Startseite arrow Bernd Schmids Blog arrow Blog 32: Intuition und Kannibalismus - Von Bernd Schmid 09.07.2009
Startseite
Bernd Schmids Blog
Professionelles
Fachveröffentlichungen
Literarisches
Privates
Bildbox
Blog-Abonnement
Blog 32: Intuition und Kannibalismus - Von Bernd Schmid 09.07.2009 Drucken E-Mail
blog32.JPG

Nach mehr als 35 Jahren Lehrtätigkeit in Gruppen beende ich in diesen Wochen diesen Teil meiner Berufstätigkeit. Im letzten November habe ich abschließend einen 3-tägigen Überblick über die ISB-Konzepte gegeben[1]  und jetzt Ende Juni über „meine systemische Transaktionsanalyse“.

Transaktionsanalyse bestimmte einen wichtigen Teil meines professionellen Werdegangs und meiner persönlichen Geschichte. Um das Empfangene zu würdigen und um meine Beiträge zusammenzufassen, habe ich drei Tage lang vor einer Gruppe interessierter Menschen erzählen dürfen. Sie nahmen Anteil, ließen sich berühren.

Eric Berne entwickelte die TA aus Intuitions-Studien ab der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Da er auch Psychoanalytiker war, stellte er seine Ausführungen in diesen Zusammenhang.  Hier nun eine amüsante Variante seiner Ausführungen mit etwas Übersetzung in unseren heutigen Sprachgebrauch:

Worauf gründet das (intuitive) Interesse der Menschen aneinander?

„Auf Kannibalismus!“ Wie bitte?! Da hört man innerlich vielleicht gleich Trommeln im Busch und ahnt Grausames. Allerdings: Dass Menschen dazu neigen, andere Menschen als Beutetiere für die Befriedigung ihrer Begierden zu betrachten, ist nicht zu übersehen. Nicht zufällig ist von „Raubtierkapitalismus“ die Rede. Sind solche Entartungen damit gemeint? Besser man stellt sich einen Säugling vor, der eben alles in den Mund steckt, sein erster Versuch, sich auf die Welt zu beziehen.

Dieses kannibalistische Grundinteresse am anderen soll sich entlang der psychosexuellen Entwicklungsphasen in den ersten Lebensjahren ausdifferenzieren in 1. orale Gier 2. anale Bemächtigung und 3. Voyeurismus und Exhibitionismus. Wie bitte?! Das klingt dann doch immer noch befremdlich und nicht jeder mag sich in diesen Beschreibungen gerne wiedererkennen. Hier braucht es wohl Übersetzung. Schon C.G. Jung hat vertreten, dass solche wesentlichen Beziehungsmuster nicht auf die sexuelle Ebene reduziert werden sollten. Das Prinzipielle daran sollte stattdessen erläutert und verstanden werden.

Fangen wir beim Kannibalismus an: Ich möchte an dem, was der andere Mensch ist, Anteil nehmen. Wird mir das schmecken?  Wird mir das bekommen, werde ich mir davon etwas zu eigen machen können?  Was kann ich aufnehmen, wie kann ich es mir mundgerecht machen, wie in verdauliche Happen zerkleinern? Essen als ein Archetypus des Einverleibens, aus Fremdem Eigenes machen. Nun, das kann man sich doch von gelungenen Begegnungen wünschen, z. B. in der Bildung oder?

„Orale Gier“ meint das Bedürfnis etwas zu bekommen, etwas in sich aufzunehmen zu genießen. Na klar, welcher Professionelle ist nicht an Verdienst, Anerkennung, Stärkung seines Selbstwertes in der Begegnung mit anderen interessiert? Naheliegend, dass man intuitiv Ausschau hält, was da bei der Begegnung mit anderen drin ist.  „Anale Bemächtigung“: Nach Antonovsky gehört zu den wichtigsten Gesundheitsstärkenden Faktoren, dass man Selbstwirksamkeit erfährt. Man möchte doch gerne eine gewisse Kontrolle haben über Leistung und das, was man hervorbringt,  über die willkürlichen und unwillkürlichen Prozesse dabei. Begegnungen, die mir das ermöglichen, tun gut.
„Exhibitionismus“: Da muss man nicht gleich an den Typen denken, der den Mantel aufreißt und sich an der Wirkung berauscht. Das geht auch gesitteter und in wechselseitiger Freiwilligkeit. Wer hat nicht das Bedürfnis, sich unverstellt, so wie er/sie ist, zu zeigen und bei anderen damit Beachtung und  Interesse zu erregen?  Wer möchte nicht Wohlgefallen ernten, wenn er sich in seinem Wesen offenbart, zugänglich macht, was mit Freude an sich selbst, aber auch mit Schamrisiko behaftet ist. „Voyeurismus“: Das Bedürfnis, an etwas sehr Intimem  Anteilnehmen zu dürfen, etwas miterleben zu dürfen, was nicht für jeden bestimmt ist, sondern Vertrauen, Bereitschaft sich zu offenbaren voraussetzt. Das kann im erotischen Bereich sehr lustvoll sein. Doch wird auch Sterben als intimes und berührendes Geschehen beschrieben.

So übersetzt werden aus befremdlich erscheinenden Neigungen wertvolle Dimensionen von Begegnung, an denen wir verständlicherweise Interesse haben. Es handelt sich um Bedürfnisse, nach deren Befriedigung wir hoffentlich erfolgreich Ausschau halten. Begegnungen, in denen hier viel möglich ist, erregen uns, sind uns besonders wertvoll, nähren unsere Seele.
Und was hat das jetzt mit Intuition zu tun? Über Intuition orientieren wir uns blitzschnell und Handlungsentscheidend in der Welt.  Damit wir frei sind, unsere Intuition in den Dienst anderer zu stellen, sagt Eric Berne, sollten wir unsere Bedürfnisse er- und anerkennen. Wir sollten offen damit umgehen und soweit möglich, ohne zu großen Mangel in die professionelle Begegnung gehen. Also Aufrichtigkeit und ein reiches Leben sind die beste Vorbeugung gegen Verirrungen.

Sicher ist damit nicht alles über Professionalität und Intuition gesagt[2] . Doch kann man soweit nicht eigentlich zustimmen und jedem kultivierten Kannibalismus wünschen? Ich für meinen Teil gerne.  

[1] Als Audio oder DVD: /print_product_info.php?products_id=3147

[2] Mehr dazu siehe Schmid/Gérard (2008): Intuition + Professionalität, Carl Auer Verlag   www.carl-auer.de/programm/978-3-89670-649-2

  • Wenn Sie diese Blog abonnieren wollen:
  • Wenn Sie frühere Blogs oder anderes von Bernd Schmid lesen wollen: www.bernd-schmid.com.
  • Wenn Sie das ISB-Wiesloch kennenlernen bzw. News aus dem ISB einsehen oder abonnieren wollen: www.isb-w.de.
  • Wenn Sie das forum humanum kennenlernen oder News des forum humanum abonnieren wollen: www.forum-humanum.eu.

Kommentare:

Frau Nicole Weis

Das ist ein durchaus interessanter, amüsanter, nunja, auch etwas pikanter Aspekt, lieber Bernd, Intuition mit der psychosexuellen Entwicklung des Kleinkindes zu erklären. Und wie Du ja schon sagst, ist er auch unvollständig und daher würde ich folgende Ergänzung vorschlagen:

Alle Forscher der letzten Jahrzehnte zeigen einen Wachstumsprozess für die Entwicklung der menschlichen Bewusstheit und der damit zusammenhängenden Fähigkeiten und Verhaltensmöglichkeiten auf. So z.B. das Modell der Identitätsentwicklung von Erick Erickson:

              Urvertrauen
              Autonomie
              Initiative
              Produktivität
              Beziehungsfähigkeit
              Generativität

oder das Modell der Selbst-Bewusstheit von Robert Kegan:

              einverleibendes Selbst
              impulsives Selbst
              souveränes Selbst
              beziehungsfähiges Selbst
              institutionelles Selbst
              überindividuelles Selbst

Daher ist anzunehmen, dass Fähigkeiten, zu denen ja Intuition gehört, auch einem solchen Entwicklungsprozess unterliegen. Lebendig vor Augen geführt, kann man sich die Intuition eines Kleinkindes im impulsiven Entwicklungsstadium vorstellen, das sich in einem dramatischen, Aufmerksamkeit und Mitleid erzeugenden Schreianfall auf dem Boden eines Supermarkts vor dem Süßigkeitenregal wälzt, um seine Mutter/Vater dadurch (mit der Unterstützung des Mitleids von 3. Personen) zum Kauf des begehrten Naschwerks zu bewegen. Natürlich würde dieses Verhalten eines Erwachsenen nicht mehr adäquat zur Intuition sondern eher als Geistesgestörtheit wahrgenommen.

Wie die Stufen der beiden Forscher oben zeigen, geht es bei der Bewusstseinsentwicklung also nicht nur um eine stete Weiterentwicklung der immer gleichen Fähigkeiten, z.B. Verhalten, das der oralen Bedürfnisbefriedigung dient wie es schon der Säugling zeigt, sondern vielmehr um das Entwickeln völlig neuer Möglichkeiten, die auf den Stufen vorher nicht vorhanden sind. Der Übergang von Stufe zu Stufe (die man sich eher als Spriale vorstellen sollte) wird meist als KriseTod von etwas Vertrautem als auch die Unsicherheit einer geglückten Wiedergeburt auf einer neuen Stufe/Ebene des Bewusstseins. Den Impuls für die Weiterentwicklung setzt also letztendlich die Spannung zwischen einem erlebten Ist und einem nur in der Vorstellung vorhandenen Soll/Möchte, die größer ist als die Furcht vor dem Risiko des Unbekannten. Natürlich gibt es daher individuelle Unterschiede bezüglich des Ausmaßes der erlebten Krisen im Übergang zur nächsten Entwicklungsstufe des Bewußtseins. Erlebt, als ein Zustand des Ungleichgewichts. Dabei nimmt der Mensch wahr, dass einerseits neuartige Bedürfnisse in seinem Bewusstsein auftauchen, für deren Befriedigung er noch keine Fähigkeiten besitzt, dass er andererseits, um diese Fähigkeiten zu erwerben etwas loslassen muss, dass ihm bisher Geborgenheit und Sicherheit vermittelte, eine typische Dilemma-Situation also. Er muß sich dann auf ein neues Gebiet wagen, in dem er Unsicherheit, Unwägbarkeiten möglicherweise auch Niederlagen und Misserfolg erlebt. Weiterentwicklung aus dieser Perspektive bedeutet somit sowohl den Tod von etwas Vertrautem als auch die Unsicherheit einer geglückten Wiedergeburt auf einer neuen Stufe/Ebene des Bewusstseins. Den Impuls für die Weiterentwicklung setzt also letztendlich die Spannung zwischen einem erlebten Ist und einem nur in der Vorstellung vorhandenen Soll/Möchte, die größer ist als die Furcht vor dem Risiko des Unbekannten. Natürlich gibt es daher individuelle Unterschiede bezüglich des Ausmaßes der erlebten Krisen im Übergang zur nächsten Entwicklungsstufe des Bewußtseins.

Um wieder zur Intuition zurückzukommen, sie ist spätestens ab der Phase der Beziehungsfähigkeit, also der Bewusstheit um zwischen eigenen Bedürfnissen und denen anderer Menschen zu unterscheiden, mit der sensiblen Wahrnehmung kleiner Signale, von Symbolen oder gar von unterschiedlichen Energiequalitäten verbunden. Diese Wahrnehmungen werden dann in einen Sinnzusammenhang mit den eigenen Erfahrungen und Wissen gestellt. Selbstverständlich birgt diese ‚fortgeschrittene’ Fähigkeit der Intuition eine relativ hohe Fehleranfälligkeit. Denn es ist ja völlig subjektiv auf welchen inneren ‚Hintergrund’ die sensiblen Wahrnehmungen treffen, ob dabei z.B. nicht doch nur die Projektion eigener, vor sich selbst verborgener Bedürfnisse stattfindet und welche Bedeutungen dann jeweils aus dem innerlich erfahrenen Sinnzusammenhang abgeleitet werden.

Um Intuition daher auch im Erwachsenenalter als hilfreiche und wirksame Fähigkeit zu nutzen, ist aus meiner Erfahrung eine präsente Verbindung zur eigenen, inneren Stilleder unendlich vielen Gedanken des Alltags auftaucht , auch hinter den sozialisierten ‚richtig-falsch-Mustern’ und sich ebenfalls in Distanz zu den eigenen Absichten und Bedürfnissen befindet. So braucht es also für diese intuitiven Vorgänge zunächst eine Entidentifikation, die es ermöglicht, Gedanken oder Gefühle nicht mit meinem So-Sein zu verwechseln. Dadurch wird dann auch der Unterschied zwischen meinem Urgrund und unendlich vielen anderen inneren wie äußeren Konstrukten deutlich. Und das Erkennen dieses Unterschieds ermöglicht dann das, was wir heute allgemein sensitive oder energetische Wahrnehmung, Intuitio und in sehr fortgeschrittenem Stadium Gedankenlesen oder Hellhörig- Hellsichtigkeit nennen. Ich persönlich würde diese Fähigkeit ganz einfach mit Wahrnehmen von Unterschieden   (dh. der eigenen Ursprungs- Urgrundenergie) notwendig. Eine Stille, die hinter oder jenseits bezeichnen.

beste Grüße

Nicole

 

 
< zurück   weiter >
ISB Schwäne