Blog 73: Kreativ Leben? - Von Bernd Schmid 02.12.2011
Die Fotos zu den Blogs sind übrigens selbst gemacht, mit einer besseren Pocketkamera, so nebenher, ohne jegliche Bildbearbeitung. Es scheint der besondere Blick zu sein, der ihren Charakter ausmacht. Sie werden gelegentlich zum Aufhängen, auf Kalendern, Schriften oder Websites verwendet. Gerne stelle ich mein Archiv allen kostenlos zur Verfügung. http://www.systemische-professionalitaet.de/berndschmid/fotoalbum.html
Denn ich freue mich, wenn meine Fotos Resonanz finden.
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Wenn Dir etwas fehlt in der Welt, sorge dafür, dass es hineinkommt[1].
Jeder kann singen, sagen manche Musikpädagogen. Ja, schon, aber wie?
Jeder sei kreativ, sagen manche Menschenfreunde. Ja, schon, man merkt es bloß nicht immer so richtig.
Ist Kreativität bloß verschüttet, wie manche in der Romantik der 1968-Ära annehmen? Muss sie bloß freigelegt werden? Oft vielleicht ja, doch freigelegt muss sie dennoch auch gebildet werden[2].
Auch fürchte ich, dass mit gut gemeinten Fiktionen Unaufrichtigkeit bestärkt wird, z.B. bei Unternehmensstrategen. Dürfen sie sich ehrlich und erkennbar fragen, wie kreativ sie sind? Im Innersten wissen sie vielleicht, dass ihnen nicht viel einfällt. Dennoch fühlen sie sich einem kreativen und strategisch klugen Image verpflichtet, insbesondere, wenn Privilegien damit gerechtfertigt werden. Dabei hätten sie auch als Betreiber und Pfleger von bereits Bestehendem ihre Würde.
Ist es denn ein Gewinn, wenn sich z.B. Dienstleistungsanbieter verpflichtet fühlen, überall NEU drauf zu stempeln, auch wenn es sich um alte Bytes auf neuen Datenträgern handelt. (Früher sprach man von altem Wein in neuen Schläuchen.) Sie kennen sich entweder nicht aus und halten sich tatsächlich für die Erfinder des Rades oder verwirren bewusst mit kreativen Etiketten, um Marktaufmerksamkeit und Bedeutung zu ergattern. Würde es nicht ausreichen, wenn sie das, was sie solide beitragen können, so verständlich wie möglich darstellen?
Braucht man überhaupt ein kreatives Selbstverständnis?
Das menschliche Gehirn sei in erster Linie dazu da, uns zu beschützen, also uns überleben zu lassen und uns gesund zu erhalten. Schon dazu müssen wir uns an sich verändernde Lebensbedingungen anpassen können. Um gesund bleiben zu können, brauchen wir das Gefühl, uns auszukennen, wertgeschätzt zu werden und wirksam zu sein. Neuere Studien zum Herzinfarktrisiko kommen z.B. zu dem Schluss, dass Gene, Ernährung, Sport und Lebensweise zusammen nicht einmal 50% aufklären. Der Rest scheint viel mit Selbstwirksamkeit zu tun zu haben. Das braucht man offenbar schon. Sich ausgeliefert fühlen macht krank.
Aber wie viel Kreativität braucht man für Selbstwirksamkeit? Das Gefühl, sich auszukennen, wird notfalls auch illusionär erzeugt. Wertschätzung und Wirksamkeit können durch Anpassung an vorgegebene Rahmen gefunden werden. Damit ist nicht unbedingt Kreativität verbunden. Dennoch scheint es eine Strebung zu geben, Wirklichkeit kreativ gestalten und nicht nur in gegebenen Rahmen überleben zu wollen. Muss man dazu Neues produzieren? Ist Wiederentdeckung und Erhaltung von Leben und Kultur nicht schöpferisch genug?
Und muss Kreativität ein Merkmal jedes Einzelnen sein oder reicht auch ein Beitrag zu einem schöpferischen Umfeld? Dieses braucht ja auch Sachkundige, Umsetzer, Verwaltungs-, Führungs- und Kulturpflegefunktionen verschiedener Art. Nachhaltig Großes kann heute eh nur von Netzwerken geleistet werden. Wir müssen da weg vom Heldenmythos Einzelner. Stattdessen könnte man Kreativität zu einer Leistung gemeinsamer Kultur erklären. Das ist wahrscheinlich treffender und gerechter. Wesentliche Beiträge leisten die sogenannten „Kreativen“ dazu durchaus, nicht immer die wichtigsten. Wir haben in Deutschland ohnehin kein Ideen- und Erkenntnisdefizit, sondern eher ein Umsetzungsdefizit. Und nicht jeder, der kreative Ideen hat und diese auch formulieren kann, trägt immer zum Fortschritt bei. Manchmal behindert er mit immer neuen Kreativ-Feuerwerken die Sicht beim Bau konkreter Wege.
Wann ist man überhaupt kreativ? Sind es die schrägen Einfälle? Manchmal ja. Doch vieles kommt einem dann doch an den Haaren herbeigezogen vor und wirkt lediglich wie Selbstinszenierung. Vielleicht durchaus ok als Anfang, doch würde man den Bezug zum Nutzen für die Menschheit und zu Höherem irgendwann gerne zumindest ahnen. Manche haben besondere Momente und Erleuchtungen, kommen aber nicht auf die Idee, daraus Programm zu machen oder gar Identität. Viele merken gar nicht, dass ihnen was einfällt, geschweige denn, dass sie es für erwähnenswert hielten. Auf jeden Fall ist wichtig, nicht mit Angst Kreativität zu behindern. Denn unter Angst fallen die meisten auf archaische Muster zurück.
Aber der Mythos, dass zufriedene und glückliche Menschen auch die schöpferischen sind, kann nicht gehalten werden. Z.B. gehöre zur jüdisch-religiösen Gestimmtheit die Unzufriedenheit. Juden seien chronisch nicht zufrieden damit, wie es ist, das aber in einer produktiven Weise. Vielleicht liegt darin das Geheimnis der beeindruckenden Leistungen vieler Menschen aus diesem Kulturkreis. Also: paradiesische Verhältnisse allein schaffen keine schöpferischen Leistungen. Man muss Anforderungen erleben. Wir brauchen keine schönfärberische Beziehung zur Kreativität, sondern eher ein konstruktives Klima, um mit Unzufriedenheit umzugehen.
Kreativität basiert immer auf Erfahrung. Kreative Leistungen bedeuten meist eine neue Variante, eine mentale Mutation, einen Perspektivenwechsel, eine Kontextverschiebung. Wer nichts weiß und wenig aus Erfahrung lernt, kann auch nicht kreativ sein. Es sind nicht unbedingt die neuen Dinge, sondern die neuen Perspektiven auf die Dinge, in denen sich Kreativität zeigt. Kreativität meint nicht unbedingt jeden Tag eine neue Idee, sondern viel öfter eine brennende Frage, zu der über lange Zeit jeden Tag neue Antworten gesucht werden[3].
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Kommentare zu diesem Blog:
Frau Regina Henrich
Danke für diesen schönen Blog. Hat mich tiefst berührt. Ich hoffe, ich werde wirklich nie ganz glücklich und zufrieden. Auch ich habe lebenslang aus Unzufriedenheit und dem Drang nach "wertvoller'" Vollkommenheit/Ganzheitlichkeit die Energien gezogen, welche mich lebensfähig machten und lebensfähig erhielten. Ich glaube gerade dadurch h abe ich meine eigensten Kreativfelder aktiviert. - mach Spaß Ihre Blogs zu lesen -
Frau Birgit Rohde-Goehring
Lieber Herr Dr. Schmid,
· sinnfreie Kreativität oder Sinnsuche im Unsinn eines aktuellen Anpassungsdruckes als Ausdruck von Kreativität,
· Erfahrung als Spaß- und Kreativitätsbremse und andererseits eine neue Perspektive auf (nicht) neue Kontexte durch den Veränderungswillen aus Unzufriedenheit…
Ich finde es wichtig, sich über den eigenen Umgang und die eigene „Werteskala“ von Kreativität Gedanken zu machen. Die Latte nicht zu hoch hängen heißt für mich, unperfekte Kreativität(sversuche)im Alltag als Versöhnung mit sich selber zuzulassen und ein niveauvoller Umgang mit Kreativität fördert (hoffentlich) die Erkenntnis, eine Anpassung an vorgegebene Rahmenbedingungen als echte Selbstwirksamkeit als falsch zu erkennen.
Meine Antwort auf das Thema „Kreativ Leben“ heißt Achtsamkeit. Achtsamkeit eigener Bedürfnisse und derer enger (familiärer) Beziehungen, damit kreativer Umgang im Leben gelernt werden kann (Erziehung) und ein Miteinander im Privaten wie im Beruf als gelingendes Leben empfunden wird. Dann ist man (sinnvoll) kreativ, ob man es so nennen will oder nicht.
Ich wünsche Ihnen und Ihrem Team Fröhliche Weihnachten und einen stimmungsvollen, bunten und humorvollen Ausklang des Jahres! Das Angebot, die schönen Fotos nutzen zu dürfen empfinde ich als Weihnachtsgeschenk, danke!