Blog 72: Schnelles Leben - Von Bernd Schmid 18.11.2011
Liebe LeserInnen
Auf meine Bitte hin um Resonanz vor Blog 71 hat mich ein warmer Regen von Würdigung und Ermutigung überrascht und erfreut. Jetzt kann ich wieder gut spüren, dass viele Samen fruchtbaren Boden erreichen und schreibe gerne weiter, zumal mich weder Krankheit oder andere Belastungen hindern. Von Männern und Frauen kamen so viele Zuschriften, dass sie im Einzelnen zu beantworten zu viel wäre. Also herzlichen Dank auf diesem Wege. Gerne können die Blogs (wirklich „das Blog“ von WeBLog(-buch)) weiterverbreitet werden, zumal sich eh jeder einloggen kann.
Zum Thema selbst gab es auch viele Bereicherungen, die wir wie immer an den Blog auf der Website anhängen http://www.systemische-professionalitaet.de/berndschmid/bernd-schmids-blog/blog-71.html. Generell gilt, dass ich mich frei fühle, Zuschriften zum Thema dort ganz oder auszugsweise mit Namen zu veröffentlichen, es sei denn sie sind als privat oder anonym markiert. Bislang habe ich vorher zurückgefragt, doch möchte ich mir diese Zusatzarbeit ersparen.
Wenn Sie diesen Blog in größerer Schrift lesen möchten, klicken Sie bitte hier.
Wer schneller lebt ist früher fertig
Dieser Spruch bekommt in seiner mehrfachen Bedeutung Stärkung aus der Forschung: Wodurch ist langes Leben bedingt? Weltmeister scheint ein Schwamm zu sein, der es in der Tiefsee bei arktischen Temperaturen auf mehrere tausend Jahre bringt. Leben auf geringstem Aktivitätsniveau und in extremer Zeitlupe. Zu den langlebigen Tieren, bei denen es nicht ganz so extrem zugeht, gehören Blauwal und Schildkröte, die es auf mehrere hundert Jahre bringen können. Am anderen Ende dieser Skala finden wir z.B. Spitzmäuse, die nur ein Paar Dutzend Tage haben und schließlich die bekannte Eintagsfliege. Da kann sich jeder ein Wappentier aussuchen.
Vergleicht man aber nicht Lebenszeit, sondern Lebensaktivität und die Frequenz der Abläufe, dann unterscheiden sich die Lebewesen gar nicht so dramatisch. Ein Prinzip zeigt sich: Will man Leben verlängern, muss man Frequenz senken. Erhöht man die Frequenz, dann sind die Vorräte schneller aufgebraucht. Aber natürlich ist nicht jeder für jede Frequenz gebaut. So sollen Menschen am längsten leben, die zwischen 7 und 9 Stunden schlafen. Wer mehr oder weniger schläft, lebt kürzer. Alles im Durchschnitt versteht sich. Einzelne können deutlich davon abweichen.
Dass der schnellere den langsameren frisst gilt in vielen Branchen unserer Wirtschaft als ausgemacht. Also Hochfrequenz als Überlebenssicherung? Sicher, bei Bedarf schnell sein können ist gut. Aber längerfristig darf sich Hochfrequenz nicht als Gewohnheit verselbständigen. Wer chronisch über einer zu ihm passenden Frequenz lebt, riskiert Burnout, der auf quälende Zeitlupe herunterbremst. Und nicht nur das. Die Qualität der Tätigkeit bezüglich Ergebnis und Substanz kann auch bei Hochfrequenz erheblich nachlassen. Das wird dann manchmal mit noch mehr Hektik kompensiert, ein Teufelskreis. Hektik wird zur Sucht. Schnell noch eine Aktion geht immer. Bremsen ohne Bruchlandung wird immer schwieriger. Die Kraft auszusteigen geht zudem verloren. Und wer kennt nicht die Hektik mancher Manager, Teams oder Unternehmen, die mit Schnellschüssen die Probleme längst nicht mehr richtig lösen und sich für Besinnung, ob sie überhaupt die richtigen Probleme lösen, keine Zeit nehmen? Sie würden diese Zeit auch nicht gleich nutzen können, weil man zur Besinnung auf das Wesentliche nicht nur Hektikpausen, sondern Muße braucht. Eher begegnet man erst mal der durch Hektik überdeckten Leere. Diese müsste man erst eine Zeit lang aushalten, bis sie sich allmählich wieder füllt.[1] Ob schnell effektiv ist und ob man in ruhigerem Tempo anderen wirklich unterlegen ist, sollte man über längere Zeit genauer betrachten. Doch selbst wenn schnell im Vergleich notwendig scheint, sollte man über Spielräume nachdenken, denn wir bereiten uns gegenseitig Effektivitätsfallen[2].
Privat treibt oft die Angst, etwas zu versäumen, der Hunger nach möglichst viel Leben. Und im Hinterher hechten versäumt man genau was man sucht, Leben spüren. Lebensqualität entsteht manchmal gerade um den Preis, dass man Verzicht akzeptiert. Und wieviel bleibt eigentlich im Rückblick für die gefühlte Lebensbilanz von atemloser Zeit und wieviel von Zeit mit Raum zum Durchatmen? Die Seele misst in Qualitäten, nicht in Mengen.
Ist es wirklich ein Luxus, sich für Leben Zeit zu nehmen, auch für Berufsleben?
• Wenn Sie das ISB-Wiesloch kennenlernen bzw. News aus dem ISB einsehen oder abonnieren wollen: www.isb-w.de.
• Wenn Sie das forum humanum kennenlernen oder News des forum humanum abonnieren wollen: http://www.forum-humanum.eu.
Kommentare zum Blog
Frau Elke Senn
Lieber Herr Schmidt,
das Thema kam für mich genau zur rechten Zeit, da ich gerade mit dem Tod meiner Mutter innerlich beschäftigt bin und genau merke, wie ich äußerlich das Tempo drossle – ohne das Gefühl zu haben untätig zu sein oder meine Zeit zu verschwenden.
Danke
Herr Markus Brause
Hallo Herr Schmidt,
wieder mal ein ganz wunderbarer Beitrag, wie ich finde.
"Lebensqualität entsteht manchmal gerade um den Preis, dass man Verzicht akzeptiert."
Diesen Satz mag ich hiermit noch mal verstärken. Wunderbar.
Ich habe ein bißchen darüber hinaus gedacht:
Wenn Verzicht Qualität bedeutet, wird / ist es dann "VerzichtsQualität"?
Wie viel Verzicht erzeugt Qualität?
Wo wäre eine mögliche / sinnvolle Abgrenzung zu verzichten im Sinne von "darben", was dann nicht mehr gut tut?
Unter welchen Umständen korrespondieren LebensQualität & VerzichtsQualität miteinander?
Einige wunderbare, anregende Fragen, wie ich finde. Vielen Dank für die tollen Denk und IdeenAnstösse. Ich fühle mich davon bereichert.
Danke.
Herzliche Grüße
Herr Marijan Kosel
Hallo Bernd,
herzlichen Dank für den inspirierenden Text. Ich habe mich spontan entschlossen, jetzt Feierabend zu machen und das schöne, sonnige Wetter bei einem Spaziergang mit meiner Frau am Bodensee zu genießen. Ich wünsche Dir und Deinem Team ein schönes Wochenende.