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Blog 96: Vertrauen und Kontrolle - Von Bernd Schmid 05.04.2013 Drucken E-Mail

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Ich fange mit einer einfachen Behauptung an: Wir wollen alle vertrauen! [1]

Welche Reaktionen darauf können wir bei uns selbst beobachten?

Einfach: Ja! Ohne Einwände? Dann gehören wir zu den wenigen Ungebrochenen. Oder spüren wir ein: Ja, aber! oder Ja, wenn! ? Dann ist die Sehnsucht wach, aber gebrochen. Spüren wir ein: Besser nicht! Dann ist sie zerbrochen und Resignation dominiert. Spüren wir ein: Niemals! oder Träum’ weiter! Dann sind wir wohl schon zynisch geworden. Flucht in generelles Misstrauen. Spüren wir ein: Ja, unbedingt! Dann machen wir uns einer Flucht in die andere Richtung verdächtig.

Die guten Nachrichten: Kultur entsteht aus Gebrochenheit. Also keine Rückkehr zu Naivität. Und: Zyniker sind Idealisten, aber eben verprellte. Beide können sich schwer tun, der Spannung zwischen Sehnsucht und Realismus Stand zu halten. 

Generell ist das Problem auch nicht zu lösen. Ich habe meinen Klienten immer gesagt: Mir ist nicht wichtig, ob Sie mir anfänglich misstrauen oder vertrauen. Wichtiger ist, ob Vertrauen oder Misstrauen blind oder wach sind! Sind sie wach, dann werden Sie mir vertrauen, wenn ich es verdiene. Blindes Vertrauen ist also nicht besser als blindes Misstrauen und führt am Ende meist zu Misstrauen.

Die entscheidende Frage: Ist die Beziehung lernfähig was Vertrauen angeht? Gebrochenheit gehört dazu. Wachheit und Dialog darüber bieten die Chance zu geläuterten Vertrauensbeziehungen, in denen berechtigtes Misstrauen neben berechtigtem Vertrauen seinen Platz finden kann.

Worin wollen wir vertrauen? Zum Beispiel in

·        Zugehörigkeit: Wer will schon von Ausschluss bedroht sein?

·        Verlässlichkeit: Je unsicherer die Verhältnisse und je angewiesener wir sind, desto wichtiger, dass die Dinge in verlässlicher Weise abgehandelt werden.

·        Würdigung als Subjekt: Nicht ohne Grund ist die Würde des Menschen der zentrale Wert in fast allen freiheitlichen Verfassungen.

·        Raum und Resonanz für Selbstverwirklichung.

Nimmt man eine Gemeinschaft in diesen Dimensionen als vertrauenswürdig wahr, dann entstehen Bindung, Vertrauen und Loyalität. Missbrauch und Ausbeutung sind Gegenkräfte dazu. Erstaunlicherweise können auch diese binden, wenngleich auf ungute Weise. 

Kontroll-Kultur statt Vertrauenskultur

Wenn Menschen kein Vertrauen in die Kultur einer Gemeinschaft haben, suchen sie Kontrolle, Macht und Privilegien zu erlangen, als Ersatz und suchtartig. Umgekehrt errichten Gemeinschaften Kontrollsysteme, wenn sie kein Vertrauen in die Loyalität ihrer Mitglieder haben, auch als Ersatz und unmäßig. Beides bedingt sich gegenseitig.

Doch Kontrolle alleine löst das Kulturproblem nicht, aus dem Missstände erwachsen. An den in vielen Gesellschaftsbereichen überhand nehmenden „Qualitätskontrollen“, kann man das erleben. Sie schützen angeblich Betroffene. Doch Kontrolle trifft hauptsächlich die Falschen und überzieht sie mit aufgabenfremden Beschäftigungen und Maßstäben. Wer aus seinem Kultur- und Selbstverständnis nicht zu verantwortlichem Handeln veranlasst wird, kann durch flächendeckende Kontrolle nur erreicht werden um den Preis totalitärer Verhältnisse, die den Sinn der Kontrolle sabotieren. 

Ersetzt werden z.B. Vertrauen in Zugehörigkeit durch Rechtsanspruch, Verlässlichkeit durch Bürokratisierung, Würdigung durch Privilegien!

Verwaltung und Kontrolle binden die Kräfte. Andererseits werden sie zum Korsett, das Verkrümmungen im Rahmen hält. Natürlich verheißt Kontrolle zunächst Sauberkeit, Schutz vor Fehlentwicklung und Missbrauch. Doch selbst ein ordentliches Kontrollsystem gerät leicht zur beherrschenden Organisationsdynamik. Was Aufmerksamkeit erlangt dominiert Kultur. Anders als meist zitiert, soll jedoch das Lenin-Wort besser übersetzt werden mit: Vertraue! Doch kontrolliere auch! [2] Kontrolle als Ergänzung und nicht Ersatz! Nicht leicht einen guten Pfad und maßvolles Vorgehen zu finden.

Dialogische Kontrollkultur und Leistung.

Gesunde Gemeinwesen brauchen Kontrolle, vorrangig gelernte und kulturell bestärkte Selbstkontrolle. Außenkontrolle soweit notwendig, möglichst nur übergangsweise und dann als Sicherung im Hintergrund. Vertrauenskultur darf nicht zahnlos sein. Sonst wird sie zu verwundbar gegenüber Störern. 

Vertrauen hat viel mit Leistung zu tun. Risiko und Kreativität sind nötig, um Gemeinwesen lebendig zu halten. Zur positiven Risikokultur gehört, dass Lernen aus Fehlern akzeptiert wird und dass durch Rahmen verhindert wird, dass sich Fehler unbemerkt in gefährliche Dimensionen auswachsen. Das funktioniert nur, wenn Verantwortungsdialoge als selbstverständlich institutionalisiert sind und dabei alles auf den Tisch kommt. Das wiederum ist nur der Fall, wenn Vertrauen in den guten Umgang damit gewachsen ist.

Daher unser Motto: Kultur entsteht durch Kultur und Beispiele machen Schule.

 

[1] Streiflichter aus: " Vertrauen und Kontrolle" in Professionen und Organisationen.
Vortrag Bernd Schmid DBVC-Tagung Wiesbaden 2012 - Hier das Manuskript als pdf-Datei und der MP3-Mitschnitt. Die DVD ist erhältlich bei www.dbvc.de/dvd
[2] Mündlich von Eberhard Hauser auf demselben Kongress.

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