Blog 74: Hoffen und Verdichten - Von Bernd Schmid 16.12.2011
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Sind Sie eher zuversichtlich? Sehr, sehr!
Sagt der Kulturwissenschaftler George Steiner (88): Jeden Tag fast kommen die Wunder. Vor zwei Wochen wurde z.B. die Genetik der Malaria entschlüsselt. Bald wird man Millionen Menschen heilen können.
Dann erzählt er davon, dass Völker oft nach Jahrzehnten der Kulturdürre plötzlich neue Musiker, Wissenschaftler Politiker und Ökonomen von Format hervorbringen, ohne dass man dies aus dem bisherigen Verlauf der Geschichte hätte erwarten können: Wir verstehen sehr wenig vom Zauber der Neuerwachung[1].
Als sehr sehr zuversichtlich beschreibt sich dieser alte Herr in Zeiten, in denen so vieles den Bach runter zu gehen scheint. Das klingt so anders als wenn gesagt wird, dass es bei uns nie eine Generation gab und vermutlich nie wieder geben wird, die in solcher Sicherheit, in solch möglichem Wohlstand lebt, wie wir älteren.
Als Jude ist seine Haltung vielleicht gegründet in langer Tradition von gleichzeitiger Endzeitstimmung und Heilserwartung. Doch auch Quantenphysik und Chaosforschung sagen, dass der Zusammenhang von gestern und heute, aber auch von heute und morgen unbestimmt, ja letztlich unbestimmbar ist. Egal wie es war, es kann anders werden. Egal was zu erwarten ist, es kann auch anders kommen.
Cè sempre la speranza! sagte Toni, unser italienischer Gärtner, als wir über die Krankheit unseres Sohnes Peter sprachen. Die Hoffnung stirbt zuletzt!
Unser Sohn ist nun seit 10 Jahren tot. Also Fehlanzeige in Sachen Hoffnung?
Manfred Spitzer betont, dass Lebensbelastungen dann zum Problem werden, wenn man nicht mehr weiß wofür. Ich habe heute wieder klar, was es in den nächsten Jahren für mich sein kann. Das gibt mir Gesundheit und Kraft für meine Vorhaben und für mehr Begegnung. Auch dann, wenn mein Arbeitsplan nicht ohne ist, bin ich in Begegnungen meist entspannt und zugewandt. Dies hat damit zu tun, dass ich vor einigen Jahren bemerkte, dass ich zwar zu Begegnungen einlud, dann aber nicht wirklich so anwesend war, dass aus Begegnungszeit erfüllte Zeit für alle Beteiligten wurde. Deshalb hatte ich mir bewusst vorgenommen, Begegnungszeit zu begrenzen, mich auf diese dann aber wirklich einzustellen und seelisch anwesend zu sein. Daneben sorge ich für Rückzug, den ich als auch introvertierter Mensch brauche. Beides hat meiner Seele und meinen Beziehungen gut getan.
Zugewandtheit geht bei mir aber auch damit einher, dass ich von anderen erwarte, dass auch sie mit kostbarer Zeit verantwortlich umgehen und ich prüfe, ob ich mich einlasse. Das frustriert manchmal, wenn ich in der Verabredung als eher zurückhaltend erlebt werde. Ich bin lieber dann in der Begegnung großmütig. Besser als umgekehrt, oder? Erstaunlich ist übrigens, wie dadurch mehr Dichte in kurzer Zeit möglich ist. Sinn hat mehr mit gemeinsamer Ausrichtung, Rahmensetzung und seelischer Verbindlichkeit zu tun. Dann gehen wesentliche Dinge auch mal schnell ohne Schnelllebigkeit[2], die am Ende nichts bringt oder soviel Nacharbeit braucht, dass man sich besser gleich die angemessene Zeit gelassen hätte.
Ich bin jetzt 65 und noch gut im Saft, aber es kommen die letzten Runden. Was gibt es da zu hoffen? Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht. Hab ich mal wo aufgelesen! Zuversicht ist vielleicht mehr eine Lebensart. Ich will mich in ihr üben. Apfelbäumchen pflanzen wie Luther und so. Hoffnung – kein leerer Wahn meint auch Schiller (s.u.). Anteil am Künftigen, auch wenn man selbst nicht mehr dabei sein wird.
Zu meinem 60sten hab ich vor Freunden eine kleine Rede gehalten, ausgehend von einer Allegorie des portugiesischen Dichters Pessoa.[3] Einige haben sie als etwas depressiv empfunden. Mag sein. Warum Denken traurig macht, darüber sinniert auch der so optimistische Steiner[4]. Mir selbst ging es gut mit der Endlichkeit vor Augen und der Aufgabe bis dahin, mein Leben mit Sinn zu füllen. Ich habe dem jetzt nicht viel hinzuzufügen.
Zu meinem 65. Geburtstag besuchten wir Marbach am Neckar, den bezaubernden Geburtsort Friedrich Schillers, nicht weit. Auf unserem Rundgang erreichten wir einen erhöhten Platz vor einer Kirche. Da kam die Sonne hervor und von überall her läuteten die Mittagsglocken. Braucht man mehr?
Später stießen wir auf dieses Gedicht.
Die Hoffnung
Es reden und träumen die Menschen viel
Von besseren künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen gold'nen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen,
Die Welt wird alt und wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.
Die Hoffnung führt ihn in's Leben ein,
Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling bezaubert ihr Geisterschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben;
Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.
Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren,
Im Herzen kündet es laut sich an:
Zu was Besserem sind wir geboren!
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.
von Friedrich Schiller
Ich wünsche allen eine gesegnete Zeit und einen hoffnungsvollen Neubeginn im Neuen Jahr.
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