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Blog 30: Stolpersteine - Von Bernd Schmid 02.06.2009 Drucken E-Mail

Steine Was haben eigentlich unser Finanzminister Peer Steinbrück und der slowenische Philosoph Slavoj Žižek1 gemeinsam? Diese Frage brennt wirklich auf den Nägeln, oder?
Nun, Steinbrück dürfte für seine Schelte unserer Nachbarn wegen deren Beihilfe zur Steuerhinterziehung bekannt sein. Also zuerst zu Žižek.
Ich gebe zu, dass ich Žižek erst kürzlich in einer meiner Lieblingssendungen des Schweizer Fernsehens „Sternstunde Philosophie“2   kennen gelernt habe. Ich war fasziniert: ein brennend passionierter Denker, Sozialist und Kenner unserer PopulärKultur (z.B. Filme, Werbung und Anekdoten). Er mixt klassische Philosophie, Lacan’sche Psychoanalyse und Gesellschaftskritik zu einem wilden und inspirierenden Cocktail zusammen.
Als Beispiele 3 Thesen:

1) Die Maske ist die eigentliche Wirklichkeit unserer Persönlichkeit, der Wirtschaft und  der Politik. Es werden Images gepflegt, die konkretes Tun verschleiern.

 2) Früher hinderten uns moralinsaure Vorstellungen wie z.B. Sexualfeindlichkeit am Lebensgenuss. Heute hindert uns ein Diktat des Genießen müssen  daran, uns aufrichtig zu begegnen. 

3) Die Christliche Religion in die atheistischste von allen. Mit Jesus ist Gott gestorben. Es bleibt nur der heilige Geist, der nur dann überlebt, wenn wir Menschen ihn zwischen uns pflegen.

Seine Freunde nennen ihn Fidel, aber nicht wegen seiner linken Gesinnung, sondern weil er wie jener ankündigt: Freunde, dazu muss ich kurz was erklären und dann 5 Stunden lang redet.

Und wo bleibt Steinbrück? Kommt gleich!

Dieser Žižek überrollt einen geradezu mit seinen unkonventionellen Ideen, seiner Kompromisslosigkeit, seinem respektlosen Tanz über Disziplingrenzen hinweg. Seine Kritiker stürzen sich dann auf seinen Stil und darauf, dass er sich nicht an die Gepflogenheiten hält. Seine Kritiker würden  geradezu gehässig zu Stil-Fragen Stellung nehmen und seine  inhaltlichen Aussagen beiseite lassen.
Ja, und darüber beklagt sich Steinbrück auch. Zu recht?

Das kennen viele. Innovativen oder kritischen Einwänden begegnet man mit Desinteresse und bestenfalls mit freundlichen Versuchen, alles wieder in den Mainstream zurückzulenken, auch wenn dieser in verrückte Welten fließt. Wenn Querdenker dann unbequem werden, werden sie wegen Stil-Fragen disqualifiziert. Man versucht sie als Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Die Karawane zieht weiter.  Wir kennen das auch aus der Therapie von Familien mit psychotischen Angehörigen. Diese "Verrückten" sehen oft etwas völlig richtig, wenn auch in nicht  leicht nachvollziehbaren Dimensionen und Zusammenhängen. Das System verlangt dann zuerst das Zurückrücken in Normalität. Die verrückte Wahrheit findet wenig Beachtung. Ist das gerecht?

Ja und Nein. Wer andere nicht erreicht, mit dem, was er für das Gemeinwesen möchte, spielt in der kulturellen Evolution nicht mit. Seine Inhalte mögen noch so wertvoll sein. Umgekehrt: Wenn die Welt hinhört, darf jeder Rattenfänger mitspielen.
Auf jeden Fall ist es die Ästhetik, die oft über Erfolg in der kulturellen Evolution entscheidet. Daher sollte der Stil, der Umgang mit anderen uns nicht egal sein, wenn uns die Inhalte wirklich wichtig sind. Der Ton macht letztlich die Musik. Behalten am Ende solche Mahner recht, die nicht den Wohlklang-Gewohnheiten ihrer Zeit entsprochen haben, dann ist das tragisch gerecht, aber eben evolutionär nutzlos.
Wo sind da die richtigen Mittelwege und von wem kann man erwarten, dass er zugleich leidenschaftlich und leicht zu nehmen ist?

Egal wie, wir sollten Menschen wie Steinbrück oder Žižek zuhören und uns dabei beobachten, wann wir abschalten oder sie wegen ihres Stils disqualifizieren wollen. Vielleicht sind sie nur unbequem, haben aber doch recht und wir haben weniger recht, wollen uns aber nicht irritieren lassen.

1 http://de.wikipedia.org/wiki/Slavoj_%C5%BDi%C5%BEek ;
http://tvprogramm.sf.tv/details/0f00d811-f924-414d-93d7-1f0bf065c6bc
2 http://podcastsource.sf.tv/media/sf/podcast/sternstundephilosophie/2009/05/
sternstundephilosophie_20090517_110543_526k.m4v
(Videodownload ) von Website Sternstunden http://www.sf.tv/podcasts/feed.php?docid=ssp 

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Kommentare: 

Herr Dr. Klaus Schenck 

Lieber Bernd,

danke für die Stolper-Ge-Denk-Steine!

Beim Lesen der Stelle über die Verrückten im Gegenwind der Forderungen der Normalität fiel mir erst die Rosenhan-Studie ein („On being sane in insane places, Science 1973, zit in Watzlawick 1982), dann der Goethe in der Anlage, und dann eine Geschichte von Khalil Gibran, die ich erst kürzlich wiedergefunden habe:

Der weise König

Einst herrschte in der fernen Stadt Wirani ein König, der war mächtig und weise. Er war gefürchtet ob seiner Macht und wurde wegen seiner Weisheit geliebt.

Im Herzen der Stadt gab es einen Brunnen mit kühlem, kristallklarem Wasser. Alle Bewohner tranken daraus, auch der König und seine Hofleute, denn es gab keinen anderen Brunnen.

Eines Nachts, als alle schliefen, kam eine Hexe in die Stadt und goß sieben Tropfen einer fremden Flüssigkeit in den Brunnen und sprach: „Wer von Stund an dieses Wasser trinkt, soll verrückt werden.“

Am nächsten Morgen tranken alle Leute, mit Ausnahme des Königs und seines Kanzlers, aus dem Brunnen und wurden verrückt, wie die Hexe vorhergesagt hatte.

Den ganzen Tag flüsterten die Leute in den engen Gassen und auf dem Marktplatz: ‚Der König ist verrückt. Der König und sein Kanzler haben den Verstand verloren. Wir können doch nicht von einem verrückten König regiert werden. Wir müssen ihn stürzen!’

Am Abend ließ der König am Brunnen einen goldenen Becher füllen. Und als man ihm den Becher brachte, trank er daraus in großen Zügen und gab auch seinem Kanzler davon zu trinken.

Da feierte die ferne Stadt Wirani ein großes Freudenfest, denn der König und sein Kanzler hatten ihren Verstand wiedergefunden."


(Gibran, Khalil: „Der Narr“, Walter, Zürich 1975 / 1998; S.24f.)

 
Eugen Roth kommentiert an ganz anderer Stelle, aber trotzdem passend:

„… so einfach wird oft in der Welt / die Wahrheit wieder hergestellt“ …
 
SteineImWeg
Freundliche Grüße,

Klaus 

http://klaus.schenck.googlepages.com

 

 

 

 

Herr Günther Mohr:

Lieber Bernd,

sehr interessant, was du schreibst.

Es sind einige Implikationen in Deinem Statement, wie zum Beispiel, dass es in einer gewollten Form eine Evolution gibt und geben kann oder dass auch prinzipiell ein instruktiver Beitrag von einzelnen dazu möglich ist. .

Wir Berater leben natürlich mit und von diesen Annahmen.

Dennoch:
Die These der Evolution der menschlichen Gesellschaft ist angesichts einiger Tatsachen des letzten Jahrhundert zumindest ständig zu überprüfen.Vor allem auch dank der vom technischen Fortschritt geschaffenen Möglichkeiten gelang es uns zwischen 1900 und 2000 etwa 100 Milionen unserer Spezies gewaltsam zu vernichten, was noch keine andere Spezies sich selbst gegenüber erreicht hatte. Wenn es also Evolution gibt, was man aufgrund anderer Indizien wie Abschaffung von Sklaverei und Leibeigenschaft und zunehmender Demokratisierungen, die von den Menschen heute schon wieder gedankenlos liegen gelassen werden, unterstellen könnte, ist Evolution zumindest sehr stark von Rückfällen bedroht.

Die These des Einflusses einzelner ist ebenfalls sehr verbreitet in einer Gesellschaft, in der vermeintlich das Individuum als wichtig deklariert wird. Dies hat im übrigen deutlich westlich, europäisch geprägte Züge. Vermutlich ist es aber nur Resultat eines Schulprogramms, das immer die Konkretisierung einer Idee oder eines Prinzips mittels eines Namen vollzieht. Aber die Zeit der großen Männer ist vorbei. Ich glaub, es hat sie nie gegeben. Und die, die uns immer als Idole vorgehaltenen wurden, waren eher große Verführer als Wegelenker. Es haben sich Themen und Prinzipien weiterentwickelt, aber immer mit der Wahlmöglichkeit, sie in regressiver (archaischer) oder in transformatorischer (menschenentwickelnder) Form zu nutzen.

Also wir als Protagonisten sollten auf die Stolpersteine steigen, dort inne- und Ausschau halten. Der freie Blick ergibt Selbstbewegung und Entwicklung.

Herzlicher Gruß
Günther Mohr

 Mit Antwort von Bernd Schmid:

Lieber Günther!
 
Da kann ich Dir nur zustimmen. Mal sehe ich Fortschritte, mal Rückschritte. Geht wohl in Wellen, deren Beurteilung schwer ist, weil ihre Gesetzlichkeiten schlecht in unseren Zeit- und Lebenshorizont passen und aus Geschichte Schlüsse zu ziehen ist schwierig. Dennoch handele ich, als ob es auf mich ankäme, wohl wissend wie fraglich das ist. Sloterdijk hat so schön geschrieben: Warum sollten wir nicht anstreben, Retter der Welt zu sein? Man versucht ja je nach Glaube auch ein Buddha zu werden oder die Nachfolge Christi anzutreten. Schön am Menschenbilden ist, dass man doch viel gute Entwicklung begleiten darf. Doch kann alles eitel sein und es ist gut, nichts Wesentliches für Selbstüberhöhung zu opfern. Da bin ich bei Dir. Am Ende hat man nur das eine Leben gehabt.
 
Herzlich Bernd

 
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