Blog 34: Synchronizität - Von Bernd Schmid 22.09.2009
Synchronizität – ein sinnvoller Zufall
Da ist mir zum Abschluss meiner Seminarleiterlaufbahn etwas zugefallen, was man eben schlecht als Zufall abtun kann. Und es wäre auch schade, wenn die Poesie dieses Augenblicks verloren ginge. Mit Synchronizität als dem Prinzip des sinnvollen Zufalls haben wir uns ja schon früher näher beschäftigt1 .
Die Situation: Seminar an der Uni Zürich, lange verabredet mit Teilnehmern, die mich nicht kannten, Abschlussbaustein eines Coaching-Curriculum. Thema: Metaphorisches Arbeiten. Letztes Seminar, letzter Tag auch meiner Lehrtätigkeit. Ich bot eine Interview-Demonstration an zu meinem Konzept der inneren Bilder als Hintergrund für professionelle Entwicklungen2 . Es meldete sich sofort der Inhaber eines Beratungsunternehmens, der, obwohl zufrieden mit seinem Unternehmenserfolg sich irgendwie zunehmend in einer Sinnkrise erlebte.
Ich fragte ihn entsprechend unserem Design zu den Hintergrundbildern: Was wolltest Du als Kind werden? Seine Antwort: Schon immer Zirkusdirektor, nichts anderes! Hoppla! dachte ich und fragte weiter:
Angenommen, es gäbe einen biographischen Film über Dein gesamtes
Leben als Zirkusdirektor und wir betrachten das Szenenfoto dazu im
Schaukasten: Was sehen wir? Er: Blick auf das Gesamtzelt von
innen Richtung Manegeneingang. Es ist Finale. Die Kapelle spielt groß
auf. Der Direktor steht links eher am Rande und schaut stolz auf die
Artisten, Elefanten, Clowns usw., die alle einmarschiert waren. Großer
Applaus, Ende der Show!
Ich lächelte und fragte vorsichtig, ob er wusste, dass der Zirkusdirektor für mich eine wichtige persönlich-archetypische Figur3 war? Er wusste es nicht. Allgemeines erstauntes Raunen. Na ja, eben Zufall! Oder doch mehr?
Ich habe in den Jahren viele solcher Interviews geführt, überhaupt viel
mit Bildern gearbeitet. Noch nie kam ein Zirkusdirektor vor. Und dann
am letzten Tag dieses Szenenfoto! Ich habe es als Geschenk einer
anderen Welt, aus der wir soviel Sinn schöpfen dürfen, genommen, ein
freundlicher Abschied für den Zirkusdirektor.
Gefragt, ob ich denn nicht wehmütig sei, antwortete ich: Es ist wie bei einem Marathonlauf. Es war ein guter Lauf! Ich bin bei guter Kondition und aufrecht durchs Ziel gelaufen. Glücklich geschafft. Aber länger wirklich nicht und die letzte Wegstrecke hätte nicht sein müssen. Aber sie hat dazu gehört.
Ich bin 62 und ich habe noch einige andere Bilder und Rollen, die sich nicht erschöpft haben. Dazu gehört der Schiffskoch, der jetzt mehr in den Vordergrund meiner Sinnerfüllung rücken kann, eher eine Rolle im Hintergrund. Kochen für alle, die das Schiff in Fahrt und das Leben an Bord lebendig halten, sie zum gemeinschaftlichen Essen versammeln und dann wieder an ihre Arbeit gehen lassen, während ich in Ruhe die Küche aufräume. Nährende Atmosphären- und Kulturpflege.
Und dann formen sich auch allmählich neue Rollen und Perspektiven für die kommenden Jahre. Eher Sein als Tun.
Etwas anders die Lage bei meinem Gesprächspartner. Er ist ca. 50. Andere Bilder aus seinen Sphären erscheinen im grau. Die bunte Welt des Zirkus hat auch von diesem Kontrast gelebt. Jetzt eher als verzögerte Krise der Lebensmitte gilt es diese Polarisierung aufzulösen, und z.B. den Staub von Sinn-Bildern aus der Herkunftsfamilie zu blasen und entdecken, wie weniger Buntes auch Sinn stiften kann.
Good luck! Kollege Zirkusdirektor und danke für diesen poetischen Zufall.