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Blog 58: Professionelle und Dilettanten - Von Bernd Schmid 13.01.2011 Drucken E-Mail
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Ach, wie habe ich mich in meiner wachsenden Professionalität gesonnt! Gerne war ich auch überzeugt davon, dass man die Probleme unserer Gesellschaft nicht dilettantisch angehen darf. Nun hatte ich mich ja auch über Jahre intensiv weitergebildet[1] und war meist leidenschaftlich dabei. Professionell versiert zu sein und anderen zu zeigen, was geht, war zu einer wichtigen Quelle meines Selbstwertgefühls geworden.

Nun, auch das hat sich ausgewachsen. Ich habe schließlich gemerkt, dass für die Kompetenz- und Selbstverständnismehrung anderer viel wichtiger ist, sie im guten Kontakt mit ihrer Wesensart, in ihrer Lebenserfahrung, in ihrer eigenen Urteilskraft, in ihren Potentialen und eigenen Lernstilen, in ihrem unverwechselbaren Temperament und ihrer schöpferischen Kraft zu bestärken. Wichtiger als „Richtiges“ oder Beeindruckendes vorgemacht zu kriegen sind Neugierde und gemeinschaftliche Lernkultur, in der jeder zu sich und zum gemeinsamen Lernen mit anderen findet. Aus Diversität auf Augenhöhe zu schöpfen ist wichtiger als gültige Ansichten zu propagieren oder Anhänger um sich zu scharen. Menschen in Dialoge zum eigenen Wesen und Wirken zu bringen, ist hilfreicher als pseudowissenschaftliche Aufblähung, Entertainment, Verehrung von Ikonen oder Stilisierung als Elite. Jede Überbetonung professioneller Perspektiven ohne Verantwortung für Integration und das Zusammenspiel mit anderen kann Imperialismus und Kolonialismus im Kleinen bedeuten. Man lebt dann auf Kosten anderer Perspektiven und beansprucht Ressourcen, die für Anderes besser eingesetzt wären.

Daher hat sich mein Begriff von Professionalität auch gewandelt. „Professionell Sein“ heißt, sich in einem Beruf beheimatet haben, in einem Berufsfeld zu sich gefunden haben. Professionalisieren heißt Kompetenzen und Eigenarten in ein Berufsverständnis und in Berufswelten integrieren. Hierfür können wir meist auf vielfältige, aber noch nicht übertragene Kompetenzen zurückgreifen. Nehmen wir als Bespiele Krankenpflege oder Wirtschaften. Im Beruf bedeutet dies etwas anderes als im Privatleben. Doch sind die meisten damit verbundenen Kompetenzen ähnlich. Sie müssen meist nur auf neue Kontexte zugeschnitten und in dort passenden Rollen eingefügt werden. Dies gilt übrigens in beide Richtungen. „Privat Sein“ heißt dann, sich in seinem Privatleben beheimatet haben, in seinen Privatwelten zu sich gefunden haben.


In den meisten wichtigen Dimensionen des Lebens bleiben wir alle Dilettanten.
Dilettare (lat.) heißt „etwas aus Liebhaberei tun“. Dilettanten können oft sonst berufliche Tätigkeiten sehr wohl qualifiziert ausüben, doch erfordern diese als Profession eine andere Einbettung. Zu oft wird Berufsbildung viel zu schmalspurig auf Neuerwerb von Fachwissen und spezifische Kompetenzen ausgerichtet. Doch bei Professionalität zählen nicht nur Wissen und Kompetenz, sondern auch Wachsamkeit für eigenes Tun und Kontexte, sorgfältiger Umgang mit Verantwortung, Entwicklung eines stimmiges und aufrichtigen Zusammenspiels mit anderen, alles vor dem Hintergrund einfachen Menschseins und aufrichtiger Lebensführung.

Jeder, der in bestimmten Dimensionen als professionell gilt, ist also gleichzeitig Dilettant, Amateur[2], Laie in anderen Dimensionen. Eigentlich haben wir es immer mit Mischungen zu tun. Hilfreich ist, wenn deutlich wird, wo jemand wirklich Expertise zu bieten hat und was das wie und wem nützen kann und wo bei näherem Hinsehen im Schatten vorhandener Expertise Amateuransichten zum Besten gegeben werden. Amateuransichten sind gleichwohl wertvoll, gehören aber genauso geläutert wie Expertise. Unwissenheit und Borniertheit sind Hauptfeinde privater wie beruflicher Lebenskultur. Im Dialog zwischen Professionalität und Dilettantismus müssen sich beide relativieren und so ins Leben integrieren. Da ist es nur konsequent, wenn in unseren Curricula die unterschiedlichsten Individuen, Altersgruppen, Kompetenzprofile, Berufsausrichtungen und Lebensanschauungen, Organisationstypen und Branchen Lerngemeinschaften bilden und sich gegenseitig bereichern. Kollegiale Beratung ist einer der wichtigsten Schlüssel dafür[3].

Offensichtlich sind elementare Probleme unserer Gesellschaft durch „Expertokratien“ nicht zu lösen. Schon aus finanziellen Gründen können zentrale Anliegen einer Wohlfahrtsgesellschaft, können z.B. Altenpflege, Gesundheitsfürsorge, Einbettung und gegenseitige Absicherung in Gemeinschaften, Engagement für die Umwelt, Schutz von Demokratie und Rechtswesen, Verhinderung von Ausbeutung und Missbrauch aller Art nicht Fachleuten und bezahlten Diensten allein überlassen bleiben. Die Kassen, aus denen dies bezahlt werden soll, bluten eh aus.

Zum Glück gibt es eine schier unendliche Ressource an Engagementbereitschaft, wie sich in hunderttausenden von ehrenamtlichen Engagements zeigt. Was ist dabei die Funktion der Professionellen? Es macht keinen Sinn, wenn Professionelle einfach dasselbe tun wie Laien nur vielleicht besser, in jedem Fall aber teurer. Vielmehr müssten Fachleute Ihr Wissen aufbereiten und allen verfügbar machen, Rahmen pflegen und Bühnen bereiten, auf denen Laien die Hauptrollen spielen. Stattdessen werden verbreitete Kompetenzen zu geldwerten Leistungen und zu Marken erhoben und möglichst vor Nutzung durch andere geschützt. Durch Aufblähung und irreführende Etiketten werden Unique seller positions und entsprechend gesellschaftliche Ressourcen beansprucht. Auf der anderen Seite sind viele gesellschaftliche Engagements durch unnötig schlechte Ausstattung und viel Sisyphusdynamik gekennzeichnet. Immer wieder wird das Rad neu erfunden. Von der Professionellenfraktion werden sie oft genug abschätzig behandelt und allein gelassen. Was macht solche Prozesse für Profis so langweilig? Was trennt die Welten? Was muss geschehen, dass Profis interessiert bleiben und Laien nicht immer wieder von vorne anfangen? Professionelle als Dienstleister für Dilettanten?! Professionelle als Intendanten[4] für Laientheater?!

Dies gilt sicher in Gesellschaftsbereichen, in denen die wesentliche Wirkung eh nur durch Laien erzeugt werden kann. Doch auch dort, wo ohne Fachkompetenz nichts geht, darf diese sich nicht vom Dialog mit Laien und Dilettanten lossagen. Sonst verschafft sich Volkes Wille pöbelhaft Geltung.
Im Übrigen: Was soll die Menschen eigentlich letztlich ausfüllen, wenn nicht die Verantwortung für ihre Welt und die Gestaltung ihres Lebens darin?

[1]Gruppendynamik, Gestalt + Körperarbeit, Klientzentrierte Gesprächstherapie, Psychodrama, Ericksonsche Hypnotherapie und NLP, Jungsche Tiefenpsychologie, Transaktionsanalyse und systemische Therapie
[2]http://de.wikipedia.org/wiki/Dilettant - http://de.wikipedia.org/wiki/Amateur
[3]Schmid, Veith und Weidner (2010): Einführung in die kollegiale Beratung - Carl Auer Systeme Verlag http://www.carl-auer.de/programm/978-3-89670-731-4
[4]808 Intendanten-Professionalität - B. Schmid 2009

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Kommentare zum Blog:

Herr Gerd Bauer

Lieber Bernd,

auch wenn wir uns schon Jahre nicht mehr gesprochen und gesehen haben,
verfolge ich Deine "Botschaften" immer noch aus dem Augenwinkel - zu mehr reicht es nicht,
da mein professionelles Wirken nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was ich bei Dir
gelernt, erfahren, geschätzt und geliebt habe.

In den wenigen Situationen, in denen ich mit meinem systemischen know how umgehe,
bin ich meist unzufrieden mit mir, da ich meinen übernommenen Ansprüchen, die ich mir in der
Zeit bei Euch als wertvoll angeignet habe, nicht gerecht werde - dennoch bekomme ich
meist positives Feedback.

Dein Blog "Professionelle und Dilettanten" wirkt auf mich befreiend und ich danke Dir für
diese Erlösung.
Darüber hinaus zeigt er wieder mal Deine ganze Größe.

Die Zeit bei Dir und mit Euch, waren eine unschätzbare Grundlage mich dem Leben und
meinem Leben zu stellen.

Ich danke Dir von Herzen

Dr. Franz Inderst, Leiter Sparkassenakademie Bayern

Lieber Bernd,

das was Du da geschrieben hast ist meisterlich. Das ist etwas was auf sehr viele Lebenssituationen zutrifft. Drückt es doch in kernprägnanten Worten aus, wie wir uns im Wechselspiel zwischen Kontext  und jeweils eigenen Ressourcen betrachten können.
Jetzt können wir auch aufhören uns darüber zu wundern, warum es nicht ausreicht, wunderbare Gedanken und universale Ansprüche formulieren. Wenn es ums Umsetzen geht, benötigen wir immer diejenigen  die im jeweiligen Kontext beheimatet sind. Diese erreicht man aber nur dann gut , wenn man eher die von Dir beschriebene Haltung einnimmt.
Mit den von Dir formulierten Gedanken kann man die dazu nötige Haltung trainieren, es sind zentale Gedanken, die ich mir bewahren werde.

Herr Eberhard Hauser 

Habe gestern mit Interesse deinen neuesten Blog gelesen; ich teile die meisten deiner Einschätzungen. Zu den Dilettanten fällt mir noch ein, dass dieser Begriff bis weit ins 19. Jahrhundert ausgesprochen positiv besetzt war: er kennzeichnete einen Menschen, der es sich leisten kann, sich mit vielen unterschiedlichen Dingen auf erfreuliche Weise (lat. delectare/ital. dilettare) zu beschäftigen. So bezeichnete sich beispielsweise Gottfried van Swieten, ein Gönner von Haydn und Freund von Mozart und Beethoven mit Stolz als Dilettant, weil er neben seiner Tätigkeit als Hofbibliothekar komponierte, dichtete und naturwissenschaftliche Studien betrieb. Dies alles übrigens in durchaus professioneller Art und Weise: von ihm stammen beispielsweise die Libretti der „Schöpfung“ und der „Jahreszeiten“ und einige seiner Symphonien wurden bis vor kurzem Joseph Haydn zugeschrieben.

Frau Julia Presting-Kempf

Lieber Bernd Schmid,

ich bin immer mal wieder beeindruckt von Ihnen und Ihrer Offenheit. Ich weiß, es steht mir nicht zu, Sie in irgendeiner Form zu bewerten, aber ich möchte Ihnen meine Anteilnahme an Ihrem persönlichen Lebensweg ausdrücken. Sie sind für mich ein Vorbild, von einer äußerlich geprägten zu einer innerlich geprägten Entwicklung zu kommen. Leider sind wir uns noch nie persönlich begegnet, hoffentlich klappt es noch in diesem Leben. Vielleicht führen Sie ja irgendwann ein Seminar durch, dann werde ich dabei sein.

 

 
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