicht geil.....)

 

Herr Klaus Schenck 

Lieber Bernd,

bei Deinem akutellen Blog fiel mir zu „Affen & Lernen“ (& menschliche Kultur …) eine Lerngeschichte wieder ein, die ich kürzlich in einem Buch über Unternehmensstrategien und –kulturen gelesen hatte:

Start with a cage containing five monkeys. Inside the cage, hang a banana on a string and place a set of stairs under it. Before long, a monkey will go to the stairs and start to climb towards the banana. As soon as he touches the stairs, spray all of the other monkeys with cold water. After a while, another monkey makes an attempt with the same result, all the other monkeys are sprayed with cold water. Pretty soon, when another monkey tries to climb the stairs, the other monkeys will try to prevent it.

Now, put away the cold water. Remove one monkey from the cage and replace it with a new one. The new monkey sees the banana and wants to climb the stairs. To his surprise and horror, all the other monkeys attack him. After another attempt and attack, he knows that if he tries to climb the stairs he will be assaulted.

Next, remove another of the original five monkeys and replace it with a new one. The newcomer goes to the stairs and is attacked. The previous newcomer takes part in the punishment with enthusiasm! Likewise, replace a third original monkey with a new one, then a fourth, then the fifth. Every time the newest monkey takes to the stairs, he is attacked. By this point, all the monkeys that are beating him have no idea why they were not permitted to climb the stairs or why they are participating in the beating of the newest monkey. After replacing all the original monkeys, none of the remaining monkeys have ever been sprayed with cold water. Nevertheless, no monkey ever again approaches the stairs to try for the banana.

Why not?

Because as far as they know that’s the way it’s always been done around here. An that, my friends, is how company policy begins. - Karl Weick
[Affen im “Krabbenkorb”! …] [c. one of Schein’s definitions of “culture = “the way we do things around here”]

(from: Henry Mintzberg, Bruce Ahlstrand & Joseph Lampel: “Strategy bites back”, Harlow, U.K. 2005; 217)

Interessant, wie „Unternehmenskultur-Entstehung“ doch auch lerntechnisch erklärt werden kann …

Freundliche Grüße,

Klaus

 

Den Gedankentausch per email mit Herrn Norman Böttcher finden Sie hier

 
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