Blog 69: Größenphantasien - Von Bernd Schmid 30.06.2011
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Der Traum von der eigenen Größe beflügelt und ist ein wichtiger Antrieb für Entwicklung. Für Größenphantasien in der einen oder anderen Dimension muss sich niemand schämen. Als Traum der Seele erzählen sie vielleicht, wer man sein könnte.
Sollte es nicht Teil authentischer Beziehungen sein, sich offen zu Größenphantasien zu bekennen, sie mit anderen zu teilen? Leider werden Ambitionen aus Furcht vor Kränkung oft versteckt, manchmal sogar vor sich selbst verborgen. Doch Navigation ist schwer, wenn man sich nicht eingesteht, woran man sich orientiert. Dabei ist es doch nur natürlich, sich mit Großen zu vergleichen. Warum fühlen sich Mitmenschen so leicht bemüßigt, einen der Hochstapelei zu verdächtigen?
Seltsam, dass in manchen Kreisen Tiefstapelei als demütiger gilt. Sich bloß nicht bei „unrealistischen“ Erwartungen erwischen lassen, sich bloß nicht zu viel angemaßt haben. Doch ist das förderlich? Ist es oft nicht gerade die ätzende Kritik im eigenen Kopf, die einem selbst und anderen den Wind aus den Segeln nimmt? Als wäre Selbstunterschätzung die vornehmere Fehleinschätzung. Manchmal ist sie sogar heuchlerisch und auf das Fischen von Komplimenten aus. Jedenfalls führt sie wohl kaum weniger in die Irre als Selbstüberschätzung.
Warum ist dann in vielen Kulturen Selbstunterschätzung eher willkommen Selbstüberüberschätzung? Warum stößt erstere eher auf Ermutigung und letztere eher auf Beschämung? Vielleicht hat es damit zu tun, dass andere lieber gönnerhaft ein Upgrade anbieten als deutlich zu machen, dass sie zwar die angepeilte Größe verstehen und gutheißen, aber den anderen (noch) nicht dort sehen. Ist es denn so eine Schande, sich mehr vorgenommen zu haben als man ausfüllen konnte? Wenn das Klima stimmt, ist es doch kein Problem durch Erfahrung demütig zu werden. Dazu braucht man doch keine Demütigung. Manchmal denke ich, dass Understatement hochmütiger ist, weil man sich einer Bewährung und Korrektur von außen entzieht.
Gibt es einen menschheitsgeschichtlichen Grund? Vielleicht waren einst Einpassung in den Stamm so wichtig, dass Selbstentfernung von Gemeinschaft und vom allgemein gebilligten Standard für den Abweichler lebensgefährlich wurde[1]. Ausschluss bedeutete Tod. So könnte man sich erklären, dass riskante Anmaßungen durch als vernichtend empfundene Schamgefühle verhindert wurden. Zum Schutz aller schon im Vorfeld, auch um den Preis individueller Verstümmelungen[2]? In heutigen Gesellschaften mit anderer Betonung von Individualität und Wahlmöglichkeiten bezüglich Gemeinschaften, müssten solche Reflexe überdacht werden. Das meint aber nicht Leinen los für Größenwahn! Der ist schon genug verbreitet und vielleicht ein noch unreifer Gegenreflex gegen Stammes- und Normbindung.
Wie fast immer spreche ich auch in eigener Sache. Ich gebe zu, dass ich besonders in jüngeren Jahren eher auf der selbsterhebenden Seite war. Das macht nicht unbedingt sympathisch, kann aber mutig und stark machen, besonders, wenn man nicht so sensibel ist. Allerdings holt man sich auch leicht blaue Flecken. Soweit man diese als Feedback beim aktiven Ausloten der eigenen Größe akzeptieren kann, findet effektives Lernen statt. Weh tut es trotzdem. Es gibt manche frühere Aufgeblasenheiten, die in mir auch heute noch Schamreaktionen auslösen. Doch oft genug kam gute Substanz zum Vorschein, nachdem einige Luft abgelassen war. Hätte ich diese so und für die Verwirklichung meiner Lebens-Vorhaben rechtzeitig entwickelt, ohne von Strebungen nach Größe getrieben zu sein?
Natürlich ist es schöner, wenn man von anderen erhoben wird. Doch nicht jeder hat das Glück dazu erwählt zu werden oder das Talent, zu wohlwollender Prüfung einzuladen. Oft hat auch die Umwelt nicht die Kompetenz, Größe in ihrer noch unbeholfenen Form zu erkennen und zu fördern. Und die Motive der anderen sind auch nicht immer vom Feinsten. Bevor man zu still und zu zurückhaltend auf den Lohn für Selbstbescheidung wartet, ist doch gut für sich einzutreten oder nicht? Oder sind die Vorsichtigen besser und besser dran? Eher nicht! Wie viele merken zu spät, dass sie im Wartesaal zum großen Glück[3] zulange darauf gewartet haben, aufgerufen zu werden.
Wir brauchen auch selbstkritikfähigen Mut zur Größe. Herdentrieb und Kleinmut lösen unsere Probleme nicht. Aber natürlich ist auch hier das Maß entscheidend. Selbstüberhebliche Menschen haben es manchmal schwer, sich auf Lernen einzulassen. Das kann dann sehr anstrengend werden. Umgekehrt machen es sich diejenigen zu bequem, die Größe suchende einfach nur auf ein verträgliches Maß zurechtstutzen wollen. Wenn diese darauf uneinsichtig und überheblich reagieren, sollte das niemanden wundern. Also auch hier kommt es auf die Beziehungsumgebung und den Zusammenhang an. Die Umwelt formt jede Persönlichkeitserscheinung mit.
Wie sagte doch eine Kollegin heute beim Frühstück: Sanfte, wenig ambitionierte Menschen machen es einem wirklich leicht, mit ihnen zusammen sein zu wollen. Das ist sehr angenehm.
Aber die, die die Welt bewegen, sind halt andere.
[1] Zu klären wäre allerdings, warum und unter welchen Umständen „Herausragenden“ auch durch instinktives Mobbing weiteres Mitspielen versagt wird, obwohl dies auf Kosten von Diversität geht, die für Evolution wichtig sein kann.
[2] Spitzer weist darauf hin, dass „nicht mehr mitspielen dürfen“ im Gehirn die gleichen Zentren aktiviert wie körperliche Schmerzen. Prof. Dr. Manfred Spitzer:
Wie lernt das Gehirn? Neurobiologische Grundlagen des Lernens und Lehrens http://www.tele-akademie.de/04_ausgewaehlte_videos_1hj11.php
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Kommentare zum Blog
Herr Andreas Grabenstein
Lieber Bernd,
schöner Blog! Weswegen ist Selbsterniedrigung verbreiteter als Selbstüberhöhung? Ich finde Wilhelm Buschs Analyse treffend und mag sie (als eher selbstkritischer Mensch) sehr gern:
Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab' ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.