Blog 28: Weg und Ziel - Von Bernd Schmid 29.04.2009
Irgendwann merkte ich, dass das, was ich für das Stimmen der Instrumente gehalten hatte, schon das Konzert war.
Dieser auf einer Tagung aufgeschnappte Spruch hat mich schon in jüngeren Jahren angesprungen. Er weckte mich aus der selbstverständlichen Annahme, dass alles im Leben noch offen wäre.
Näher betrachtet stecken da tiefe Gedanken dahinter, z.B. die Einsicht, dass das Leben Übung ist. Übung, Übung, Übung. Das sagt auch Peter Sloterdijk, der mich mit seinen weiten Perspektiven immer wieder tief beeindruckt.[1] Nach seiner Ansicht ist das Lebensgefühl unserer Epoche, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen kann.
Warum dann Übung? Ein weltberühmter längst aus Altersgründen zurückgezogener Cellist soll täglich noch Stunden geübt haben. Auf die Frage: Wozu das? Soll er geantwortet haben: Ich glaube ich mache Fortschritte.
Wie sollen wir eine solche Haltung in unserer Zielbesessenen Zeit einordnen?
In der Zeit als uns Japan auch hinsichtlich Wirtschaftskompetenz als das Land der aufgehenden Sonne erschien, habe ich gelesen, dass sein Erfolg mit der kulturellen Mischung von Zielorientierung und meditativer Einstellung zur Vergänglichkeit von Zielen zu tun hätte. Daher wäre richtig, bei jedem Bemühen zu 50% Zielerreichung anzustreben und die anderen 50% darauf zu verwenden sich zu üben. Denn die eigene Vervollkommnung wäre ein entscheidender Lebenszweck. Eine solche Einstellung würde bei vielen sicher ihrem Urteilsvermögen, einem nachhaltigen professionellen Handeln und ihrer Persönlichkeit gut tun.
Was gibt es zu üben? In den aufsteigenden Jahren Lebensgestaltung jeder Art. Und später? Versöhntes Gehen der eingeschlagenen Wege und Loslassen der Lebenswege, die man nicht wird gehen können, sich damit anfreunden, dass das Leben ein Fragment bleiben wird. Mehr leben durch neu erleben und eher durch anwesend sein beitragen als den Karren ziehen. Und gegen Ende? Sich in Haltungen üben, die Hingabe in Würde bescheren.
Haben wir den Nerv dazu? Das Erdenschicksal endet in der Supernova, das persönliche in der Grube. Wo also wollen wir so eilig hin? All is vanity! (alles ist eitel) das stand schon als Slogan auf einem Poster, das bei einem meiner Studienkollegen auf der Bude hing. Darauf sah man von nah eine Frau, die sich vor einem Spiegel schön machte. Nahm man Abstand, dann zeigt sich eben dieses Szenario als Totenkopf.
Nun soll aber nicht nur schwerer Wein eingeschenkt werden. Das kann Kopfweh geben. Einer meiner Lehrer, Milton Erickson[2] , selbst alt, chronisch krank im Rollstuhl und doch voller Lebenszugewandtheit zeigte in Studiengruppen eine dieser gefalteten Sinnkarten herum. Außen war unter Sternen ein Kind mit hingebungsvoll ausgebreiteten Armen zu sehen. Darunter stand: Und wenn Du Dir dann vergegenwärtigst wie unendlich das Universum ist, geht es Dir dann so, dass Du Dich unendlich klein und unbedeutend fühlst? Wenn man aufklappte, war da zu lesen: Mir auch nicht!
Da haben doch die Fußballfreunde einen Bundesliga-Herbstmeister, der in der Rückrunde bisher nicht ein Spiel gewonnen hat. Jetzt wissen wir: Ist nur halb so schlimm, denn 50% Übung bleibt ihnen ja.
Der Weg ist das Ziel! Mit Slogans dieser Art, mit innovativen Trainingsmethoden und dem Aufstellen von Buddhas wollte unser Ex-National- Erfolgstrainer auch dem FC Bayern Erfolg bescheren. Kommentar unserer Tageszeitung zu seinem kürzlichen Rauswurf wegen nachhaltigem Misserfolgs: Nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Tor!
Tja, so kann es dann auch gehen.
[1] Peter Sloterdijk: Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009. 723 S., Fr. 44.90.
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Kommentare:
Frau Nicole Weis
... also könnte man doch auch sagen, 'das Ziel ist der Weg' - im Fußball löst das vermutlich, angesichts der unzählig vielen Fast-National-/Bayerntrainer, die altbekannte Diskussion aus, 'welches der erfolgreichste Weg zum Tor ist'. Als (NLP-/generativer) Coach würde ich aus dieser Perspektive fragen 'welchen Weg wählst Du momentan zu Deinen Lebensziel(en) und gibt
es Alternativen dazu? Für mich persönlich ist die zweite Frage die wesentlich spannendere....
schönes Wochenende
Nicole
Herr Kai Ruffmann (Kardiologe)
Hallo lieber Bernd,
Bedenkenswerte Dinge – ich erlaube mir, sozusagen aus dem Bauch darauf zu antworten. Das Leben endet möglicherweise nicht in der Grube. In unserem Dasein haben wir so viele Menschen beeinflusst, dass die durch uns bewirkte Veränderung uns überdauert. Das stimmt vielleicht, und ist eine schöne Vorstellung.
In der Anlage findest Du den Unterschied zwischen Kummer und Freude, in der Abbildung der Herzfrequenzvariabilität. Jeder Techniker würde zustimmen, dass der untere Teil der Abbildung eher in der Lage ist, ein elektromagnetisches Feld aufzubauen, als der obere Teil der Abbildung. Stimmt wohl auch. Auf jeden Fall geht es uns gut, wenn es uns gelingt, Freude zu empfinden. Wir tun dann etwas ganz Wesentliches für unsere Gesundheit. Das ist viel zu wenig bekannt!
diese Sätze gefallen mir gut, weil sie mich anregen.
Es erinnerte mich an ein kürzliches Erlebnis mit einem geistig behinderten Mädchen in meiner Kommuniongruppe (ich war Katechetin - meine Tochter Antonia hat jetzt Kommunionsfeier). Sie rührte mich sehr durch ihr spontanes Weinen an - wo direkt kein "Grund" zu erkennen war. Jedenfalls habe ich über das Trösten von Emilie viel über mich erfahren - meine Kindheit - mein inneres Kind - wohin mit meiner Traurigkeit als Kind usw. Jedenfalls hatte ich geglaubt, dieses Thema doch schon ausreichend und intensiv angeschaut zu haben.
Ich dachte zunächst spontan und etwas verärgert "Hört das denn nie auf?". Ja es hört nie auf, die Annahme - wenn du einmal den Weg des Bewußtsein angefangen hast, dich dafür geöffnet hast, dann hört es wahrscheinlich nie auf - eine ständige Übung. Du bekommst immer neue Aufgaben und Hinweise aus der Umgebung - du kannst deine Sensibilität, deine Innensicht immer mehr entwicklen um dem "wahren Sein", (was auch immer das ist, also kein konkretes fassbares Ziel) näher zu kommen.
Die Übung des im Hier und Jetzt sein (Eckard Tolle), in der Gegenwart kann auch eine sein, die natürlich den zielorientieren (im klassischen Sinne) Menschen, die das Ziel in der Zukunft anstreben, schwer zugänglich ist. Ich war eine Meisterin im Planen, seit dem ich meine innere Einstellung mehr in Richtung Sensibilität schule, in der Gegenwart präsent zu sein, im Bewußtseinprozeß üben geändert habe, bin ich mindestens genauso erfolgreich und schaffe sehr viel. Der Unterschied, ich bin entspannter und konzentrierter (achtsamer!) dabei und das wirkt sich auch wieder positiv auf meine Umwelt aus (Mitarbeiter, Kunden, Freunde, Familie). Mein innerer "Wegweiser" scheint mich gut zu leiten.
Ich bin durch meine Selbstserfahrung davon überzeugt, dass es auch ein Weg sein kann, erfolreiches Business zu machen, der u.a. die Gesundheit im ganzheitlichen Sinne erhält.
Das sicherste im Leben ist die Veränderung - wie die Natur, jede Körperzelle von uns, jedes Organ ist in ständigem Veränderungsprozeß und strebt die Hömoostase an. Wir sagen dazu "im Fluss sein" - vielleicht ist das ja der Weg, der uns hingebungsvoll und voller Überraschungen irgendwohin führt und letztlich den Körper zurück in den Kreislauf der Natur. Auch das ist kein Ziel, sondern nur einen Zwischenstation des Menschen (jedenfalls des Organismus).
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Habe jetzt einfach so im Fluss geschrieben..............
Wünsche Dir und deiner Familie weiterhin eine gute Zeit!!